LONDON (IT BOLTWISE) – Insektenprodukte sind in Deutschland und Europa längst erhältlich, doch ein Massenmarkt auf dem Teller ist bislang ausgeblieben. Laut Angaben aus der Branche scheitert der Durchbruch vor allem an fehlender Nachfrage bei zugleich relativ hohen Kosten. Mehrere Startups haben die Lebensmittelsparten wieder eingestellt oder deutlich zurückgefahren. Gleichzeitig deutet sich in der Insektenwirtschaft eine zweite Käuferwelle an, vor allem getrieben durch den Bedarf an Proteinprodukten.

Warum Insektenlebensmittel in Deutschland kaum auf dem Teller landen
Warum Insektenlebensmittel in Deutschland kaum auf dem Teller landen (Foto: IT BOLTWISE)
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Grillenburger, Mehlwurmaufstrich und andere insektenbasierte Produkte gehören in Deutschland inzwischen zum Sortiment vieler Fach- und Onlineanbieter. Trotzdem wirkt der Weg vom „Insekten-Hype“ zurück in den Alltag zäh. Während die Auswahl in Regalen oder Onlineshops seit einigen Jahren präsent ist, bleibt die zentrale Frage: Warum finden Verbraucherinnen und Verbraucher Insekten als Lebensmittel bisher deutlich seltener als etwa Sushi oder Käse mit bestimmten Geschmacksprofilen? Genau an dieser Lücke setzen Stimmen aus der Branche an – mit Blick darauf, dass sich das Thema zwar etabliert hat, aber bisher eher als Nische statt als neuer Standard.

Ein wesentlicher Teil der Erklärung liegt in der Differenz zwischen Lebensmittel- und Futtermarkt. Gia Tien Ngo, der 2018 in Baden-Württemberg das Unternehmen Alpha Protein gründete, sagt sinngemäß, dass sein Betrieb zwar Mehlwürmer produziert, jedoch im Lebensmittelbereich noch keine nennenswerte Produktion aufgebaut habe. Stattdessen fertigt das Unternehmen vor allem verarbeitetes Tierfutter und lebende Insekten als Terrarienfutter in Dielheim. Ähnlich ordnet Raijana Schiemann, Geschäftsführerin von Entava, die Entwicklung ein: Aus dem ursprünglich geplanten Lebensmittelzweig – getrocknete ganze Insekten und Mehl aus Mehlwürmern, die anschließend zu Riegeln, Müsli oder Crackern weiterverarbeitet werden – habe man laut ihren Angaben inzwischen komplett ausgestiegen. Gegenübersteht auf der einen Seite ein Markt, der relativ gut funktioniert, und auf der anderen Seite der Lebensmittelkanal, der im Verhältnis dazu zu klein blieb.

Technisch betrachtet berührt diese Spaltung nicht nur die Produktform, sondern auch die gesamte Produktions- und Vermarktungskette. Insekten müssen für den Lebensmittelbereich so verarbeitet werden, dass sie als neuartige Lebensmittel rechtlich zulässig sind und verlässlich in einer gleichbleibenden Qualität ankommen. Laut Isabell Weiße, Agrarökonomin und Doktorandin an der Universität Göttingen, gab es von etwa 2018 bis 2022 einen deutlichen „Boom“: Die EU hatte Insekten 2018 als „novel food“ eingestuft, das Thema wurde dadurch medial stark sichtbar. Die Folge war eine relativ hohe Zahl an Akteuren; Weiße schätzt, dass damals zwischen 20 und 30 Unternehmen planten, Insekten für Lebensmittel zu züchten oder damit in den Markt zu gehen. Inzwischen erwartet sie in Deutschland weniger als zehn Unternehmen mit entsprechenden Aktivitäten.

Die Marktmechanik zeigt sich dabei besonders deutlich in der Handelssicht. Berichten zufolge halten große Händler aktuell keine Insektenprodukte im Sortiment vor – darunter Lidl, Aldi Süd und Rewe. Auch tegut führt demnach keine Produkte, weil die Nachfrage nicht ausreichte. Plumento Foods aus Pforzheim wird in dem Zusammenhang als frühes Beispiel genannt, das sich an den Einzelhandel heranwagte und nach eigenen Angaben in der Vergangenheit insektenbasierte Lebensmittel dorthin gebracht hat. Der Geschäftsführer Daniel Mohr beschreibt jedoch, dass sich daraus langfristig kein stabiler Markt entwickelt habe; inzwischen verkauft er demnach keine Insektenprodukte mehr. Weiße führt diesen Rückschlag auch auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen zurück: Der Absatz sei nicht gut genug gewesen, während die Kosten relativ hoch blieben, und viele Startups seien anfangs zu optimistisch gewesen, was Tempo und Skalierung betrifft.

Daneben wirken kulturelle und produktbezogene Faktoren als Bremsklötze. Schiemann verortet Insektenlebensmittel in der Konkurrenz zur veganen und vegetarischen Ernährung: Wer in diese Richtung geht, hat bereits etablierte Produktalternativen, während Insekten als Lebensmittel weiterhin neuartig bleiben. Zusätzlich kritisieren beide Stimmen den Zulassungsprozess als bürokratisch und komplex. Weiße benennt außerdem als sichtbare Einstiegshürde „Ekel“ beziehungsweise eine Phobie vor neuen Lebensmitteln. Ein solcher psychologischer Filter kann gerade bei Lebensmitteln stärker zuschlagen als in anderen Bereichen, weil Konsumentscheidungen unmittelbar und sichtbar getroffen werden – und weil der Geschmack oder die Textur häufig erst durch mehrfaches Probieren überwunden werden.

Trotz der Ernüchterung bleibt das Bild nicht ausschließlich negativ. Ngo berichtet von einer Art zweite Generation von Insektenzuschauern und beschreibt, dass die Nachfrage nach Insekten in jüngster Zeit wieder stärker geworden sei, weil Angebot und Verfügbarkeit nicht mehr so breit wie zuvor seien. Auch Schiemann zeigt sich grundsätzlich offen, falls sich die Marktbedingungen ändern. Ngo begründet seine Hoffnung zudem mit der wachsenden Nachfrage nach Proteinprodukten: Sportler, die Molkenproteine nicht gut vertragen, könnten auf Proteine aus Insekten umsteigen. Sein Vergleich lautet, dass es bei Sushi früher ähnlich gedacht worden sei – es sei eklig, will keiner essen gewesen, heute gebe es jedoch an vielen Ecken Sushi-Läden. Für Unternehmen heißt das: Wer den Lebensmittelkanal weiter plant, muss nicht nur Produktion und Kosten im Griff haben, sondern auch ein klares Positionierungs- und Absatzmodell finden, das in der Praxis gegen niedrigere Hemmschwellen arbeitet.

Für die nächsten Monate entscheidet sich damit weniger die grundsätzliche Machbarkeit als die Kombination aus Skalierung, Produktfit und Vertriebskanal. Wenn der Handel Insektenprodukte abräumt, verlagert sich der Markt häufig in den Onlinevertrieb oder in Nischenverarbeitungen, etwa als Beimischung oder in funktionalen Snackformaten. Genau dort sind Feedbackzyklen schneller, aber auch Kundenakquise und Margen oft anspruchsvoller. Gleichzeitig steigt für Anbieter die Bedeutung, die Zulassung und Qualitätsprozesse als wiederholbare Routine zu etablieren, statt jedes Produkt als Einzelfall zu behandeln. In der Folge könnten Insektenlebensmittel doch noch ihren „Sushi-Moment“ erleben – allerdings voraussichtlich nicht als flächendeckender Standard, sondern als eng getaktete, wirtschaftlich tragfähige Produktstrategie.


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