LONDON (IT BOLTWISE) – Die Commerzbank sucht Investoren für die insolventen Varta-Gesellschaften, während die Verkaufsunterlagen deutlich höhere Perspektiven zeichnen. Für Mikrobatterien und Powerpacks werden künftige Umsätze und ein steigender EBITDA-Ausblick genannt. Gleichzeitig zeigt der Zeitverlauf vor der Insolvenz, dass eine Finanzierungslücke von 50 bis 100 Millionen Euro die entscheidende Hürde wurde. So prallen Business-Plan-Optimismus und Kredit-Realität aufeinander.

Mit dem Investorensuchen für den insolventen Batteriehersteller Varta rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die in Restrukturierungen immer wieder für Diskussionen sorgt: Wie kann ein Business-Plan so positiv wirken, wenn die operative und finanzielle Lage zum Insolvenzantrag nicht dazu passte? Grundlage der aktuellen Offerte sind Verkaufsunterlagen, die als Basis für den Verkauf des Konzerns als Ganzes oder in zwei Teilen dienen sollen. Dort werden für die nächsten Jahre klare Wachstums- und Ergebnisziele skizziert, während parallel deutlich wird, dass die Finanzierung nicht nur schwierig war, sondern kurzfristig zum Problem wurde.
Technisch und wirtschaftlich werden bei der Aufteilung vor allem zwei Segmente zusammengefasst: Mikrobatterien, die etwa in Hörgeräten eingesetzt werden, und Powerpacks für Maschinen sowie mobile Geräte wie Bohrmaschinen. In den Unterlagen ist ein Gesamtvolumen von knapp 180 Millionen Euro für das kommende Jahr vorgesehen, danach soll der Umsatz auf knapp 300 Millionen Euro ansteigen. Gleichzeitig soll das EBITDA im Zeitraum von 23 auf 61 Millionen Euro wachsen. Für Käufer ist das attraktiv, weil es nicht nur um den Erhalt von Produktionskapazitäten geht, sondern um die Vorstellung, dass sich Umsatz und Profitabilität mit den richtigen Absatzwegen wieder stabilisieren lassen.
Bei den Mikrobatterien knüpft die Story an Wearables- und Gesundheitsdaten-Anwendungen an. Genannt werden Messgeräte wie Fitnesstracker oder Zuckermessungen für Diabetiker, deren Verbreitung in den nächsten Jahren deutlich zunehmen soll. Die Powerpack-Sparte wiederum wird mit Märkten verknüpft, die in bestimmten Branchen gerade besonders dynamisch sind: Von maßgeschneiderten Batterien für Drohnen bis hin zu Robotik als potenziellem Abnehmer. Auch die Personalplanung ist Teil des Bildes: Zusammen sollen beide Sparten künftig rund 1.335 Vollzeitkräfte beschäftigen, allerdings mit einem Rückgang um etwa 600 gegenüber dem Stand im Juni 2026. Dieser Abbau wird unter anderem mit der Schließung eines Werks in Nördlingen begründet, wo noch bis Ende Oktober Batterien für Apples Ohrhörer AirPods gefertigt werden sollen.
Gerade diese Mischung aus Wachstumsnarrativ und operativen Einschnitten macht den Kontrast zur Insolvenz besonders sichtbar. Kurz vor dem Insolvenzantrag soll der Konzern zwar rund 70 Millionen Euro in der Kasse gehabt haben, von akuter Zahlungsunfähigkeit allein war daher nicht die Rede. Entscheidend war vielmehr, dass die Sanierungsberater eine perspektivische Finanzierungslücke in einer Größenordnung von 50 bis 100 Millionen Euro errechneten. Als dann die Eigentümer – darunter der Investor Michael Tojner und der Autobauer Porsche – die Lücke nicht schließen wollten, stellten die Finanzierer ihre Kredite fällig. In der Logik des Cashflows reicht in solchen Situationen selbst ein gut klingender Business-Plan nicht aus, wenn sich die Konditionen der Refinanzierung plötzlich verschlechtern.
Aus derselben Quelle lassen sich außerdem zwei unterschiedliche Arten von Prognosen ableiten, und genau diese Differenz hilft, die Enttäuschung in den Verkaufsunterlagen zu erklären. Insider beschreiben den Unterschied so, dass Business-Pläne häufig auf Einschätzungen beruhen: Angaben von Vorständen und Bereichsleitungen, also auf Verhandlungen und Marktchancen, die zwar realistisch wirken, aber dennoch Schätzungen bleiben. Vor der Insolvenz hätten die Berater solche Annahmen möglicherweise stärker geglättet, teils sogar sehr konservativ. Für den Verkaufsprozess dagegen werde das Potenzial härter in Szene gesetzt: Sämtliche Chancen und Annahmen würden möglichst vollständig aufgezählt, damit der Kaufanreiz steigt. Am Ende landeten beide Rechenwelten irgendwo dazwischen – nur eben zu spät, um die Kreditlogik zu überholen.
Auch die Frage, wer am Ende bietet, folgt dieser Spannung zwischen Wunsch und Verpflichtung. Insolvenzverwalter Tobias Wahl hält den Bieterkreis zunächst geheim; nach Informationen zu den Interessenten gibt es allerdings zwei Ansätze: Käufer für die gesamte Gruppe und mögliche Erwerber für einzelne Teile. Für die Gesamtgruppe wird die Schweizer Allswiss als Interessentin genannt, deren Gründer Pino Sergio bereits vor der Insolvenz Interesse signalisiert haben soll und offenbar auch angeboten hatte, Bankverbindlichkeiten zu übernehmen. Gleichzeitig blieb über längere Zeit unklar, ob die nötigen Mittel oder verbindlichen Finanzierungszusagen tatsächlich vorliegen. Dass Banken Kredite fällig stellen, ist im Sanierungsalltag kein Sonderfall, sondern eine Konsequenz aus dem Risiko, das sich in der Bilanz und in der Liquiditätsplanung abzeichnet.
Aus Sicht der Marktteilnehmer ist die Geschichte damit weniger eine Frage „guter“ oder „schlechter“ Zahlen als eine Frage, welchen Zweck die Prognose erfüllt. Für Gläubiger und potenzielle Käufer entscheidet am Ende, welcher der beiden Rechnungen sie vertrauen: der optimistischen Verkaufsrechnung oder der restriktiveren Perspektive, die in der Restrukturierung zur Finanzierungslücke führte. Für Anleger ist die Lehre ebenfalls praktisch: Verkaufsunterlagen sind Werbung – Zielwerte wie fast 300 Millionen Euro Umsatz in fünf Jahren sind keine Garantie, sondern ein Verhandlungsargument. Hinzu kommt ein weiterer Risikofaktor, der im operativen Verlauf unmittelbar sichtbar wird: Mit der Werkschließung in Nördlingen Ende Oktober fällt ein prominenter Kunde weg. Ob Wachstumsfelder wie Wearables, Drohnen und Roboter die Lücke schließen können, bleibt daher bis zur finalen Angebots- und Preisbildung offen – und besonders aufmerksam beobachten dürften Käufer und Stakeholder, wie sich die Bankenpositionen in den Verhandlungen tatsächlich weiterentwickeln.
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