LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA sinkt die Erwerbsbeteiligung von Männern seit Generationen, und Ökonomen suchen weiter nach der Ursache. Neue Forschung legt nahe, dass nicht nur aktuelle Konjunktur, sondern vor allem die Arbeitsmarkterfahrungen in der Kindheit die Erwartungen an Lohn und Beschäftigung prägen. Wenn junge Jungen früh schwache Löhne und hohe Arbeitslosigkeit im Umfeld sehen, können diese Erfahrungen langfristig dazu führen, dass sie später seltener am Arbeitsmarkt teilnehmen. Für Politik bedeutet das: Wer Bindung an Arbeit fördern will, muss offenbar Erwartungen glaubwürdig und langfristig aufbauen.

Die Erwerbsbeteiligung von Männern in den USA fällt seit Jahrzehnten kontinuierlich, während die von Frauen nach einem ähnlichen demografischen Verlauf bis in die 2000er Jahre hinein weitgehend stabiler blieb. Diese Entwicklung verwirrt Ökonomen, weil klassische Erklärungen wie die kurzfristige Lage am Arbeitsmarkt oder reine Qualifikationsunterschiede die Muster nur teilweise abbilden. Besonders auffällig ist, dass der Rückgang nicht darauf beschränkt ist, dass Männer in Krisen weniger arbeiten, sondern dass weniger Männer überhaupt im Arbeitsmarkt „auftauchen“: also weniger beschäftigt sind oder arbeitsuchend bleiben. Genau hier setzt die neue Debatte an.
Laut jüngsten Daten lag die Erwerbsquote von Männern ab 20 Jahren im Mai bei 69,5%, nachdem sie im Mai 2006 noch bei etwa 76% gelegen hatte. Historisch zeigt sich zudem ein deutliches Zeitmuster: Die Quote erreichte 1950 mit 86,4% ihren Höchststand und sank bis 1970 auf 79,7% sowie bis 1990 weiter auf 76,4%. Der Anteil von Frauen stieg dagegen langfristig an, bis er um 2000 seinen Höhepunkt fand und danach nur leicht zurückging. Das macht „Technologie- oder Konjunkturschocks“ als alleinige Erklärung weniger plausibel und lenkt den Blick auf langfristige Erwartungen und Verhaltensänderungen.
Seit Jahren werden verschiedene Hypothesen gegeneinander abgewogen. Nach dem Platzen der Immobilienblase und dem Ausbruch der Großen Rezession etwa wurde diskutiert, ob der abrupte Verlust von Bau- und Handwerksjobs Männer aus dem Erwerbsleben gedrückt habe. Andere Stimmen verweisen auf veränderte Freizeit- und Konsumgewohnheiten: Selbst der Hinweis auf neuere Videospielkultur wurde als Faktor dafür angeführt, dass manche Männer weniger Stunden arbeiten. In der Fachdebatte ergänzen sich diese Ansätze jedoch selten, weil sie meist im Hier und Jetzt ansetzen. Eine alternative Linie kommt aus der Forschung der US-Notenbank-Regionalen: Die San-Francisco-Studien argumentierten, dass Männer teils „gezogen“ werden (z. B. durch Schule oder Care-Arbeit) und teils „ausgestoßen“ (z. B. durch Skill-Mismatch oder Behinderungen) werden.
Eine neue Arbeit von Ökonomen der University of Connecticut erweitert diese Sicht, indem sie psychologisch und ökonomisch stärker auf den Lernprozess setzt. Die Kernidee: Männer bilden ihre Erwartungen darüber, wie „lohnend“ Arbeit später ist, anhand der Arbeitsmarktsituation, die sie während ihres Lebens – besonders in der Kindheit – um sich herum beobachten. Wenn junge Jungen schwache Löhne und hohe Arbeitslosigkeit bei Männern in ihrem Umfeld sehen, formen sie pessimistische Projektionen für die eigene Zukunft. Dadurch sinkt ihre Bereitschaft, sich später aktiv am Arbeitsmarkt zu beteiligen. In diesem Modell kann ein kurzfristiger Nachfragerückgang langfristige Angebotsrückgänge „nachziehen“, weil sich die Such- und Teilnahmebereitschaft verschiebt.
Technisch betrachtet lässt sich das als eine Art persistentes Erwartungs- oder Erfahrungsfeedback verstehen: Das Arbeitsmarktumfeld wird zum Parameter, der spätere Entscheidungen mitsteuert, selbst wenn sich die makroökonomischen Rahmenbedingungen ändern. Die Studie zeigt außerdem, dass der Effekt selbst dann anhält, wenn Männer in andere Bundesstaaten ziehen. Zudem sind die Effekte stärker, wenn die beobachteten Erfahrungen stärker mit der eigenen rassischen Gruppe übereinstimmen. Besonders relevant ist der Befund, dass Kindheitsexposition nahezu alle Dynamiken der Erwerbsbeteiligung erklären soll und dass Erwartungen eher aus lebenslangen Erfahrungen entstehen als aus allgemeinen Aggregaten wie nationaler Arbeitslosigkeit oder Inflation. Das ist methodisch wichtig, weil es die klassische „Konjunktur-Erklärung“ enger begrenzt.
Damit prallen zwei Forschungsstränge aufeinander, die man als wettbewerbende Deutungsmodelle verstehen kann: Während die San-Francisco-Ansätze stärker auf Bildung, Betreuungspflichten und Matching-Probleme fokussieren, setzt die Connecticut-Arbeit auf formative Lernfenster. Unterstützt wird die Erwartungsperspektive durch weitere Analysen aus dem Fed-Umfeld. Die Boston-Regionalstudie aus dem Jahr 2022 betont etwa, dass nicht nur Qualifikation, sondern auch die wahrgenommene soziale Position eine Rolle spielt: Männer ohne Hochschulabschluss verlassen demnach den Arbeitsmarkt häufiger, weil sie ihren Status relativ zu besser Ausgebildeten als schlechter erleben. Das passt zur Erwartungslogik, auch wenn die Mechanismen dort über Status, Selbstbild und Vergleichsprozesse laufen statt über Lohnprojektionen im engeren Sinne.
In Zahlen wird diese Statuswirkung greifbar: Seit 1980 sind die Wochenverdienste von Männern ohne Abschluss um 17% gefallen, während die von college-gebildeten Männern um 20% stiegen – jeweils real und inflationsbereinigt. Laut der Boston-Forschung erhöht diese Lohnspreizung die Wahrscheinlichkeit, aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen, um fast einen halben Prozentpunkt; außerdem erklärt sie einen erheblichen Teil des Anstiegs der Exit-Rate. Diese Ergebnisse stützen die Vorstellung, dass ökonomische Ungleichheit nicht nur auf Einkommen wirkt, sondern auch auf Teilnahmewahrscheinlichkeiten. Für Unternehmen bedeutet das: Workforce-Strategien, die nur auf Skills und Lohnangebote starren, könnten zu kurz greifen, wenn die „Bereitschaft zum Eintritt“ bereits biografisch erodiert ist.
Für die Politik folgt daraus eine klare Konsequenz: Wenn die Erwerbsbindung über Erwartungen gesteuert wird, muss man nicht nur kurzfristig Jobs schaffen, sondern glaubwürdige Signale für langfristigen Nutzen von Arbeit vermitteln. Die Connecticut-Autoren argumentieren, dass sich ein wirksamerer Ansatz darauf konzentrieren sollte, verlässliche, langfristige Erwartungen zu kultivieren, damit aus anfänglichen Verhaltensrückzügen keine dauerhaften Rückzüge werden. Dabei lohnt auch der Blick auf die aktuelle Sonderlage durch die COVID-Pandemie: Separate Forschung deutet darauf hin, dass Menschen ihre Prioritäten neu sortierten und weniger Stunden arbeiteten. Doch auch hier zeigt sich eine geschlechtsspezifische Divergenz: Junge Männer mit Bachelor verbrachten 2019 bis 2022 im Schnitt 14 Stunden weniger pro Jahr am Arbeitsplatz, während Frauen mit vergleichbarer Qualifikation nur rund drei Stunden weniger arbeiteten. Insgesamt spricht vieles dafür, dass Policy-Design künftig stärker die „Erwartungsbildung“ als Systemkomponente berücksichtigen muss, statt allein die Konjunktur zu adressieren.
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