LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz anhaltender Unsicherheit rund um die Straße von Hormus zeigen Aktienmärkte zuletzt wieder Stärke. Der Kapitalmarktstratege Tilmann Galler erklärt, warum Gewöhnungseffekte, ein stärkerer Inflations- als Wachstumsschock sowie die positive Wirtschaftsdynamik den Risikoappetit stützen. Gleichzeitig mahnt er, dass die scheinbare Robustheit trügerisch sein kann, falls sich die Lage in den kommenden Wochen nicht stabilisiert. Für Anleger und Unternehmen wird damit die Balance zwischen Wachstum und krisenfesten Positionen zur Kernfrage der nächsten Monate.

Warum Aktienmärkte trotz Hormus-Stress überraschend robust bleiben
Warum Aktienmärkte trotz Hormus-Stress überraschend robust bleiben (Foto: IT BOLTWISE)
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Die jüngste Preisbildung an den globalen Börsen wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Während der Nahostkonflikt anhält und die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr weiter blockiert bleibt, markieren der S&P 500 und mehrere asiatische Indizes in den vergangenen Wochen wieder neue Allzeithochs. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, bezeichnet diese Entwicklung als „sehr erstaunlich“ – gerade weil Verhandlungen bisher keine verlässliche Öffnung gebracht haben. Der entscheidende Punkt: Selbst bei realen geopolitischen Risiken kann die Marktreaktion verzögert und selektiv ausfallen, wenn Erwartungen, Preissignale und Risikomanagement-Logiken bereits weitgehend umgestellt sind.

Aus technischer Sicht lässt sich die Widerstandskraft als Zusammenspiel mehrerer Preiskanäle verstehen, nicht als reines „Wegschauen“ vor Krisen. Aktien sind eine Erwartungsmaschine: Gewinne, Cashflows und Diskontsätze werden in Modellen laufend aktualisiert, während sich die Kapitalmärkte zugleich faktorbasiert ausrichten. Wenn kurzfristige Schlagzeilen das Marktgeschehen dominieren, aber die tatsächliche Schadenrealisation (etwa ein nachhaltiger Wachstumseinbruch) ausbleibt, kann der Risikoappetit trotz weiterhin hoher Unsicherheit steigen. Besonders relevant ist dabei die Frage, wie stark Inflation im Vergleich zu Wachstum als maßgeblicher Treiber in die Bewertung eingeht – und ob sich entsprechende Branchenrotationsmuster verstärken.

Galler nennt als ersten Faktor einen Gewöhnungseffekt gegenüber geopolitischen Risiken. Der Mechanismus ist psychologisch und operativ zugleich: Anleger passen ihre Risikobudgets an, statt jede neue Eskalation sofort als Schock mit dauerhafter Wertvernichtung zu interpretieren. In diesem Umfeld werden temporäre Schwächephasen eher als Gelegenheiten zum Nachkauf genutzt. Auch wenn prominente politische Ankündigungen – etwa zu umfassenden Strafzöllen oder ungewöhnlich weitreichenden Plänen – zunächst Alarm auslösen, zeigt der Markt offenbar eine Erwartungslücke: Man geht weniger von einer anhaltend negativen Wertentwicklung aus, solange die tatsächlichen wirtschaftlichen Folgen begrenzt bleiben.

Zweitens, so Galler, preisen die Märkte den Inflationsdruck stärker ein als die Sorge vor einem Wachstumsrückgang. Das wirkt zunächst kontraintuitiv, weil steigende Energie- und Transportkosten oft als wachstumsbremsend gelesen werden. Gleichzeitig kann „moderat höhere Inflation“ für Aktien zumindest in nominaler Betrachtung Vorteile haben: Unternehmensumsätze werden in vielen Branchen in nominalen Größen ausgewiesen, was die Gewinnrechnung stützen kann, solange Kostenweitergabe und Margenentwicklung funktionieren. Bemerkenswert ist dabei die relative Stärke zyklischer Segmente wie Industrie und Grundstoffe, während klassische „Safe Haven“-Assets wie Gold, Schweizer Franken, Yen und auch Staatsanleihen phasenweise schlechter liefen als ihre historische Erwartung nahelegt.

Der dritte Strang in Gallers Argumentation ist eine positive Wirtschaftsdynamik vor Beginn der Krise – und ein bemerkenswerter Gewinnrevisionstrend. Wenn Gewinnerwartungen in mehreren Regionen nach oben korrigiert werden, entsteht ein Bewertungsdruck nach oben, der kurzfristige Schlagzeilen abpuffern kann. Für das kommende Jahr 2026 wurden die Erwartungen laut Galler zudem erneut nach oben revidiert, besonders ausgeprägt im Energiesektor: Dort wird ein Gewinnsprung von über 40 Prozentpunkten erwartet, mit einem Gewinnwachstum, das in der Größenordnung mit Technologieunternehmen in den USA und Asien vergleichbar sein könnte. Als Einordnung lohnt der Blick darauf, wie große Wettbewerber im Asset-Management wie BlackRock oder Vanguard typischerweise ihre Portfolios auf solche Gewinn- und Zinsnarrative ausrichten – oft über Faktorexponierung, Branchenuntergewichtungen und selektive Duration-Entscheidungen.

Technisch ergänzt sich diese Kapitalmarktlogik um eine wichtige Regiefunktion: die Verzahnung von Aktien- und Anleihenseite. Galler warnt explizit davor, die vermeintliche Stärke der Aktienmärkte als gesichert zu betrachten. Entscheidend bleibt die Balance zwischen dem aktuellen Wachstumsversprechen im Equity-Lager und krisenfesteren Positionen in Anleihen. In vielen Portfolios bedeutet das nicht „Entweder oder“, sondern ein aktives Management von Zinsrisiko, Liquidität und Ausfallprämien. Historisch haben sich Märkte zwar wiederholt in Phasen relativer Stabilität „eingependelt“, jedoch zeigt die Erfahrung rund um Energie-Schockrisiken: Die tatsächliche Dauer und Tiefe von Versorgungsunterbrechungen entscheidet oft später als die erste Preisreaktion.

Gerade hier liegt das Risiko für den Übergang von „Markt glaubt an Entspannung“ zu „Realwirtschaft gerät unter Druck“. Galler stellt ein Szenario in den Raum, in dem die Straße von Hormus innerhalb weniger Wochen geöffnet wird und globale kommerzielle sowie strategische Öl- und Treibstoffreserven die Unterbrechung von derzeit etwa 14 Prozent der Lieferungen abfedern können. Doch er formuliert auch die Gegenrechnung: Wie eine Sanduhr könnten Reserven mit der Zeit „auslaufen“. Sollte sich der Schiffsverkehr in den nächsten vier Wochen nicht normalisieren, drohen im Spätsommer erhebliche Engpässe – nicht nur bei Treibstoffen, sondern auch bei chemischen Produkten, Düngern und selbst Helium. Das hätte Rückwirkungen auf Kunststoffproduktion, Ernten und bis in die Chipfertigung hinein.

Für Unternehmen und Entwicklerteams ist das weniger eine abstrakte Börsenfrage als ein Supply-Chain- und Planungsproblem mit direkten Kosten- und Zeitdimensionen. In vielen industriellen Umgebungen wirkt Energieverfügbarkeit über Vorprodukte und Logistikpfade auf Produktionszyklen; gleichzeitig beeinflussen Unsicherheit und Volatilität die Finanzierungskosten und damit Investitionsentscheidungen. Zukunftsorientiert bedeutet das: Treasury- und Procurement-Strategien sollten in Szenarien mit verzögerten Normalisierungen denken, etwa indem sie Lieferalternativen, Lager- und Kontraktmechanismen sowie Absicherungslogiken (z. B. gegen Energie- und FX-Volatilität) stärker zusammenführen. Der Markt mag derzeit robuste Erwartungen einpreisen – aber in dem Moment, in dem physische Engpässe dominieren, können Equity-Bewertungen schnell kippen und Anleiheseite und Risikoaufschläge wieder zum Taktgeber werden.


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