LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Allergien können auch Jahre nach Kindheit und Jugend neu entstehen, oft ausgelöst durch Infekte, hormonelle Umstellungen oder Veränderungen im Darm. Eine neue Studie verknüpft nach Angaben der Forschenden eine Covid-19-Infektion mit einem erhöhten Risiko für allergische Beschwerden. Antibiotika und Schwangerschaft zeigen außerdem, wie stark das Immunsystem auf Störungen reagiert. Besonders auffällig sind Zeckenassoziationen wie das Alpha-gal-Syndrom, bei dem nach Stichen plötzlich Reaktionen auf rotes Fleisch auftreten können.

Viele Menschen gehen bei Allergien von einem festen Ursprung aus: eine „unglückliche“ Veranlagung, die sich früh zeigt. Der Artikel beschreibt jedoch ein anderes Muster, das im Alltag oft erst auffällt, wenn Symptome scheinbar „aus dem Nichts“ auftauchen – etwa anfangs als verstopfte Nase, später als wiederkehrende Hautreaktionen. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob jemand „eigentlich“ Allergiker sein müsste, sondern wie das Immunsystem im jeweiligen Moment trainiert oder fehlgeleitet wird. Genau an dieser Stelle zeigt sich, warum Allergien im Erwachsenenalter zunehmend als dynamische Immunreaktion verstanden werden: als Folge von Infekten, Therapien, hormonellen Phasen und bestimmten Umweltkontakten.
Besonders prägnant ist der Einfluss von Virusinfektionen. Eine von dem Team um Philip Curman am Karolinska Institutet beschriebene Auswertung verweist auf eine Assoziation zwischen einer Covid-19-Infektion und einem höheren Risiko für allergische Rhinitis (Heuschnupfen) sowie Asthma; gleichzeitig sei die Impfung mit einem geringeren Risiko verbunden gewesen. Das passt zu einer biologischen Plausibilität: Während eines akuten Infekts kann das Immunsystem stark entzündlich „hochfahren“ und dabei Reaktionsmuster aktivieren, die später auch auf harmlose Auslöser übertragen werden. Der Text nennt zudem weitere Viren wie Respiratory Syncytial Virus (RSV) und Rhinovirus, für die frühere Studien in ähnlicher Richtung Effekte zeigen – zumindest in Kindern. In der Logik dahinter steckt eine Art Fehlkalibrierung: Wenn Abwehr und Entzündung gerade auf Hochtouren laufen, kann das System nach dem Eindringen eines harmlos erscheinenden Antigens überreagieren und es als Bedrohung einsortieren.
Damit verschiebt sich der Blick von „Allergien als Schicksal“ hin zu „Allergien als Konsequenz von Systemstörungen“. Der Artikel führt dafür gleich mehrere Mechanismen an, die in der Praxis unterschiedlich schnell wirksam werden. Antibiotika werden als Beispiel genannt: Sie können nach der Einnahme mit einem späteren Allergierisiko in Verbindung gebracht worden sein. Der zentrale Erkläransatz lautet, dass Antibiotika die Balance des Darmmikrobioms stören – also die große Gemeinschaft von Bakterien im Magen-Darm-Trakt. Wenn diese Vielfalt und funktionelle Stabilität kippt, kann die Immunregulation aus dem Takt geraten; der Text spricht in diesem Zusammenhang von einer „Verwirrung“ des Immunsystems, sodass Stoffe, die eigentlich harmlos sein sollten, als Gefahr markiert werden. Auch Schwangerschaft und Wechseljahre fallen in dieselbe Kategorie von biologischen Umbrüchen: Colas beschreibt, dass etwa ein Drittel von Frauen mit bestehenden Umweltallergien nach der Konzeption eine Verschlechterung erlebt. Daneben gibt es „schwangerschaftsbedingte Rhinitis“, bei der neue Symptome auftreten können, obwohl keine klassische Allergie in der Vorgeschichte bestand; die Beschwerden verschwinden typischerweise nach der Geburt eher wieder, was gegen eine dauerhafte Allergie als alleinige Erklärung spricht.
Ein besonders anschaulicher Pfad zu „plötzlich neuen Allergien“ kommt aus der Umwelt: Zeckenstiche. Das Alpha-gal-Syndrom wird im Text als Beispiel dafür dargestellt, wie ein spezifischer biologischer Trigger die Allergie-Landschaft verändern kann. Im Fall von Lone-Star-Ticks transportieren die Tiere in ihrem Speichel ein Zucker-Molekül namens Alpha-gal, das bei vielen Säugetieren natürlicherweise vorkommt, bei Menschen jedoch seit langer Zeit nicht in der gleichen Form vorhanden ist. Dadurch kann der Körper nach dem Stich eine Immunantwort aufbauen, bei der später beim erneuten Kontakt – etwa über den Verzehr von rotem Fleisch – allergische Symptome entstehen. Der geschilderte Ablauf mit nächtlicher Urtikaria nach einem Abendessen nach einem früheren Aufenthalt und Zeckenexposition macht deutlich, dass die Reaktion nicht zwingend „sofort“ erfolgt, sondern zeitversetzt auftreten kann. Passend dazu nimmt die Häufigkeit der Diagnosen zu, weil sich die Zeckenart in neue Regionen ausbreitet; staatliche Daten werden im Text dabei als Beleg für die Zahl der Diagnosen zwischen 2017 und 2022 genannt.
Wenn man die Mechanismen zusammenzieht, wird ein roter Faden sichtbar: Allergien entstehen dann, wenn das Immunsystem einen eigentlich harmlosen Stoff als Bedrohung interpretiert und Antikörper sowie weitere Immunreaktionen aufbaut. Im Text ist der allgemeine Ablauf deshalb relativ unabhängig vom konkreten Allergen beschrieben: Pollen, Nahrungsmittel oder Tierkontakt können jeweils zu ähnlichen Angriffsmustern führen. Das erklärt auch, warum neue Allergien nach einem Virus, nach Antibiotika oder nach einem Zeckenstich auftreten können – weil die Rahmenbedingungen (Entzündung, Mikrobiom, Antigenexposition) im Hintergrund „entscheidungsrelevant“ sind. Wo ein kausaler Auslöser plausibel ist, nennen die Autor: innen bzw. die zitierten Fachleute zudem Ansatzpunkte, die eher präventiv oder immunmodulierend wirken sollen: Bei Antibiotikatherapien werden etwa Probiotika, Präbiotika sowie Joghurt und fermentierte Lebensmittel als Unterstützung der Mikrobiomgesundheit erwähnt. Gleichzeitig bleibt eine wichtige Frage offen: Kann frühe Behandlung einer viralen Entzündung verhindern, dass später Folgeerkrankungen wie Asthma entstehen? Der Text markiert das als Forschungsbedarf, aber genau solche Verknüpfungen wären für die Praxis besonders wertvoll.
Auch bei der Therapie setzt der Artikel auf den Gedanken, das Immunsystem gezielt zu beruhigen oder neu zu „trainieren“. Mit Xolair wird ein Wirkstoff genannt, der seit Jahren bei bestimmten Erkrankungen eingesetzt wird und inzwischen auch bei Nahrungsmittelallergien Wirksamkeit gezeigt habe, indem er Immunwege adressiert, die eine übermäßige Reaktion antreiben. Darüber hinaus werden experimentelle Strategien beschrieben: Impfstoffähnliche Ansätze, die das Immunsystem auf eine kontrolliertere Reaktion gegenüber Allergenen vorbereiten sollen, sowie Einmaltherapien, die den Körper mit allergenblockierenden Antikörpern versorgen können. Dass es derzeit keine garantierte Methode gibt, eine neu entstandene Allergie zuverlässig „rückgängig“ zu machen, wird ebenfalls klar benannt. Trotzdem wirkt der Ausblick im Text optimistisch, weil die Forschung an mehreren Hebeln gleichzeitig ansetzt: an Entzündungsdynamik nach Infekten, an der Stabilität des Darmmikrobioms und an immunologischen Bremsmechanismen. Für Betroffene und behandelnde Teams ist das vor allem eine praktische Botschaft: Wenn eine Allergie im Erwachsenenalter neu ist, lohnt sich fast immer die Suche nach einem plausiblen Trigger – und damit auch die Frage, ob man den Prozess frühzeitig abfangen kann.
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