LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei Ausschüsse im US-Abgeordnetenhaus haben am selben Tag Fortschritte bei Krypto-Regeln gemacht. Einerseits billigte der Ausschuss für Financial Services die Einrichtung einer strategischen Bitcoin-Reserve, die beschlagnahmte BTC zentral über die US-Finanzverwaltung lagern soll. Andererseits schob der Ausschuss für Ways and Means ein Steuergesetz vor, das für digitale Assets erstmals einen klaren Bundesrahmen schaffen und die Wash-Sale-Regeln darauf ausweiten will. Im Senat war zuvor ein zentraler Gesetzesvorschlag zur Marktregulierung gescheitert, wodurch der Zeitplan nun vor allem von den nächsten Abstimmungen abhängt.

Im US-Kryptorecht zeichnet sich gerade ein zweigleisiger Fortschritt ab: Während im US-Senat der Versuch scheiterte, den CLARITY Act per Verfahrensantrag weiterzubringen, haben zwei Ausschüsse im Abgeordnetenhaus separate Gesetzentwürfe verabschiedet. Das ist politisch nicht nur ein symbolischer Erfolg, sondern eine echte Weichenstellung, weil damit gleich zwei bislang umkämpfte Bereiche in Angriff genommen werden: die Verwahrung beschlagnahmter Bitcoin über eine zentrale staatliche Stelle und die steuerliche Behandlung digitaler Assets auf Bundesebene.
Den Auftakt machte der Ausschuss für Financial Services. Dort wurde H.R. 8957, der „American Reserve Modernization Act“, mit 28-21 Stimmen angenommen. Der Gesetzentwurf geht auf einen Vorschlag von Abgeordnetem Nick Begich zurück und soll bei der praktischen Umsetzung vor allem an der Schnittstelle zwischen Strafverfolgung und Staatskasse ansetzen: Laut Entwurf sollen federally forfeited Bitcoins in eine Treasury-Reserve überführt und mindestens 20 Jahre gehalten werden. Für andere digitale Assets soll daneben eine separate Bestandsstruktur entstehen, wodurch der Gesetzestext die Frage beantwortet, wie weit eine zentrale Reserve tatsächlich reichen soll und ob sich die Verwahrung nach Asset-Klassen differenziert.
Technisch betrachtet zielt der Entwurf damit auf ein Problem, das in der Praxis immer wieder auftaucht: Wie werden beschlagnahmte Krypto-Vermögenswerte gesichert, nachvollziehbar verwaltet und über lange Zeit hinweg konsistent in den Bestand übertragen? In der Begründung von Abgeordnetem Bryan Steil wird genau dieser Punkt adressiert. Steil erklärte: „We cannot allow Bitcoin to be held by the federal government to languish in fragmented and inconsistent custody… It directs the Treasury Department to centralize the custody of all Bitcoin and other digital assets seized through the final criminal and civil forfeiture…“. Dass hier bewusst die „centralize the custody“-Logik betont wird, macht deutlich, dass nicht die Ertragsverwendung im Vordergrund steht, sondern die Governance der Verwahrung und der Zugriffskette.
Wie groß der Hebel sein könnte, lässt sich zumindest grob an den Schätzungen ablesen, die der Bericht nennt: Laut Arkham Intelligence soll die US-Regierung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schätzungsweise 324.527 Bitcoin halten, bewertet mit 24,8 Milliarden US-Dollar. Solche Zahlen sind für den Markt relevant, weil staatliche Bestände nicht wie typische Börsen-Wallets funktionieren: Sie unterliegen rechtlichen Prozessen (final criminal and civil forfeiture), internen Sicherheits- und Compliance-Schichten sowie einer politischen Handlungslogik. Eine Reserve mit definierter Verwahrdauer verändert daher nicht unmittelbar die kurzfristige Kursarithmetik, aber sie kann das Erwartungsmanagement beeinflussen, insbesondere wenn Marktteilnehmer künftig stärker darauf achten, wann und unter welchen Bedingungen staatliche Bestände überhaupt bewegt werden.
Parallel dazu hat der Ausschuss Ways and Means mit H.R. 10357, dem „Digital Asset Tax Certainty Act“, ebenfalls eine Abstimmungsentscheidung getroffen – diesmal mit 38-5 Stimmen. Der Entwurf soll einen klareren steuerlichen Rahmen schaffen und dabei auch die Wash-Sale-Regeln auf digitale Assets ausweiten. Damit wird ein Problem adressiert, das in vielen Steuerjurisdiktionen bei volatilen Vermögenswerten auftaucht: Wenn Anleger Verluste realisieren, aber ihre wirtschaftliche Position über ähnliche Instrumente schnell wieder aufbauen, können steuerliche Gestaltungen den Verlustabzug verzerren. Indem der Gesetzentwurf diese Logik auf Krypto überträgt, versucht er, die Behandlung stärker zu standardisieren – und zwar als Bundesgesetz, nicht nur über Einzelfallinterpretationen.
Für die Marktstruktur bedeutet das: Während die Reserve-Logik vor allem die Verwahrseite und damit die operationalen Abläufe berührt, greift der Steuerentwurf an der Anwendungsseite an – also dort, wo Unternehmen, Börsen, Custodians und auch Privatanleger ihre Buchhaltung und Reporting-Prozesse aufsetzen müssen. Chairman Jason Smith beschreibt den politischen Anspruch ausdrücklich: Es solle das erste Bundesgesetz sein, das die substanzielle steuerliche Behandlung von Kryptowährungen und anderen digitalen Assets adressiert. Der Bericht stellt außerdem den Fahrplan klar: Beide Maßnahmen brauchen als nächstes jeweils eine Abstimmung im Plenum des Abgeordnetenhauses, dann die Passage im Senat und schließlich die Unterschrift durch den Präsidenten. Der 119. Kongress endet im Januar – damit verschiebt sich die praktische Priorität auf die nächsten politischen Termine statt auf weitere Zwischenverhandlungen.
Im Gesamtbild ist der Fortschritt bemerkenswert, weil er genau die Lücke füllt, die durch das Scheitern der CLARITY-Agenda im Senat entstanden ist. Während die Gesetzgebung zur Marktregulierung nicht sofort greift, wird die Technologie- und Infrastrukturumgebung des US-Kryptosektors nun über zwei andere Hebel präziser: Verwahrung und Besteuerung. Für Unternehmen heißt das, dass Roadmaps für Custody-Workflows, Datenhaltung und steuerliche Zuordnung kurzfristig neu kalibriert werden können, sobald Details der finalen Textfassungen feststehen. Gleichzeitig bleibt die große Unsicherheit natürlich bestehen, weil der Gesetzgebungsweg noch nicht abgeschlossen ist und es im Senat häufig zu weiteren Änderungen kommt – aber der Momentum-Shift innerhalb des Repräsentantenhauses ist klar ablesbar.
Strategisch dürfte der entscheidende Punkt sein, wie gut sich die beiden Gesetze in den Vollzug integrieren lassen: Die Reserve-Entscheidung kann die langfristige Verwahrung vereinheitlichen, die steuerliche Klarheit kann dagegen die buchhalterische und regulatorische Planbarkeit erhöhen. Beides zusammen betrifft die gleiche Lieferkette, aber in unterschiedlichen Rollen: Der Staat wird vom „externen Verwahrer“ stärker zum systemischen Akteur, und Marktteilnehmer müssen sich darauf einstellen, dass ein Bundesrahmen für digitale Assets nicht länger nur im Nebel existiert. Bis zur möglichen Unterschrift bleibt dennoch abzuwarten, wie stark der Text in der Endfassung konkretisiert wird und ob sich das Timing im letzten Abschnitt des 119. Kongresses politisch tatsächlich durchziehen lässt.
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