BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme e.V. zeigt eine deutliche Wissenslücke bei europäischen Bezahllösungen. Wero kennen demnach 55 Prozent der Befragten nicht, genutzt hat es lediglich ein kleiner Teil. Beim digitalen Euro ist zwar mehr als die Hälfte informiert, doch nur 7 Prozent würden ihn wahrscheinlich nutzen. Gleichzeitig gilt die girocard als die am weitesten verbreitete Debitkarte und soll der Maßstab für neue Systeme bleiben.

Europa rückt die eigene Zahlungsinfrastruktur stärker in den Fokus, doch die Wirkung bleibt in Deutschland vorerst überschaubar. Während mit Wero eine privatwirtschaftliche Lösung für den europäischen Markt anläuft und der digitale Euro als Projekt der Europäischen Zentralbank weiterentwickelt wird, zeigt eine aktuelle repräsentative Erhebung eine erstaunliche Bekanntheitslücke. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat die Wahrnehmung beider Ansätze in Deutschland untersucht und dabei auch abgefragt, wie stark sich die Zahlungsgewohnheiten künftig verändern könnten.
Beim ersten der beiden neuen Konzepte, Wero, sieht die Mehrheit der Befragten keinen unmittelbaren Zugang: Rund zwei Jahre nach dem Start für den europäischen Markt hat 55 Prozent noch nie von dem Bezahlsystem gehört. Weitere 45 Prozent kennen Wero zwar dem Namen nach, aber das reicht kaum bis in die Nutzung hinein: Lediglich 5 Prozent haben es bereits genutzt, und 4 Prozent haben es immerhin freigeschaltet. Interessant ist dabei die Mechanik der Zurückhaltung: Von denjenigen, die Wero kennen, können sich 46 Prozent grundsätzlich vorstellen, es künftig einzusetzen. Gleichzeitig lehnt eine klare Mehrheit derjenigen, die Wero erstmals hörten, eine Nutzung ab (61 Prozent). Unter den 60+-Jährigen fällt die Skepsis besonders stark aus: 80 Prozent sagen, Wero sei nichts für sie.
Beim digitalen Euro zeichnet sich zwar mehr Wissensstand ab, aber auch hier dominiert die Zurückhaltung. 54 Prozent der Befragten haben vom digitalen Euro gehört, doch dieses Wissen übersetzt sich kaum in Zahlungsbereitschaft: Nur 7 Prozent würden ihn wahrscheinlich nutzen, weitere 23 Prozent könnten es sich zumindest vorstellen. Ein gutes Drittel schließt die Nutzung dagegen grundsätzlich aus (31 Prozent), während je 20 Prozent angeben, sich eher nicht vorstellen zu können oder unentschieden sind. Die Altersunterschiede sind in dieser Erhebung besonders deutlich: Bei den 16- bis 29-Jährigen liegt die erwartete Nutzungswahrscheinlichkeit bei 17 Prozent, bei den über 60-Jährigen nur noch bei 2 Prozent. In der älteren Gruppe schließt zudem knapp die Hälfte (47 Prozent) eine Nutzung gänzlich aus.
Dass Deutschland bei der bargeldlosen Zahlungsentwicklung nicht als Vorreiter wahrgenommen wird, unterstreicht ebenfalls die Umfrage. Lediglich 5 Prozent halten Deutschland beim bargeldlosen Bezahlen für führend in Europa, während 41 Prozent meinen, andere Länder seien deutlich weiter vorn. Ein weiteres Drittel (29 Prozent) sieht zumindest einen gewissen Vorsprung. Besonders kritisch fällt das Urteil offenbar bei jenen aus, die im Alltag ohnehin Karte oder Smartphone nutzen: Rund die Hälfte bewertet Deutschland als klar abgehängt (48 beziehungsweise 49 Prozent). Die Erhebung lässt zwar offen, ob diese Einschätzung direkt aus persönlichen Erfahrungen mit der Akzeptanz bargeldloser Zahlungsmittel stammt – sie zeigt aber, dass die Nutzerperspektive in Deutschland spürbar auseinandergehen kann.
Während neue europäische Alternativen noch um Aufmerksamkeit werben müssen, ist die Wahrnehmung im Alltag bei bestehenden Lösungen stabiler. Die girocard gilt laut Umfrage als Referenz im deutschen Zahlungsraum: 98 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren besitzen eine girocard oder eine andere Debitkarte. Kreditkarten besitzen 57 Prozent, wobei sich auch hier ein Einkommenseffekt zeigt: In Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.000 Euro liegt der Besitz bei 32 Prozent, in Haushalten ab 4.000 Euro bei 71 Prozent. Beim mobilen Bezahlen spielt die hinterlegte girocard ebenfalls eine zentrale Rolle: Unter Befragten, die bereits mit Smartphone oder Smartwatch gezahlt haben, haben 74 Prozent ihre girocard hinterlegt. Digitale Kreditkarten nutzen 33 Prozent, eine andere Debitkarte ist bei 10 Prozent mit dem Gerät verknüpft.
Entscheidend für Hersteller, Händler und Zahlungsanbieter ist die Frage, welche Zahlungsmittel mittelfristig als Standard gelten könnten. Die Befragten erwarten in fünf Jahren vor allem Kartenzahlungen: 78 Prozent rechnen häufig mit Karte. Bargeld folgt mit 55 Prozent, das Smartphone liegt mit 49 Prozent auf dem dritten Platz. Andere Zahlungslösungen wie Wero erwartet immerhin jede: r Vierte (39 Prozent) häufiger zu nutzen. Beim digitalen Euro sehen dagegen nur 12 Prozent eine häufige Nutzung in der Zukunft, während krypto- oder digitalwährungsbasierte Ansätze wie Bitcoin mit 4 Prozent am seltensten genannt werden. Ingo Limburg, Vorsitzender der Initiative Deutsche Zahlungssysteme e.V., ordnet die Ergebnisse als Signal, dass Verbraucherinnen und Verbraucher beim Bezahlen vor allem Verlässlichkeit und Stabilität suchen: Neue europäische Bezahlwege könnten zwar künftig eine Rolle spielen, müssten aber Vertrauen aufbauen. Die girocard wird dabei als Beispiel dafür genannt, wie sich Akzeptanz über Jahrzehnte, nahezu lückenlose Präsenz und ein hohes Sicherheitsniveau entwickeln.
Für Unternehmen und Produktverantwortliche steckt in der Studie ein klarer Praxisabgleich: Bekanntheit allein reicht nicht. Selbst bei Wero, das in Deutschland immerhin von 45 Prozent zumindest dem Namen nach eingeordnet wird, bleibt der Sprung von Interesse zu Nutzung klein. Das ist weniger eine Frage der Vision als eine Frage des Ausrollungsdesigns – also wie schnell neue Systeme in alltägliche Zahlkontexte eingebunden werden, wie reibungslos sich Onboarding und Freischaltung gestalten lassen und wie konsequent Händler- und App-Ökosysteme zusammenwirken. Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass etablierte Lösungen wie die girocard nicht nur eine technische Infrastruktur darstellen, sondern auch ein Vertrauens- und Erwartungsprofil, das neue Zahlungsangebote erst messbar übertreffen müssen.
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