FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine repräsentative Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken zeigt deutlich mehr Offenheit für Aktien als das Klischee vermuten lässt. Im Sommer wurden dabei fast 2.200 Menschen befragt, darunter bewerten 65 % Aktien und Wertpapiere als geeignet für die private Altersvorsorge. Bei 16- bis 24-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 77 %. Gleichzeitig bremsen bei vielen vor allem fehlendes Geld, Angst vor Verlusten und Wissenslücken den Schritt in die Börse.

Die Deutschen gelten im Alltag oft als vorsichtig, wenn es um Geldanlage geht. Genau dieses Bild greift die aktuelle Umfrage zu Aktien und Altersvorsorge bewusst an, weil sie eine andere Handlungslogik sichtbar macht: Die Bereitschaft, Wertpapiere für die private Absicherung im Alter zu nutzen, ist stärker ausgeprägt, als es manche Schlagzeilen nahelegen. Im Sommer wurden dafür fast 2.200 Menschen repräsentativ befragt; das Ergebnis landet damit nicht im Bereich einzelner Meinungsumfragen, sondern beschreibt recht belastbar, wie die Bevölkerung Aktien, Fonds und andere Wertpapiere einordnet.
Technisch betrachtet wirkt diese Einschätzung wie ein Fundament für langfristige Portfolioentscheidungen: Wer Aktien und Wertpapiere für die Altersvorsorge als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet, akzeptiert damit grundsätzlich ein Anlageprinzip, das kurzfristige Schwankungen bewusst in Kauf nimmt. Laut Umfrage teilen das insgesamt 65 % der Befragten diese Einschätzung; bei den Jüngeren zwischen 16 und 24 Jahren sind es sogar 77 %. Interessant ist außerdem, wie stark sich die Bewertung nach Altersgruppen unterscheidet: Je jünger die Befragten, desto positiver fällt das Urteil aus. Der Bankenverband bringt das auf den Punkt, indem er vor allem bei jungen Menschen eine große Offenheit gegenüber Aktien und Fonds sowie eine höhere Risikobereitschaft in der Geldanlage hervorhebt.
Auch die konkrete Nutzungsmuster der Befragten zeigen, dass es nicht nur um Theorie geht. In der Umfrage rangieren Wertpapiere mit 41 % bereits an zweiter Stelle der meistgenutzten Anlageformen, direkt hinter Tagesgeld (44 %). Für die jüngere Gruppe kehrt sich die Rangfolge sogar um: Wertpapiere werden dort klar vor Tagesgeld genannt. Gleichzeitig bleibt sichtbar, dass Produkte wie Lebensversicherung und Bausparvertrag vor allem in den mittleren Generationen verbreitet sind. Diese Mischung aus Wertpapier-Nähe bei Jüngeren und traditionelleren Instrumenten bei Älteren ist ein typisches Übergangsbild in Märkten, in denen sich Gewohnheiten über Jahrzehnte sedimentieren und gleichzeitig neue Zugangswege (etwa über digitale Konten, Apps oder Sparpläne) eine schnellere Verbreitung begünstigen.
Während die Einstellungsdaten also Chancen signalisieren, zeigen die gleichen Ergebnisse auch die Bremsklötze. Gerade hier wird das Zusammenspiel aus Psychologie und Budgetbedingungen greifbar: Fehlendes Geld nennt mit 29 % den häufigsten Grund für Zurückhaltung, gefolgt von Angst vor Verlusten (21 %) und fehlendem Wissen (18 %). Hinzu kommt ein Muster, das im Alltag vieler Privatanleger sehr vertraut ist: Sicherheit bleibt ein Leitmotiv, selbst bei den Jüngeren. Das erklärt teilweise, warum viele zwar grundsätzlich offen für Wertpapiere sind, aber den Schritt in eine konsequent langfristige Vorsorgestrategie aufschieben. Auffällig ist außerdem, dass Wissensunterschiede nicht automatisch entlang der Generationen verlaufen, wie man es oft erwartet: Nach eigener Einschätzung kennen sich etwa die Hälfte (52 %) der Befragten in Geldfragen gut aus. Beim Börsenwissen geben besonders Jugendliche und junge Erwachsene mit 45 % an, sich auszukennen, was die Offenheit weiter stützt.
Der Umfragekontext wird zusätzlich dadurch schärfer, dass zugleich die Zahl der Aktionäre in Deutschland gewachsen ist. Das Deutsche Aktieninstitut führt für 2025 an, dass 14,1 Millionen Menschen Aktien, Aktienfonds und/oder ETFs besitzen – fast zwei Millionen mehr als im Vorjahr. Diese Entwicklung wirkt wie ein Bestätigungssignal: Wenn Einstellungswerte und reale Beteiligung gleichzeitig steigen, spricht das dafür, dass zumindest ein Teil der Offenheit tatsächlich in Anlageverhalten übergeht. Trotzdem bleibt die Barriere „Zeit“ ein wiederkehrendes Thema. Denn nicht nur das Für-und-Wider gegenüber Aktien steht im Raum, sondern auch die Entscheidung, wann man sich mit Altersvorsorge konkret befasst. Laut Umfrage schieben 64 % der Jungen die Beschäftigung mit dem Thema auf; bei den noch erwerbsfähigen Senioren ab 60 Jahren sind es sogar 27 %. Besonders deutlich wird das Timing-Problem, wenn man die Finanzplanung betrachtet: Unter Senioren machen 45 % regelmäßig Finanzplanung, während es bei den 16- bis 24-Jährigen nur 24 % sind.
Genau an dieser Lücke setzt die Debatte um das „geplante Altersvorsorgedepot“ an, das laut Bankenverband die Chance bietet, mehr Menschen für den Kapitalmarkt zu gewinnen und den langfristigen Vermögensaufbau zu fördern. Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, formuliert dabei die Konsequenz des Aufschiebens ziemlich klar: Wer sich erst später mit Finanzen und Altersvorsorge beschäftigt, verliere wertvolle Zeit und Geld. Aus Sicht der Geldanlage ist das ein plausibler Mechanismus, weil langfristige Strategien nicht nur vom Anlagehorizont abhängen, sondern auch von wiederkehrenden Investitionen und dem Vermögensaufbau durch Zins- und Renditeeffekte über viele Jahre. Insofern ist die Botschaft der Umfrage weniger „Aktien sind für alle richtig“, sondern eher: Die Bereitschaft ist da, aber der Übergang in eine stabile Vorsorgepraxis scheitert häufig an Hürden, die sich adressieren lassen – etwa durch verständliche Produktgestaltung, bessere Erklärangebote und ein Vorsorgesystem, das die Hemmschwelle für den ersten Schritt senkt.
Für die Marktteilnehmer ergibt sich daraus ein konkreter Handlungsrahmen. Finanzanbieter, Beraterteams und auch digitale Plattformen müssen die psychologischen Faktoren (Angst vor Verlusten, Wunsch nach Sicherheit) ernst nehmen und gleichzeitig Wissenslücken schließen, statt nur Renditeversprechen in den Vordergrund zu stellen. Gleichzeitig deutet die Altersdifferenz darauf hin, dass Ansprache und Produktlogik nicht bei allen Zielgruppen identisch funktionieren: Jüngere reagieren nach den Umfragewerten offenbar offener auf Wertpapiere und Risikobezüge, während bei älteren Gruppen traditionellere Instrumente stärker verankert sind. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Initiativen rund um das Altersvorsorgedepot diese Lücke zwischen „grundsätzlicher Zustimmung“ und „regelmäßiger Umsetzung“ wirklich verkleinern. Bis dahin bleibt die zentrale Erkenntnis der Umfrage: Die Börse ist für viele kein No-Go mehr – aber die Vorsorgeentscheidung wird häufig noch zu spät getroffen.
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