LONDON (IT BOLTWISE) – Steigende Gaspreise ziehen in Deutschland die Stromrechnung nach oben, obwohl Wind und Sonne einen Großteil des günstigen Stroms liefern. Möglich macht das das Merit-Order-Prinzip: Häufig bestimmt das teuerste, gerade benötigte Kraftwerk den Preis für alle. Spanien zeigt, wie sich dieser Effekt dämpfen lässt, wenn Gaskraftwerke seltener den Ausschlag geben. Dort stieg der Anteil von Atomkraft und Erneuerbaren seit 2019 stark, während Gaspreisabhängigkeit sichtbar zurückging.

Globalere Konflikte schlagen sich in Deutschland nicht nur über Öl- oder Gasnachrichten nieder, sondern ziemlich direkt in der Stromrechnung nieder. Sobald der europäische Erdgaspreis anzieht, wirkt sich das auf den gesamten Markt aus – selbst dann, wenn Wind und Photovoltaik gerade große Mengen liefern. Der Knackpunkt liegt weniger in der Erzeugung als in der Preisbildung: Solange das Stromsystem so gebaut ist, dass kurzfristig benötigte, teure Erzeuger den Marktpreis für alle festlegen, bleibt der Strompreis strukturell an fossile Brennstoffe gekoppelt.
Technisch betrachtet entscheidet das Merit-Order-Prinzip darüber, wer den Ton angibt. Die europäischen Strombörsen ordnen Kraftwerke nach ihren Grenzkosten: Zuerst laufen die günstigeren Anlagen, danach die nächstteuren, bis die Nachfrage gedeckt ist. Am Ende bestimmt das teuerste gerade benötigte Kraftwerk den Börsenpreis – und wenn dieses Kraftwerk häufig ein Gaskraftwerk ist, verschiebt sich der Preishebel zwangsläufig mit dem Gas. Genau hier setzt die Kritik an: In Deutschland sollen Gaskraftwerke noch immer in rund 40 Prozent der Stunden den Strompreis festlegen, obwohl Wind und Sonne längst zu den günstigsten Quellen gehören.
Spanien liefert dafür eine anschauliche Referenz. Laut den Angaben im Artikel lag der durchschnittliche Strompreis in diesem Jahr dort bei rund 67 Euro pro Megawattstunde, während Deutschland bei etwa 104 Euro lag; in Italien sollen es sogar mehr als 130 Euro gewesen sein. Der Vergleich wirkt zunächst wie ein Wetter- oder Standortthema, zumal Spanien „jede Menge Sonne“ habe. Entscheidend ist aber die gemittelte Systemwirkung: In Italien sollen Gaskraftwerke 2026 in knapp 90 Prozent der Stunden den Preis gesetzt haben, in Spanien dagegen nur in 15 Prozent. Je seltener Gas den Preisschlüssel übernimmt, desto weniger reagiert der Börsenpreis auf gasgetriebene Schocks – unabhängig davon, ob der Auslöser internationaler Konflikt oder Versorgungslage ist.
Damit wird auch die politische Debatte greifbarer. Der Artikel verweist darauf, dass Spanien seit 2019 den Anteil von Atomkraft und Erneuerbaren an der nationalen Stromproduktion von rund 59 auf etwa 84 Prozent ausgebaut hat. Der Zuwachs kommt fast vollständig aus Erneuerbaren; allein zwischen 2019 und 2025 sollen mehr als 40 Gigawatt Wind- und Solarleistung zugebaut worden sein. Für Deutschland wird daraus eine wirtschaftliche Größenordnung abgeleitet: Wenn das Stromsystem ähnlich weit wäre, könnten sich die Strombeschaffungskosten für Wirtschaft und Haushalte um rund 15 bis 20 Milliarden Euro senken. Gleichzeitig bleibt die Perspektive auf Energieimporte: Deutschland überweist dem Text zufolge jedes Jahr rund 100 Milliarden Euro für fossile Importe – Geld, das bei einem schnelleren Umbau im Inland Wertschöpfung statt Auslandsabhängigkeit erzeugen könnte.
Der Gegenentwurf zum „Systemproblem“ adressiert nicht nur Erzeugungskapazitäten, sondern auch die Rahmenbedingungen für Investitionen. Der Artikel kritisiert, dass die Bundesregierung dem Ziel der Entkopplung zurzeit keine Priorität gebe und stattdessen durch neue Gaskraftwerke die „schmutzige Kohle“ ersetzen wolle. Ergänzend werden laut Text geringere Förderungen für kleine Solarkraftwerke sowie weniger Entschädigungen für Windparkbetreiber genannt, die wegen zu schwacher Netze nicht produzieren können. Dahinter steckt das praktische Zusammenspiel von Planung, Netzkapazität und Vermarktung: Wenn Netze zu knapp dimensioniert sind oder Flexibilität fehlt, müssen kurzfristig oft teurere Erzeuger einspringen – und dann greift wieder der Merit-Order-Mechanismus, der den Gaspreis durchreicht.
Die technische Alternative, die der Text betont, ist nicht spektakulär, aber konsequent: stärkere Stromnetze, größere Batteriespeicher und die Fortsetzung von Wind- und Solarprojekten. Nord-Süd-Stromautobahnen sollen dem Artikel zufolge ab 2028 Windstrom transportieren, während ergänzende Speicher die Schwankungen der Erzeugung glätten. In dieser Logik entsteht weniger eine Frage des „Ob“ als des „Wie schnell“: Deutschland habe kein Energieproblem, sondern ein Systemproblem – und damit liege es auch an der eigenen Ausgestaltung, ob der nächste geopolitische Schock die Stromrechnung dominiert oder ob die Erzeugungsmischung und Flexibilitätsinfrastruktur den Preishebel entschärfen. Gerade für Unternehmen mit hohen Lastprofilen und für Haushalte bedeutet das eine konkrete Abwägung zwischen kurzfristiger Kapazität und langfristiger Planbarkeit, weil die Börsenmechanik bei jeder Preisspitze erneut durchschlägt.
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