NEW MEXICO / LONDON (IT BOLTWISE) – Virgin Galactic und das Air Force Research Laboratory (AFRL) starten eine zweijährige Zusammenarbeit zur Erfassung von Space-Weather-Daten aus Suborbitalflügen. Im Fokus steht die Mesosphäre und untere Thermosphäre (MLT) zwischen 60 und 110 Kilometern, wo Satelliten kaum direkt messen. AFRL erhält dabei Informationen, um die Wirkung auf GPS-Signale, Kommunikationssysteme und orbitale Infrastruktur besser einzuordnen. Zusätzlich soll AFRL die Integration von Sensoren in eine neue SpaceShip-Generation während des Fluges evaluieren.

Virgin Galactic arbeitet mit AFRL an Messdaten zu Space Weather aus dem Tiefflug
Virgin Galactic arbeitet mit AFRL an Messdaten zu Space Weather aus dem Tiefflug (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Kooperation zwischen Virgin Galactic und dem Air Force Research Laboratory (AFRL) zeigt, wie sehr sich „Space Weather“ vom reinen Forschungsthema hin zu einer praxisrelevanten Betriebsfrage für Raumfahrt- und Kommunikationsinfrastruktur entwickelt. Im Kern geht es um Messdaten aus einer Höhenregion, die für viele klassische Beobachtungswege schwierig zugänglich ist: die Mesosphäre und untere Thermosphäre (MLT) in etwa 60 bis 110 Kilometern über der Erde. Dort existieren Lücken, weil Satelliten diese Zone in der Regel nicht in der nötigen Dichte direkt abbilden, während gleichzeitig gerade dort Störungen entstehen können, die GPS-Signale und Funkverbindungen terrestrischer und in der Umlaufbahn befindlicher Systeme beeinträchtigen.

Technisch betrachtet zielt das Vorhaben auf eine Verbesserung der Datenlage für genau diese MLT-Dynamik: Solarfluren, koronal bedingte Massenauswürfe (Coronal Mass Ejections) und geomagnetische Stürme können in der gesamten Ionosphäre und darüber hinaus Effekte auslösen. Virgin Galactic stellt hierfür seine geplanten Suborbitalflüge als Messplattform bereit, die nach dem Start von einem Flugzeug-Träger („Mothership“) zunächst in große Höhe gelangen und danach über einen eigenen Raketenantrieb den suborbitalen Raum erreichen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Flugbahn, sondern auch die Frage, wie sich Sensorik so in eine Raumfahrthardware integrieren lässt, dass sie während des Fluges zuverlässig Daten liefert – und genau diese Evaluierung ist in der Vereinbarung als konkreter Integrationsschritt genannt.

Das Abkommen läuft über zwei Jahre und ist als kooperative Forschung und Entwicklung (CRADA) angelegt. Laut den Angaben von Virgin Galactic soll AFRL „die Integration von Sensorsystemen“ mit der nächsten SpaceShip-Generation bewerten, um während des Fluges Space-Weather-Daten zu sammeln. Für AFRL bedeutet das eine Möglichkeit, messnahe Informationen aus einem Höhenbereich zu gewinnen, der bislang eher schwer zu instrumentieren war. Für das Unternehmen wiederum ist die Vereinbarung ein Beispiel dafür, wie Suborbitalfahrzeuge zunehmend als wiederverwendbare Forschungsplattformen dienen können, statt ausschließlich als Tourismusvehikel betrachtet zu werden.

Der Zeitplan wirkt dabei wie ein strategischer Hebel: Die erste kommerzielle Flugmission soll bereits im kommenden Jahr starten, während die laufenden integrierten Bodentests in den letzten Monaten weitergeführt wurden. Virgin erwartet zudem, dass die Flugtests in New Mexico in diesem Monat beginnen. Die Wahl des Start- und Landeflugs über Spaceport America in New Mexico passt zum operativen Anspruch, denn nur wenn die Start- und Landekette über mehrere Flüge hinweg stabil läuft, werden wiederholbare Messkampagnen überhaupt realistisch. Das Unternehmen plant darüber hinaus eine deutliche Erhöhung der Flugfrequenz: Nach Inbetriebnahme eines zweiten Fahrzeugs sollen sich die Raten auf mindestens 10 Flüge pro Monat bis zum Sommer steigern lassen.

Aus Markt- und Industry-Sicht ist bemerkenswert, dass die Zusammenarbeit genau an der Schnittstelle ansetzt, an der künftig viele Organisationen Probleme adressieren müssen: Prognose- und Abbildungsdaten für den Zustand der oberen Atmosphäre, die dann in die Planung und den Betrieb von Satellitenkommunikation, Navigationssignalen und Missionssicherheit einfließen. Space Weather ist dabei nicht nur „Wissen“, sondern wirkt direkt auf Betriebsparameter wie Funkbudget, Signalqualität oder die Robustheit von Boden- und Raumsegmenten. Wenn AFRL die Daten zur MLT-Struktur und -Wechselwirkung erhält, kann das helfen, Modelle zu kalibrieren, die wiederum in Risikoanalysen und technischen Schutzstrategien verwendet werden.

Für Unternehmen, die Space-Weather-relevante Systeme entwickeln, ergibt sich daraus auch eine praktische Planungslogik: Messdaten aus einer Höhenregion zwischen Satellitenwelt und rein bodengebundener Beobachtung können helfen, Modelle über mehrere Quellen hinweg zu validieren. Gleichzeitig bleibt die technische Herausforderung bestehen, Sensorik so auszulegen, dass sie die dynamischen Beschleunigungen und thermischen Übergänge eines Suborbitalprofils übersteht und dabei konsistente Datenreihen erzeugt. Genau diese Punkte lassen sich typischerweise erst im Flugbetrieb wirklich prüfen – und damit verschiebt sich der Nutzen solcher Kooperationen vom einmaligen „Datenset“ hin zu einem iterativen Lernprozess über mehrere Missionen hinweg. Ob und wie sich die Erkenntnisse später in konkrete Schutzmechanismen für Kommunikation und Navigationsdienste übersetzen, wird vor allem davon abhängen, wie gut die Sensorintegration in der nächsten SpaceShip-Generation umgesetzt und in der Datenanalyse wiederholbar gemacht wird.


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