WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Österreichische Forstverein stellt klar: Wälder und Holz senken zwar Emissionen, ersetzen aber nicht die rasche Reduktion fossiler Treibhausgase. In einer gemeinsamen Erklärung betonen Forschende und Praxis, dass Wälder nicht als dauerhaftes Endlager für fossilen CO2 verstanden werden dürfen. Der größte Klimathebel liege stattdessen in einer nachhaltigen Bereitstellung von Holz und in der Substitution emissionsintensiver Materialien, vor allem im Bauwesen. Gleichzeitig machen Dürre, Borkenkäfer und weitere Folgen des Klimawandels deutlich, warum Waldbewirtschaftung auf Resilienz und Vitalität abzielen muss.

Wald und Holz gelten hierzulande seit Jahren als zentrale Bausteine auf dem Weg in eine klimafreundlichere Wirtschaft. Die aktuelle Position der Forstbranche setzt jedoch bei einem Punkt an, der in Debatten über “Kohlenstoffsenken” leicht übersehen wird: Speichern allein reicht nicht. In einer Erklärung, die der Österreichische Forstverein gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Forschung sowie Praxis veröffentlicht hat, wird betont, dass der Klimawandel nur durch eine schnelle und umfassende Reduktion fossiler Emissionen zu bewältigen ist. Wald und Holz leisteten zwar einen wichtigen Beitrag, seien aber kein Ersatz für Emissionsminderungen in Verkehr, Industrie und weiteren Lebensbereichen.
Der Kern der Botschaft zielt auf die Interpretation von Wäldern als “Endlager”. Zwar binden Bäume im Wachstum Kohlenstoff aus der Atmosphäre, doch die Erklärung warnt davor, Wäldern eine dauerhafte Funktion als Lagerort für fossile Emissionen zuzuweisen. Dahinter steht ein praktisches Verständnis des Kohlenstoffkreislaufs: Was einmal gebunden wurde, kann unter bestimmten Bedingungen wieder freigesetzt werden. Genau deshalb wird hervorgehoben, dass der Klimaschwerpunkt nicht beim Abstellen von fossilem CO2 auf natürliche Speicher liegen darf, sondern beim Wegfall der Emissionsquelle selbst.
Technisch betrachtet liegt die stärkste Wirkung des Waldes laut Position vor allem in der nachhaltigen Bereitstellung von nachwachsenden Rohstoffen. Holzprodukte sind dabei nicht nur “irgendwo verwahrt”, sondern sie entstehen aus der Nutzung des Rohstoffs und bleiben in der Regel über längere Zeiträume in der Nutzungskette gebunden. Die Argumentation lautet: Wenn Holz – insbesondere im Bauwesen – emissionsintensive Materialien und fossile Rohstoffe ersetzt, wird zwar der Kohlenstoff langfristig in Holzprodukten gespeichert, gleichzeitig sinken aber auch die Emissionen, die bei der Herstellung der substituierten Baustoffe anfallen. Nebenprodukte aus der Holznutzung sollen zudem wiederum fossile Energieträger ersetzen können; dadurch könne bereits die Emission von fossilem CO2 vermieden werden.
Die Erklärung stellt zugleich die Risiken in den Vordergrund, die eine reine “Speicher-Romantik” untergraben. Dass Wälder in einzelnen Jahren aufgrund von Dürre, Borkenkäfern und anderen Klimafolgen selbst zur Kohlenstoffquelle werden können, unterstreicht laut Forstverein die Dringlichkeit aktiver Waldbewirtschaftung. Im Wortlaut macht der Präsident Johannes Wohlmacher deutlich, dass der Wald nicht automatisch mit der Geschwindigkeit des Klimawandels Schritt halten kann. „Die natü rliche Anpassung des Waldes kann der Geschwindigkeit des Klimawandels nicht folgen. Wenn wir den Wald auch kü nftig in jener Form erhalten wollen, wie wir ihn kennen, schä tzen und lieben, braucht es gezielte Maß nahmen zur Stä rkung seiner Resilienz und Vitalitä t“, so Wohlmacher. Die Botschaft ist damit zweigeteilt: Waldbestände sollen nicht nur erhalten, sondern so stabilisiert werden, dass sie ihre Senkenfunktion möglichst lange erfüllen.
Damit verschiebt sich die Diskussion auch von der reinen Klimabilanz hin zur Umsetzung in den Revieren: Nachhaltige Waldwirtschaft und eine effiziente Verwendung von Holz werden als wesentliche Elemente zur Reduktion fossiler Emissionen beschrieben. Gleichzeitig wird klar abgegrenzt, wozu Wälder und Holz nicht in der Lage sind. Sie könnten den Klimawandel nicht stoppen; ihre Stärke als natürlicher Kohlenstoffspeicher und als Ersatz für fossile Rohstoffe müsse jedoch als wichtiger Bestandteil der Abschwächung anerkannt und gezielt gestärkt werden. Wohlmacher fasst das in der Erklärung abschließend so zusammen: „Wald und Holzkö nnen den Klimawandel nicht stoppen, ihre Stä rke als natü rlicher Kohlenstoffspeicher und als Ersatz fü r fossile Rohstoffe muss jedoch als wichtiger Teil der Klimawandel-Abschwä chung anerkannt und gestä rkt werden“.
Für die Markt- und Branchenpraxis entsteht daraus ein deutliches Anforderungsprofil. Erstens brauchen Unternehmen entlang der Bau- und Werkstoffkette verlässliche Holzströme aus bewirtschafteten Wäldern, statt auf die Idee zu setzen, dass “Speicher” ohne Gegensteuerung funktionieren. Zweitens wird die Rolle von Resilienzmaßnahmen wichtiger, weil klimabedingte Extremereignisse die langfristige Wirksamkeit von Senken beeinflussen. Drittens rückt damit auch die Frage in den Vordergrund, wie effizient Holz in Produkten eingesetzt wird und wie konsequent Substitutionseffekte dort entstehen, wo emissionsintensive Alternativen verfügbar wären.
Auch für politische und gesellschaftliche Entscheidungen liefert die Erklärung eine klare Leitlinie: Förder- und Steuerungslogik darf nicht so wirken, als ließe sich Klimaschutz durch das “Hinterlegen” von Emissionen in der Natur ersetzen. Vielmehr gehört die Waldstrategie in ein Gesamtpaket aus Emissionsreduktion, Holzverwendung und Anpassung an den Klimawandel. Der Download der vollständigen Erklärung wird auf der Website des Österreichischen Forstvereins bereitgestellt, damit die Detailargumente aus dem Zusammenspiel von Waldbewirtschaftung, Produktbindung und Substitution nachvollziehbar werden. Für die nächsten Jahre ist damit weniger die Frage entscheidend, ob Wald Kohlenstoff speichert, sondern ob die Bewirtschaftung die Bedingungen schafft, damit dieser Speicher unter veränderten Klimarisiken möglichst stabil bleibt.
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