LONDON (IT BOLTWISE) – Rund um die US-Zwischenwahlen zeigt der S&P 500 historisch eine auffällige Schwäche vor dem Wahltag und anschließend häufig eine kräftige Erholung. Mehrere Datensätze aus unterschiedlichen Zeiträumen deuten zudem auf ein starkes drittes Jahr im vierjährigen Zyklus hin. Für 2026 verschärft eine besonders knappe Kongresskonstellation den Blick auf die wahrscheinlich betroffenen Branchen. Morgan Stanley sieht dabei Rückenwind für Rüstung, Technologie und Finanzwerte – während Energie, Gesundheitswesen und Private Equity eher unter Druck geraten könnten.

Wer den S&P 500 vor den US-Zwischenwahlen nur als Risiko-Phase liest, greift laut den im Text genannten Auswertungen zu kurz: Zwar gab der Index in jedem Zwischenwahljahr seit 1962 im Schnitt zwischen Mitte August und dem Wahltag um rund 8 Prozent nach und markierte in zehn von 16 Zyklen sein Jahrestief im Oktober. Gleichzeitig zeigt sich aber im zweiten Teil des Musters eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit – auf schwache Wochen vor der Wahl folgt historisch eine der verlässlichsten Erholungsphasen innerhalb des gesamten vierjährigen Wahlzyklus. Diese Zweiteilung ist entscheidend, weil sie das Timing der Erwartungen verändert: Nicht die reine Frage „Kann es fallen?“ steht im Vordergrund, sondern wie schnell sich ein Kursrutsch nach dem Wahltag häufig wieder aufholt.
Für die Einordnung liefert der Text mehrere Zahlen aus verschiedenen Datensätzen. JPMorgan Wealth Management beziffert für den Zeitraum von 1945 bis 2025 den durchschnittlichen Kursgewinn des S&P 500 im Zwischenwahljahr auf 3,8 Prozent – im Vergleich zu 10,9 Prozent in den übrigen drei Jahren des Präsidentschaftszyklus. Gleichzeitig seien die durchschnittlichen Rückgänge in Zwischenwahljahren deutlich größer: In diesen Jahren fällt der Index laut der genannten Spanne um 18 Prozent, während es in den Nicht-Wahljahren 12,4 Prozent seien. Auffällig ist außerdem die Verteilung über das Jahr: In den ersten drei Quartalen verliere der Index im Schnitt 0,9 Prozent, im vierten Quartal komme dagegen durchschnittlich ein Plus von 6,4 Prozent hinzu. Damit wird das saisonale Muster weniger zu einer abstrakten „Wahlstory“ und mehr zu einer Frage der Quartalsdynamik nach dem Machtwechsel im Kongress.
Nicht weniger wichtig ist die Form der Erholung nach den Ergebnissen. Eine Auswertung von 31 Zwischenwahlen seit 1900 kommt dem Text zufolge auf ein durchschnittliches Plus von 12,4 Prozent in den zwölf Monaten nach der Wahl – nach zuvor nur 2,9 Prozent in den zwölf Monaten davor. Capital Group nennt für die durchschnittliche Jahresrendite seit 1950 sogar 15,4 Prozent, etwa doppelt so hoch wie in Nicht-Wahljahren; entscheidend dabei ist, dass in dieser Stichprobe jedes einzelne Zwölf-Monats-Fenster positiv ausfiel. Für den Blick über Zeiträume hinweg stützt auch die Angabe zu Bloomberg-Daten seit 1968 das Bild: In den sechs Monaten nach der Wahl legt der Index im Schnitt um 13,3 Prozent zu, gegenüber 4,4 Prozent in Jahren ohne Wahl. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein konsistenter Mechanismus aus Markterwartungen und Bewertungsanpassungen: Erst die Unsicherheit vor der Abstimmung, dann die Neubewertung, sobald klare Mehrheitsverhältnisse feststehen.
Der Text hebt zudem eine weitere Ebene hervor: Das Jahr nach den Zwischenwahlen ist historisch häufig das dritte Jahr im vierjährigen Präsidentschaftszyklus. Daten, auf die verwiesen wird (New York University als Quelle der Datenbasis und Bezug auf die im Text erwähnte Auswertung), zeigen für 20 dritte Jahre zwischen 1947 und 2023 einen Durchschnittsgewinn von rund 20 Prozent bei durchweg positivem Ausgang; der Median liegt bei etwa 22,5 Prozent. Selbst „schwierige“ dritte Jahre seien demnach am Jahresende im Plus geblieben: 1987 (Börsencrash) mit +5,8 Prozent, 2011 nach der US-Bonitätsherabstufung sowie im Kontext der europäischen Schuldenkrise mit +2,1 Prozent. Für Investorinnen und Investoren ist das relevant, weil es den Blick auf den Zeitraum erweitert: Selbst wenn die unmittelbare Phase vor der Wahl unruhig bleibt, kann das Makro- und Erwartungsumfeld später in den Zyklus hinein Unterstützung liefern.
Für 2026 kommt laut dem Text jedoch eine politische Besonderheit hinzu, die weniger mit dem „Saisonkalender“ zu tun hat und mehr mit Verteilungsfragen im Gesetzgebungsprozess. Morgan Stanley beziffert die Mehrheit im Repräsentantenhaus auf 220 zu 215 Sitze zugunsten der Republikaner – damit knappste Konstellation seit 1930. Historisch habe die Partei des amtierenden US-Präsidenten bei Zwischenwahlen im Schnitt 30 Sitze im Repräsentantenhaus und vier im Senat verloren. Gleichzeitig werden als Faktoren für die Wählerstimmung nicht nur Wachstumsdaten genannt, sondern vor allem Inflation und Benzinpreise. In einer solchen Gemengelage verschiebt sich der Marktfokus häufig von „breiten“ Makroerwartungen hin zu sektoralen Hebeln: Welche Ausschüsse und Budgets sind erreichbar? Wie schnell lassen sich regulatorische Unsicherheiten reduzieren oder verschärfen?
Aus genau diesem Grund nennt der Text eine sektorale Gewinner- und Verliererlogik. Bei geteilten Kongressmehrheiten sieht Morgan Stanley vor allem Rückenwind für Rüstungs-, Technologie- und Finanzwerte. Konkret werden Rüstungstitel als potenziell profitiert beschrieben, weil sicherheitspolitische Ausgaben parteiübergreifend Unterstützung finden können. Technologieunternehmen mit Bezug zu Künstlicher Intelligenz, Halbleitern, Cybersicherheit und Unternehmenssoftware könnten ebenfalls im Vorteil sein, wenn die Politik stärker auf Innovation, Infrastruktur und Wettbewerb mit China setzt. Finanzwerte wiederum könnten dem Text zufolge von größerer regulatorischer Klarheit profitieren sowie von einem weniger belastenden Umfeld für Fusionen und Übernahmen, falls eine Blockade eine aggressive Neuregulierung erschwert. Gleichzeitig sieht Morgan Stanley mehr Reibung in anderen Bereichen: Klimapolitik könnte durch uneinheitliche Regeln auf Bundesstaatenebene stärker fragmentiert werden, was Planungssicherheit für langfristige Investitionen reduziert. Gesundheits- und Pharmawerte könnten durch Zölle, internationale Referenzpreise und veränderte Erstattungsmodelle unter Druck geraten, während Private-Equity-Häuser mit schärferer behördlicher Prüfung rechnen müssten – besonders in Gesundheitswesen, Wohnimmobilien und Konsumgütern. Auch Digitalwerte könnten stärker in den Fokus des Kongresses rücken, etwa bei Fragen zu Verwahrung, Zahlungsverkehr und Stablecoins.
Für Unternehmen und Portfolios folgt daraus weniger ein „Kauf- oder Verkaufsautomatismus“ aus dem Wahlmuster, sondern eher ein Anlass, die eigene Exponierung nach Zeit und Thema zu strukturieren. Wenn die Historie – wie im Text dargestellt – häufig eine Erholungsphase im vierten Quartal nahelegt, heißt das nicht automatisch, dass jedes Unternehmen im Gleichschritt profitiert. Entscheidender wird, ob die operative Ergebnislogik eher von Budget- und Innovationszyklen (z. B. Rüstung, Infrastruktur, IT-Security) oder von regulatorischer und erstattungsbezogener Unsicherheit (z. B. Gesundheit, bestimmte Finanz- und Digitalthemen) abhängt. Der Text schließt entsprechend pragmatisch: Ob sich das historische Muster auch diesmal bestätigt und wann der S&P 500 tatsächlich im vierten Quartal dreht, zeigt sich in den Handelswochen nach der Feststellung der Mehrheitsverhältnisse. Bis dahin bleibt die wichtigste Lehre aus den genannten Daten die Kombination aus Timing und Sektor-„Treibern“, nicht nur die Richtung des Gesamtmarkts.
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