WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Regierung hat die Zollpause im Handelsstreit mit China laut Finanzminister Scott Bessent um zwei Monate verlängert. Sie soll demnach nicht bis zum 10. November, sondern bis zum 10. Januar gelten. Im Hintergrund laufen weiterhin Spannungen rund um Exportkontrollen für Chips und seltene Erden, die auch für KI-Entwicklung relevant sind. Gleichzeitig bleibt offen, wie belastbar die Verständigung über den Jahreswechsel hinaus wirklich ist.

Kaum war Xi Jinping in Washington gelandet, stellte die US-Seite den nächsten Schritt im Handelskonflikt in den Vordergrund: Finanzminister Scott Bessent erklärte beim Sender Fox News, dass die sogenannte Zollpause um zwei Monate verlängert werden solle. Konkret geht es laut seinen Angaben um eine Verschiebung des ursprünglichen Enddatums vom 10. November auf den 10. Januar. Bemerkenswert ist, dass es von chinesischer Seite zunächst noch keine unmittelbare Bestätigung gab; auch das Handelsministerium ließ eine Anfrage unbeantwortet, während das Außenministerium erklärte, für die von Bessent adressierte Sache nicht zuständig zu sein.
Für Unternehmen wirkt sich eine Zollpause weniger als „Entspannung“ aus, sondern vor allem als Planungsfenster. Der Hintergrund: Im Frühjahr 2025 eskalierte der Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften deutlich. Die USA erhöhten ihre Einfuhrzölle auf chinesische Waren auf bis zu 145 Prozent, China antwortete mit Gegenzöllen von bis zu 125 Prozent und verhängte Exportkontrollen auf strategisch wichtige Rohstoffe. Im Oktober hatten Trump und Xi im südkoreanischen Busan unter anderem vereinbart, zusätzliche hohe Zölle auszusetzen. Die jetzt angekündigte Verlängerung knüpft an dieses Muster an: Sie reduziert kurzfristig Kostendruck, verlagert aber das Risiko in die Zeit nach dem neuen Stichtag.
Technisch und industriell verschiebt sich der Fokus der Streitigkeiten zudem von Zolltarifen hin zu „Kontrollpunkten“ in der Lieferkette. Peking kritisiert US-Exportkontrollen auf Halbleiter und Chips mit Blick auf die KI-Entwicklung, während Washington China vorwirft, bestimmte Rohstoffe gezielt zurückzuhalten. Bei seltenen Erden hängt die Ausfuhr für ausländische Unternehmen derzeit an Genehmigungen des chinesischen Handelsministeriums. In der Praxis gilt das Verfahren laut Handelskammern als aufwendig und schwer durchschaubar, weil die Behörde viele detaillierte Angaben zur geplanten Verwendung abfragt. Berichtet wird außerdem, dass Lizenzen mitunter ohne nachvollziehbare Begründung nicht erteilt werden.
Damit entsteht ein doppelter Unsicherheitsfaktor: Selbst wenn Zölle zeitweise sinken, können Engpässe bei spezialisierten Materialien oder Einschränkungen beim Export von Schlüsselkomponenten die Kosten- und Zeitplanung dominieren. Die EU-Handelskammer in China begrüßte die angekündigte Verlängerung, verwies jedoch zugleich darauf, dass eine Umsetzung der geplanten zusätzlichen Exportkontrollen in ihren Augen lähmende Effekte auf die Industrie hätte. Für den Zeitraum bis zum 10. Januar verbessert sich zwar die Kalkulationsbasis, aber das Risiko für Lieferketten bleibt bestehen, weil die eigentliche politische Aushandlung offenbar weiterhin offen ist.
Aus Markt- und Verhandlungssicht kommt hinzu, dass unterschiedliche Zeithorizonte aufeinanderprallen. Der China-Experte Scott Kennedy vom US-Forschungsinstitut CSIS hatte im Vorfeld angedeutet, Peking wünsche sich eine Verlängerung bis zum Ende von Trumps Amtszeit. Washington wolle dagegen offenbar nur wenige zusätzliche Monate, um Druck auf China aufbauen zu können. Diese Differenz ist entscheidend: Während China einen längeren Planungskorridor anstrebt, setzt die US-Seite offenbar eher auf zeitlich begrenzte Entlastung, gekoppelt an weitere Forderungen. Gerade für Branchen mit komplexen Vorprodukten – etwa Elektronik, Maschinenbau und Teile der Automobilzulieferung – reicht ein reines Zoll-„Stop-and-Go“ oft nicht aus, wenn gleichzeitig Genehmigungen, Exportregeln und Materialzugänge schwanken.
Während parallel über Handelspolitik verhandelt wird, spielt die Tech-Industrie auch auf der Bühne des Besuchs eine Rolle. Am Donnerstag standen ein Empfang im Weißen Haus, Gespräche der Präsidenten und am Abend ein Staatsbankett auf dem Programm. Erwartet wurden dabei führende Vertreter der US-Wirtschaft, darunter Tesla-Chef Elon Musk, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Apple-Verwaltungsratschef Tim Cook, Alphabet-Chef Sundar Pichai sowie NVIDIA-Chef Jensen Huang. Für die industrielle Perspektive sind solche Begegnungen zwar nicht automatisch gleichbedeutend mit konkreten regulatorischen Ergebnissen – sie signalisieren aber, dass die Schnittstelle aus Handel, Halbleiterökosystem und KI-Investitionen im Zentrum der aktuellen Gespräche steht. Für Freitag waren zudem ein gemeinsamer Tee der Präsidentenpaare und ein Besuch im US-Nationalarchiv vorgesehen.
Insgesamt zeigt die angekündigte Verlängerung der Zollpause bis zum 10. Januar vor allem eines: Die USA und China steuern den Konflikt derzeit über Taktik und Zeitfenster, nicht über eine endgültige Strukturreform. Für Unternehmen in Europa und Deutschland ist das relevant, weil Absatzmärkte und Lieferketten eng verflochten sind und höhere US-Zölle auf chinesische Waren Hersteller dazu bringen können, Produktions- oder Vertriebswege stärker nach Europa zu verlagern. Für die nächsten Wochen dürfte deshalb weniger die Schlagzeile entscheidend sein als die Frage, ob sich aus der aktuellen Entlastung ein belastbarer Pfad ergibt – oder ob der Konflikt nach dem Jahreswechsel wieder in den Vordergrund rückt.
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