LONDON (IT BOLTWISE) – Versicherer warnen, dass die bisher vergleichsweise niedrigen Schadenzahlen bei Naturkatastrophen trügerisch sein könnten. Der Rückversicherer Swiss Re rechnet im Extremfall mit weltweit versicherten Schäden von bis zu 320 Milliarden US-Dollar. Im Basisszenario wären es immer noch rund 148 Milliarden US-Dollar. Auch in Deutschland steigen die Belastungen messbar, während zusätzliche Klimaphänomene wie ein besonders starkes El Niño die Lage weiter verschärfen könnten.

Die Schadenskurve bei Naturkatastrophen zeigt aktuell zwar noch keine dramatische Eskalation. Genau deshalb wird in der Versicherungsbranche so intensiv über Risiken gesprochen, die nicht im Tagestrend sichtbar sind: Rückversicherer sehen in den zuletzt vergleichsweise moderaten Verlusten häufig kein Entwarnsignal, sondern den Effekt günstiger Bedingungen. Swiss Re verweist dabei auf eine langfristige Entwicklung, nach der sich versicherte Schäden durch Naturkatastrophen dauerhaft erhöhen. Das ist vor allem deshalb brisant, weil die Rückversicherung die Obergrenze für große Einzelereignisse mit einer Mischung aus Preisniveau, Kapitalanlage und Risikomodellierung steuert.
Für das laufende Jahr nennt Swiss Re konkrete Größenordnungen, die sich in das typische Szenario- und Expositionsdenken der Branche einordnen lassen. Im Extremfall erwartet der Konzern weltweit versicherte Schäden von bis zu 320 Milliarden US-Dollar. Selbst das Basisszenario fällt mit rund 148 Milliarden US-Dollar deutlich aus. Zum Einordnen nennt der Bericht außerdem das Vorjahr mit etwa 107 Milliarden US-Dollar versicherten Schäden. Entscheidend ist: Diese Bandbreiten entstehen nicht aus einem einzelnen Wetterereignis, sondern aus der Kombination vieler Stürme, Überschwemmungen, Brände und Hagellagen über Regionen hinweg – und spiegeln damit die Verteilung von Häufigkeit, Intensität und Schadenquote in den Modellen wider.
Auch wenn das Jahr bislang im ersten Halbjahr „eher ruhig“ wirkte, liefert der Zwischenstand laut Angaben einen Hinweis darauf, wie schwierig das Prognostizieren bleibt. Die weltweit versicherten Schäden im ersten Halbjahr werden mit rund 43 bis 44 Milliarden US-Dollar beziffert und damit unter das laufende Erwartungsniveau eingeordnet. Swiss Re argumentiert, dass „unter dem Trend liegende“ Schäden eher durch günstige Umstände als durch eine echte Entspannung erklärbar seien. In der Praxis bedeutet das: Versicherer und Rückversicherer bewerten nicht nur die absolute Schadensumme, sondern auch Abweichungen vom erwarteten Risikoprofil. Wenn die Abweichung zeitweise nach unten zeigt, müssen Pricing, Vertragskonditionen und Risikopuffer dennoch so ausgerichtet werden, dass die langfristige Aufwärtsdynamik nicht unterschätzt wird.
Das Thema betrifft damit nicht nur den Markt in Übersee, sondern auch die europäische und deutsche Versicherungslandschaft. Munich Re beschreibt ebenfalls eine Atempause im ersten Halbjahr 2026, stellt aber zugleich klar, dass Klimawandel und steigende Vermögenswerte das Risiko zukünftiger, potenziell höherer Verluste erhöhen. Parallel warnt Hannover Rück vor höheren Schadenkosten durch wetterbedingte Naturgefahren wie Überschwemmungen, Dürren, Hagel, Waldbrände und schwere Stürme. Der technische Kern dahinter ist simpel und gleichzeitig anspruchsvoll: Steigen die Schäden pro Ereignis und steigt zudem die versicherte Exponierung (etwa weil mehr Werte in Risikozonen liegen oder höhere Gebäudewerte versichert sind), dann verschiebt sich die Schadenwahrscheinlichkeit in den Modellannahmen – selbst wenn die Ereignisfrequenz nicht jedes Jahr „auffällig“ ist.
In Deutschland wird diese Verschiebung bereits in Zahlen sichtbar. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beziffert die versicherten Schäden durch Naturgefahren für 2025 auf rund 2,6 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 1,4 Milliarden Euro auf Schäden an Gebäuden und Hausrat, weitere rund 700 Millionen Euro betreffen Schäden an Fahrzeugen. Noch deutlicher fällt der Blick auf 2024 aus, als die Schäden sogar deutlich höher waren; allein in der Sachversicherung summieren sich Naturgefahrenschäden dort auf rund 4,7 Milliarden Euro. Für die Assekuranz heißt das: Selbst wenn einzelne Jahre „günstiger“ verlaufen, bleibt der mittlere Risikokorridor erhöht. Genau daraus entsteht mittelfristiger Druck auf Tarife, Selbstbehalte und Rückversicherungsdeckungen.
Zusätzlich zu der strukturellen Klimarisikokomponente rücken kurzfristige Klimaphänomene als Verstärker in den Fokus. In den aktuellen Diskussionen spielt dabei ein möglich besonders starkes El Niño eine Rolle, das Wetterextreme weltweit begünstigen könnte. Sowohl Swiss Re als auch Munich Re verweisen auf die Gefahr, dass Extremwetterereignisse sich in vielen Regionen zeitlich und räumlich häufen können. Ob das im Extremfall genannte Szenario mit bis zu 320 Milliarden US-Dollar tatsächlich eintritt, ist offen; was als klar gilt, ist die Richtung des Risikotrends. Für Unternehmen und Privatkunden bedeutet das vor allem: Versicherungsfähigkeit und Risikoabsicherung werden zunehmend zu einem dynamischen Thema, bei dem Vermögensschutz, Gebäudeanpassung und Risikoprävention zusammen gedacht werden müssen – ebenso wie die Frage, wie Preis- und Deckungskonditionen auf neue Verteilungen der Extremereignisse reagieren.
Operativ verschiebt sich damit auch die Rolle der Modellierung. Rückversicherer arbeiten typischerweise mit stochastischen Ereigniskatalogen, die Häufigkeit und Intensität von Naturgefahren über Jahrzehnte statistisch nachbilden, und koppeln diese an Expositionsdaten wie Bauart, Standort und Wertentwicklung. Wenn sich das langfristige Schadenniveau um fünf bis sieben Prozent pro Jahr erhöht, wird jede kurzfristige Unterauslastung der Schadenrealität langfristig „aufgeholt“ – und das Pricing muss diese Aufholbewegung antizipieren. Für Entscheider heißt das: Nicht nur die jährliche Schadensbilanz ist relevant, sondern auch der Mechanismus dahinter – also wie stark die Modelle die Kombination aus Klimasignal, Vermögensexponierung und regionaler Schadenverteilung aktualisieren. In einer solchen Welt wird Risikomanagement weniger ein statisches Handbuch und mehr ein kontinuierlicher Prozess, der sich an neuen Wetterdaten und an veränderten Portfolioannahmen ausrichtet.
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