ONTARIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Studie aus Kanada identifiziert 24 problematische Verschreibungskaskaden bei Menschen ab 66 Jahren. Die Auswertung nutzt Daten aus 2022 und 2023 und betrachtet, welche Folgeverordnungen innerhalb eines Jahres nach dem Erstmedikament entstehen. Besonders auffällig sind Kombinationen rund um Eisenpräparate, Statine sowie bestimmte Demenz- und Psychopharmaka. Die Autoren raten zu einer Pause vor jeder Neuverordnung und zu einer sorgfältigen Prüfung, ob Symptome tatsächlich eine neue Behandlung benötigen.

Verschreibungskaskaden: Studie findet 24 riskante Medikamenten-Kombinationen
Verschreibungskaskaden: Studie findet 24 riskante Medikamenten-Kombinationen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Idee klingt zunächst banal: Ein Medikament löst Nebenwirkungen aus, diese werden als neues Krankheitsbild fehlinterpretiert – und anschließend kommt ein weiteres Präparat hinzu. Genau dieses Muster beschreibt die sogenannte Verschreibungskaskade. Für den Alltag in der Versorgung älterer Patientinnen und Patienten ist das mehr als ein theoretisches Risiko: Sobald mehrere Wirkstoffe parallel laufen, wird aus dem Nebenwirkungsprofil eines Präparats schnell eine „neue Diagnose“, die dann wiederum therapeutisch übersteuert wird.

Wie konkret sich das auswerten lässt, zeigt eine im BMJ veröffentlichte Analyse zu Polypharmazie in Ontario. Untersucht wurden September 2026 Daten von 2.297.942 Menschen ab 66 Jahren; 54,3 Prozent waren Frauen. Grundlage waren Datensätze aus den Jahren 2022 und 2023. Die Forscher gingen dabei von 65 potenziell unangemessenen Verschreibungskaskaden aus, die in einem Delphi-Verfahren mit zwölf Spezialisten aus acht Ländern definiert worden waren. Letztlich erfüllten 24 dieser Muster die strengen Kriterien der Studie: Das Erstmedikament musste von mindestens 5 Prozent der betrachteten Population eingenommen werden, und das Folgerezept musste bei mindestens 1 Prozent der Erstnutzer innerhalb eines Jahres nach der ersten Verordnung verschrieben worden sein.

Bei den häufigsten Kaskaden trat wiederkehrender „Alltag“ zutage: Eisenpräparate wurden in 11,9 Prozent der Fälle mit Verschreibungen von Abführmitteln gekoppelt, Statine tauchten in 10,9 Prozent der Fälle gemeinsam mit Schmerzmitteln auf, und Cholinesterase-Inhibitoren standen in 10,3 Prozent der Fälle in Verbindung mit Schlafmitteln. Noch aussagekräftiger als die Häufigkeit sind in solchen Analysen typischerweise die statistischen Signale. Hier lagen die stärksten Werte bei der Kombination von Kortikosteroiden und Antipsychotika mit einer adjustierten Risikorate (ASR) von 2,55. Ebenfalls hoch war das Signal bei Laxantien, die zu Antidiarrhoika führten, mit einem ASR von 2,53. Auffällig ist dabei, dass nicht nur „klassische“ Nebenwirkungspfade eine Rolle spielen, sondern auch Wirkstoffgruppen, die in der Langzeittherapie typischerweise dauerhaft präsent sind – etwa Statine, Eisenpräparate und Demenzmedikamente.

Entscheidend ist, was die Studie als Handlungsrichtung beschreibt. Die Autoren forderten kein regulatorisches Vorgehen und keinen Rückruf betroffener Präparate. Stattdessen plädieren sie für einen praktischen klinischen Reflex: Vor jeder Neuverordnung sollte man eine kurze Pause einlegen und prüfen, ob die aktuellen Symptome wirklich eine neue Behandlung erfordern oder ob sie eher Folge der bestehenden Medikation sind. Genau an dieser Stelle treffen sich technische Arzneimittelinformatik und Versorgungsrealität: Ein Medikationsreview ist am wirksamsten, wenn er nicht nur Listen aktualisiert, sondern zeitliche Zusammenhänge sichtbar macht – also ob die „neuen“ Beschwerden zeitlich plausibel zu vorherigen Verordnungen passen.

Der Blick über Kanada hinaus zeigt, dass das Thema international nicht auf einzelne Gesundheitssysteme begrenzt ist. Das japanische Gesundheitsministerium aktualisierte im Juli 2026 Materialien zu Polypharmazie, um Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten stärker für Risiken der Mehrfachmedikation zu sensibilisieren. In Polen organisiert der Nationale Gesundheitsfonds (NFZ) am 23. September eine Veranstaltung in Kielce („Prüfe deine Hausapotheke“), bei der zwischen 10.00 und 13.00 Uhr eine kostenlose Apothekerberatung inklusive Medikationsreview angeboten wird. Solche Formate sind aus Marktsicht interessant, weil sie eine Lücke adressieren, die in vielen Settings entsteht: An der Schnittstelle zwischen Hausarztpraxis, Apotheke und Patientenhaushalt fehlt häufig die gemeinsame Datengrundlage für eine strukturierte Überprüfung – obwohl gerade dort die Verschreibungskaskade zuverlässig entstehen kann.

Auch in Deutschland wird das Problem an konkreten Therapielinien greifbar. Beim Thema Bluthochdruck rücken Nebenwirkungen bestimmter Wirkstoffklassen stärker in den Fokus. Der Kardiologe Philipp Stawowy vom Deutschen Herzzentrum der Charité betont, dass Betablocker häufiger zum Therapieabbruch führen können – etwa wegen Erschöpfung, Müdigkeit oder möglicher Depressionen. Die europäische Leitlinie empfiehlt Betablocker mittlerweile nicht mehr als erste Wahl bei Bluthochdruck; zusätzlich zeigte eine Studie aus dem Jahr 2024, dass Betablocker und Kalziumantagonisten im Vergleich zu ACE-Hemmern das Risiko einer Krankenhauseinweisung wegen Depressionen verdoppeln könnten, wobei Frauen in den zugrunde liegenden Hypertonie-Studien mit bis zu 38 Prozent unterrepräsentiert waren. Parallel daran wird der klinische Kontext breiter: Die ESC-Leitlinie aus 2024 definiert normale Werte bis 120/70 mmHg, erhöhte Werte im Bereich 120–139/70–89 mmHg und Hypertonie ab 140/90 mmHg. Das ändert zwar nicht automatisch die Frage „Welcher Wirkstoff“, verschiebt aber die Priorität von Nebenwirkungsprofilen und Risikostratifizierung – beides zentrale Stellschrauben gegen Verschreibungskaskaden.

Damit verschiebt sich der Fokus auch auf unterschätzte Risikofaktoren und auf „verdeckte“ Quellen für unerwünschte Effekte. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie weist darauf hin, dass etwa die Hälfte der Menschen mit Herzschwäche zugleich eine chronische Nierenkrankheit (CKD) hat, oft unentdeckt, weil Kreatinin allein dafür nicht ausreicht und ergänzend eGFR- und UACR-Werte bestimmt werden müssen. Gerade dieses diagnostische Detail wird in der Praxis schnell übergangen – und führt dann dazu, dass Symptome fälschlich medikamentös „behandelt“ werden, obwohl eine Ursachenprüfung fehlt. Daneben rücken Nahrungsergänzungsmittel als unterschätztes Risiko stärker in den Blick: Zusatzvitamine sind nach Einschätzung einer Kardiologin nur bei nachgewiesenem Mangel oder besonderem Bedarf sinnvoll; Beispiele aus den genannten Studien reichen von möglichen Nervenschäden durch hochdosiertes Vitamin B6 bis zu Überversorgungseffekten bei Vitamin D. Auch für die klinische Bewertung ist das relevant, weil Interaktionen mit Gerinnungshemmern wie Phenprocoumon oder Warfarin im Raum stehen. Eine im Journal JAMA Cardiology veröffentlichte Studie untersuchte über zwei Jahre bei 180 Patienten mit koronarer Herzkrankheit täglich 360 Mikrogramm Menaquinon-7 (MK-7) im Vergleich zu Placebo; dabei nahm die Koronarverkalkung unter MK-7 langsamer zu, wobei die Aussagekraft als Therapieendpunkt eingeschränkt blieb. Ergänzend wird in weiteren Arbeiten vor möglichen Risiken durch hohe Dosen bestimmter Vitamine gewarnt.

Am Ende ergibt sich ein konsistentes Bild über Kanada, Japan, Polen, Deutschland und Österreich: Bei chronisch kranken Menschen mit mehreren parallel eingenommenen Präparaten steigt das Risiko, dass Nebenwirkungen als neue Erkrankung interpretiert und daraufhin zusätzliche Wirkstoffe verordnet werden. Für die Versorgung bedeutet das vor allem: regelmäßige Medikationsreviews, besonders bei älteren Patientinnen und Patienten und bei gleichzeitiger Einnahme von fünf oder mehr Präparaten. Diese Routine ist weniger ein „Extra“ als ein Qualitätsmerkmal, weil sie die Zeitachse zwischen Verordnung und Symptom in den Mittelpunkt rückt. Wer in der Apotheke oder Praxis solche Prüfungen etabliert, braucht dafür zwar medizinisches Wissen, aber genauso eine Arbeitsweise, die Daten systematisch nutzt und Entscheidungen an Symptom-Ursache koppelt.


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