LONDON (IT BOLTWISE) – Valerie Bures beschreibt, wie sie Karriere und Familiengründung parallel gestemmt hat, ohne dabei Selbstoptimierung zum Dogma zu machen. Die Partnerin beim VC XAnge setzt auf Prioritäten statt auf die Illusion, in jedem Bereich dauerhaft Vollgas zu geben. In ihrem Rückblick wird Vereinbarkeit vor allem als Ergebnis von Entscheidungen und Kompromissen sichtbar. Gleichzeitig spricht sie offen über den Preis: über Jahre hinweg nur vier Stunden Schlaf pro Nacht.

Valerie Bures bringt eine seltene Mischung aus Startup-Realität und Familienalltag in ein Gespräch über Vereinbarkeit ein: Sie war Gründerin und über viele Jahre Führungskraft bei der Fitnesskette Mrs. Sporty und ist heute Partnerin beim französischen VC XAnge. Dass diese Biografie nicht ohne Reibung funktioniert, macht sie zum Ausgangspunkt ihrer Botschaft. Im Kern geht es ihr um die Frage, wie Karriere und Familiengründung im selben Zeitraum überhaupt handhabbar bleiben, wenn die Anforderungen an Energie, Zeit und Aufmerksamkeit objektiv steigen.
Für Bures ist dabei entscheidend, dass es keine „Lösung, die für alle funktioniert“ gibt. Stattdessen beschreibt sie Vereinbarkeit als Praxis der Priorisierung: nicht in jedem Bereich maximal performen, sondern Schwerpunkte setzen und die Folgen von Kompromissen akzeptieren. Das klingt nach Selbsthilfe – wirkt hier aber wie ein operatives Prinzip, das man auch in Unternehmen kennt: Ressourcen sind begrenzt, Prioritäten bestimmen den Takt. Ihre Aussage führt dazu, dass Tempo und Intensität von Lebensphasen variieren dürfen, ohne dass das als Scheitern gewertet wird.
Besonders konkret wird es bei ihrer persönlichen Zeitbilanz. Bures erzählt, dass sie früh drei Kinder bekam und trotzdem über Jahre in Führungsrollen blieb. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass nicht alles gleichzeitig in derselben Intensität laufen kann: „Irgendetwas fällt dann eben immer runter“, fasst sie die Logik zusammen. In diesem Spannungsfeld definiert sie Erfolg weniger über Statusmarker wie Macht oder Sichtbarkeit, sondern über das Zusammenspiel aus einem „geilen Job“ und ausreichend Zeit für die Kinder. Dass diese Balance nicht kostenlos ist, zeigt ihr Rückblick auf Schlaf: Sie sagt, sie habe über Jahre hinweg nur vier Stunden pro Nacht geschlafen, obwohl sie ihre Ziele „ganz gut“ hinbekommen habe.
Damit verbindet sie eine zweite Ebene, die über die reine Zeitplanung hinausgeht: weg von der Orientierung an Erwartungen anderer. Bures beschreibt, dass sie früher stärker versucht habe, es allen recht zu machen – und sie verweist explizit auf den zusätzlichen Druck, der laut ihrer Beobachtung bei Frauen oft von außen stärker kommentiert und bewertet wird. Ihr Rat zielt folglich nicht nur auf bessere Workflows, sondern auf mentale Autonomie: nicht von externem Lärm steuern lassen, sondern den eigenen Weg konsequent einplanen. Für Führungskräfte ist das ein wichtiger Punkt, weil Karriereentscheidungen häufig nicht allein durch Unternehmenslogik entstehen, sondern durch die Frage, welche Rollenbilder man unbewusst erfüllt.
Der Rahmen, in dem Bures ihre Ansichten teilt, verweist zugleich auf eine zweite, technische Dimension: „Gründerszene sucht die Supergründer“ ist ein zehnwöchiges Startup-Fellowship, in dem ausgewählte Fellows in Berlin Consumer-Startups mit Hilfe von KI entwickeln – von der Idee bis zum ersten Produkt. Während des Programms arbeiten die Fellows gemeinsam im Axel-Springer-Hochhaus und werden durch Unternehmer, Investoren und Experten begleitet; Partner wie OpenAI, Vercel, Dash0 und DHL unterstützen mit Technologie, Know-how und Mentoring. Dass eine solche Umgebung als Lern- und Inkubatorformat funktioniert, passt erstaunlich gut zu Bures’ Argument: Auch im Startup-Alltag entscheidet Priorisierung über Überleben und Geschwindigkeit, weil nicht jede Idee gleichzeitig maximal verfolgt werden kann.
Aus dieser Verknüpfung lassen sich praktische Schlüsse ableiten – für Unternehmen genauso wie für Einzelpersonen. Erstens verschiebt sich der Fokus von „Vereinbarkeit als Idealgeschichte“ hin zu Vereinbarkeit als Portfolio aus Prioritäten und bewusst gesetzten Kompromissen. Zweitens wird klar, dass sich Karriere nicht zwangsläufig und dauerhaft linear fortsetzen lässt; sie verändert Tempo und Intensität, wenn neue Lebensaufgaben hinzukommen. Drittens zeigt Bures, dass Erfolg in ganz unterschiedlichen Definitionen münden kann, solange man sie selbst begründet – etwa mit der Kombination aus beruflicher Qualität und Zeit für Familie. Und viertens wird Mutterschaft und Führung zwar möglich, aber nicht ohne Reibung, was gerade für HR- und Leadership-Programme die falsche Erwartung „Reibungslosigkeit“ entkräftet: Stattdessen sollte man Regelmechanismen schaffen, die Prioritätswechsel erlauben, ohne Karrierepfade zu bestrafen.
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