LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei große Bitcoin-Miner melden sinkende Umsätze, doch eine Bank stuft die Unternehmen wegen KI-Infrastruktur unterschiedlich ein. CleanSpark erhält ein Outperform-Rating samt 24-USD-Ziel, weil bereits ein 6,6-Milliarden-Dollar-Deal für eine 20-jährige KI-Hosting-Miete unterzeichnet ist. MARA bleibt dagegen bei Market-Perform mit 17-USD-Ziel, weil nach Angaben der Bank noch kein kommerzieller KI-Vertrag abgeschlossen ist. Entscheidend ist damit nicht mehr nur das Mining, sondern ob die KI-Umstellung wirklich in Revenue-Leases mündet.

Die jüngste Divergenz bei Wall-Street-Ratings zeigt, dass der KI-Pivot mancher Bitcoin-Miner inzwischen in eine harte Ausführungsphase übergeht. MARA und CleanSpark haben zwar beide zweistellige Umsatzrückgänge berichtet, aber eine Investmentbank reagierte auf die Ergebnisse mit gegenläufigen Einschätzungen. Während CleanSpark als Outperform mit einem Kursziel von 24 US-Dollar eingestuft wurde, erhielt MARA nur ein Market-Perform bei 17 US-Dollar. Der Unterschied wird in der Einordnung explizit auf die Umsetzung der KI-Infrastruktur zurückgeführt: CleanSpark verweist auf bereits vertraglich gesicherte Hosting-Kapazitäten, MARA auf die bislang fehlenden kommerziellen AI-Contracts.
Technisch betrachtet wirkt der KI-Schwenk wie eine Neubewertung der bestehenden Ressourcen: Strom, Grundstücke und Umspann-/Netzanbindung werden nicht mehr primär als Kostenbasis für Bitcoin-Hashes gesehen, sondern als skalierbarer Engpass für Rechenzentren. Im Quartalsprofil wird das deutlich, ohne dass sich das Mining sofort „aus dem Tal“ hebt. MARA meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 174,9 Millionen US-Dollar, was einem Rückgang von 27% gegenüber 238,5 Millionen US-Dollar im Vorjahr entspricht, und schrieb netto 611,3 Millionen US-Dollar Verlust. Ein wesentlicher Treiber war eine 343 Millionen US-Dollar umfassende Fair-Value-Abwertung auf die Bitcoin-Bestände. Gleichzeitig blieb MARA beim Mining nicht stehen: Der Konzern schürfte im Vergleich zum Vorjahr rund 3% mehr Bitcoin und steigerte die „energized mining capacity“ um 22% auf 70,3 Exahash pro Sekunde.
CleanSpark verschiebt die Narrative hingegen stärker in Richtung KI-Hosting. Für das dritte Quartal fiel der Umsatz um 30,5% auf 138 Millionen US-Dollar, bei einem Nettoverlust von 239,8 Millionen US-Dollar. Der Kern der Rating-Split-Logik liegt laut der Bank in einem einzigen Punkt: CleanSpark habe bereits einen 6,6 Milliarden US-Dollar schweren, 20-jährigen Hosting-Lease für eine KI-Installationsbasis am Standort Sandersville unterzeichnet. MARA dagegen suche zwar ebenfalls den Weg Richtung KI-Infrastruktur, habe aber „noch“ keinen ersten kommerziellen AI-Vertrag an Land gezogen. Genau diese Differenz – unterzeichnete, langfristige Mietverträge versus noch offene Vermarktung – entscheidet offenbar darüber, ob die Kapitalmärkte den Pivot als belastbare Erlösquelle betrachten oder als Story ohne Umsetzungssicherheit.
Dass die Marktlogik härter wird, passt auch zu den Daten einer Auswertung von Blocksbridge Consulting. Untersucht wurden 25 AI- und HPC-Transaktionen, die von bitcoin-minern zwischen Juni 2024 und August 2026 angekündigt wurden. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die durchschnittlichen Same-Day-Kursgewinne bei Ankündigungen von rund 24% bei frühen Deals auf etwa 10% bei neueren zurückgegangen seien. Zudem werden Reaktionsmuster genannt: Beim ersten CoreWeave-Hosting-Deal von Core Scientific stieg die Aktie um mehr als 40%, beim ersten Fluidstack-Agreement von TeraWulf sogar um nahezu 60% – und seitdem sei dieser Impuls nicht mehr in vergleichbarer Stärke wiederholt worden. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Anleger belohnen weniger das bloße Ankündigen eines KI-Vorhabens und warten stärker darauf, ob die Infrastruktur tatsächlich gebaut, gehostet und in wiederkehrende Verträge überführt wird.
Diese Verschiebung erklärt auch, warum frühere „Proof-of-Pivot“-Momente zeitweise stärker wirkten. Als sich der Pivot in der Sommersaison weiter beschleunigte, wurde etwa beim Nasdaq-Debüt von Ionic Digital Ende Juli der 234-Megawatt-Aufbau in Texas weitgehend als KI-Baustein vermarktet; die Aktie sprang beim Debüt um etwa 26%. Solche Reaktionen wären laut den Blocksbridge-Daten bei aktuellen Meldungen weniger wahrscheinlich. Daneben wird beschrieben, dass Poolins Bankrott-Sale seiner texanischen Mining-Standorte nicht nur traditionelle Miner-Interessenten anzog, sondern auch AI- und Hyperscale-Bewerber. Auch ein Audit zur Datenzentrums-Interconnection in Texas Anfang August soll bereits gesicherte Strom- und Infrastrukturvorteile relativ wahrscheinlicher gemacht haben, weil der Neuaufbau von Angebot schwerer werde.
Für die verbleibenden Miner ohne umgesetzte, signierte AI-Hosting-Leases wird das Zeitfenster damit enger. Der Markt scheint den klassischen Mining-Hebel („wir haben Kapazität“) inzwischen nur noch als notwendige Voraussetzung zu sehen, nicht als Bewertungsgrund. Entscheidend wird, ob die Power- und Land-Investitionen in KI-Infrastruktur übergehen – und zwar in einer Form, die in Revenue messbar ist. Damit wird Bernsteins Ansatz zur ersten „realen“ Trennung, welche Unternehmen die KI-These in unterzeichnete, laufzeitgebundene Mietmodelle übersetzen und welche weiterhin primär von der Erwartung leben. Wenn die Kursreaktionen auf neue KI-Ankündigungen nur noch rund ein Drittel des Niveaus von vor einem Jahr erreichen, bleibt weniger Spielraum: Wer den Umbau nicht in Verträge und erste Umsatzergebnisse übersetzt, läuft Gefahr, dass die Story-Bewertung vollständig ausläuft.
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