DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Immer mehr Menschen zwischen 65 und 74 Jahren arbeiten neben ihrer Altersrente. Laut Mikrozensus lag der Anteil im vergangenen Jahr bei 14 Prozent, ein Jahr zuvor bei 13 Prozent. Besonders Selbstständige sind häufig auch im Ruhestand mehrere Stunden pro Woche aktiv. Finanzielle Gründe nennen laut einer Befragung 2023 viele Betroffene, daneben spielen auch soziale Bindung und die Freude an der Arbeit eine Rolle.

Die Altersrente verliert in Deutschland für einen wachsenden Teil der Bevölkerung ihren Charakter als striktes „Ende der Erwerbsphase“. Stattdessen zeigt der Mikrozensus ein klares Muster: Menschen im Alter von 65 bis 74 Jahren sind nicht nur als Rentnerinnen und Rentner sichtbar, sondern bleiben auch wirtschaftlich tätig. Im vergangenen Jahr berichtete demnach jede siebte Person in dieser Altersgruppe von einem Nebenjob neben der Altersrente, also 14 Prozent nach Angaben des Statistischen Bundesamts. Ein Jahr zuvor lag der Wert bei 13 Prozent. Das ist keine dramatische Sprunghaftigkeit, aber ein stabiler Trend, der die bisherige Annahme „Rente gleich Rückzug“ Schritt für Schritt ersetzt.
Technisch betrachtet lässt sich der Befund als Verschiebung innerhalb des Arbeitsangebots interpretieren: Wer weiterhin arbeitet, erhöht die verfügbare Arbeitszeit im höheren Erwerbsalter und verändert damit auch die Zusammensetzung der Erwerbstätigen nach Beschäftigungsformen. Der Mikrozensus liefert hierfür einen entscheidenden Detailgrad. Von den arbeitenden Rentnerinnen und Rentnern in der Altersgruppe 65 bis 74 waren laut Bericht 27 Prozent selbstständig tätig. Bei den abhängig Beschäftigten lag der Schwerpunkt auf geringfügiger Beschäftigung: Zwei Drittel dieser Gruppe, also 65 Prozent, waren mit maximal 70 Arbeitstagen im Jahr und einem Monatseinkommen von höchstens 556 Euro beschäftigt. Diese Größenordnung macht deutlich, dass es oft nicht um Vollzeit-Karrieren im Ruhestand geht, sondern um flexible, eher nebenläufige Beschäftigungsmodelle.
Gerade die Unterschiede zwischen Selbstständigen und abhängig Beschäftigten erklären, warum das Thema auch arbeitsmarktpolitisch und für Unternehmen relevant bleibt. Selbstständige arbeiteten im Schnitt häufiger länger: 28 Prozent aus dieser Gruppe berichteten, in der Woche mehr als 40 Stunden zu leisten. Bei den abhängig Beschäftigten traf das nur auf 8 Prozent zu. Dahinter kann eine Mischung aus unternehmerischer Notwendigkeit, Aufbau- oder Betreuungsaufgaben sowie einer stärkeren Autonomie bei der Zeiteinteilung stehen. Für Betriebe bedeutet das: Wer ältere Selbstständige als Kundinnen, Dienstleister oder Mitarbeitende betrachtet, trifft nicht automatisch auf „nur gelegentliche Unterstützung“, sondern teils auf ernsthafte, zeitintensive Arbeitsleistungen.
Der Trend setzt außerdem nicht erst mit dem Renteneintritt ein, sondern folgt einem altersabhängigen Verlauf. Unmittelbar nach dem Renteneintritt sind Jobs noch vergleichsweise häufiger: In der Altersgruppe 65 und 66 Jahre hatten dem Bericht zufolge noch 19 Prozent einen Job. Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil deutlich, bis er bei 73- bis 74-Jährigen nur noch 8 Prozent beträgt. Das zeigt: Die Erwerbsbeteiligung im Rentenalter ist nicht nur vom Einkommen abhängig, sondern auch von körperlichen Faktoren, Mobilität und der individuellen Gestaltungsmöglichkeit. Gleichzeitig legt der Befund nahe, dass sich Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber auf eine heterogene Erwerbsrealität einstellen müssen – mit frühen Ruhestandsjahrgängen, in denen Beschäftigung noch relativ verbreitet ist, und späteren Altersstufen, in denen die Erwerbstätigkeit deutlich abnimmt.
Auch Bildung wirkt in den Daten spürbar. Ältere Menschen mit hohem Bildungsniveau sind demnach häufiger erwerbstätig: 18 Prozent im Vergleich zu 12 Prozent bei mittlerem Bildungsniveau und 10 Prozent bei niedrigem Bildungsniveau. Das lässt sich unter anderem damit verbinden, dass bestimmte Berufe, Tätigkeiten und Qualifikationen länger „anschlussfähig“ bleiben – etwa weil digitale und organisatorische Kompetenzen im späten Berufsleben noch gezielt eingesetzt werden können oder weil betriebliche Rollen auch in Teilumfängen stabil bleiben. Für die Praxis ist das wichtig: Personalplanung, Wissensmanagement und die Gestaltung von Einstiegs- oder Übergangsmodellen sollten nicht ausschließlich an den klassischen Altersgrenzen ausgerichtet sein, sondern an Kompetenzen und Einsatzformen.
Bei den Motiven tauchen im Bericht gleich mehrere Dimensionen auf. In einer Befragung aus dem Jahr 2023 gaben 33 Prozent der arbeitenden Rentner finanzielle Gründe an. Gleichzeitig wurde häufig die Freude an der Arbeit genannt und der Wunsch, weiterhin sozial integriert zu bleiben. Diese Kombination ist arbeitssoziologisch plausibel: Geld kann ein Auslöser sein, aber die Fortsetzung hängt oft an Sinn, Routine und Zugehörigkeit. Für Arbeitgeber bedeutet das konkret, dass die bloße Verlängerung von Beschäftigungsdauer allein nicht der Haupttreiber sein muss. Stattdessen entscheidet häufig, ob Arbeitsplätze so gestaltet sind, dass sie Gesundheit, Teambeziehungen und Lern- beziehungsweise Mitgestaltungsmöglichkeiten berücksichtigen.
Aus Sicht des Arbeitsmarkts lässt sich der Befund damit als schrittweise Neubewertung der „späten Erwerbsphase“ lesen. Wenn der Anteil zwischen 65 und 74 Jahren mit Nebenjob leicht ansteigt und sich dabei die Beschäftigungsformen ausdifferenzieren – mit einem hohen Anteil geringfügiger Arbeit bei Abhängigen und deutlich längerem Zeitumfang bei Selbstständigen –, verändert das auch die Nachfrage nach passenden Tätigkeitsprofilen. Unternehmen können davon profitieren, indem sie Übergangsmodelle für erfahrene Arbeitskräfte entwickeln, etwa projektbasierte Rollen, Betreuung von Prozessen oder koordinierende Aufgaben, die nicht zwingend Vollzeit erfordern. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, wie stark der Zusammenhang zwischen Rentenniveau, regionalen Arbeitsmöglichkeiten und individuellen Lebensläufen künftig bleibt, denn der Rückgang der Erwerbstätigkeit zwischen 65 und 74 zeigt, dass ein Teil der Menschen trotz Flexibilität irgendwann aus dem Erwerbsleben herausgeht.
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