LONDON (IT BOLTWISE) – Nach fast zwei Jahrzehnten überdurchschnittlicher US-Aktienrenditen rückt die Frage nach einer neuen, breiteren Portfolio-Logik wieder in den Fokus. Ronald Temple von Lazard warnt vor einer fortgeschriebenen US-Übergewichtung: Hohe Bewertungen, Konzentrationsrisiken und ein möglicher Wendepunkt beim US-Dollar verändern die Chancen-Risiken-Bilanz. Gleichzeitig bleibt der KI-Boom ein zentraler Fundamenttreiber – aber die ökonomische Beweiskraft für die extremen Erwartungen ist noch nicht überall klar. Für internationale Anleger wird damit die Diversifikation wieder zur operativen Aufgabe, nicht nur zur Theorie.

Nach fast zwei Jahrzehnten, in denen US-Aktien global häufig die Nase vorn hatten, wird die Debatte über die „richtige“ Gewichtung wieder lauter. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, stellt dabei nicht den US-Markt als Ganzes infrage, sondern die bisherige Selbstverständlichkeit einer starken US-Exponierung. Der Kern seiner Argumentation ist plausibel: Viele internationale Portfolios hängen inzwischen stärker vom US-Wachstum ab, als Anleger das auf den ersten Blick wahrnehmen. Wer die US-Dominanz über Jahre hinweg als „Default“ fortgeschrieben hat, sollte die Annahmen dahinter heute neu prüfen, weil mehrere Risiken gleichzeitig zusammenlaufen.
Ein wesentlicher Auslöser ist die Marktkonzentration. US-Aktien machen inzwischen mehr als 60 Prozent des MSCI All Country World Index aus. Damit reichen schon kleine Abweichungen in der aktiven oder passiven Portfolio-Konstruktion, um automatisch eine starke Klumpenwirkung in Richtung USA zu erzeugen. Viele Investoren wissen zwar, dass sie hoch investiert sind, zögern aber beim Reduzieren. Die Sorge: Man könnte zu früh aussteigen und weitere KI-getriebene Kursgewinne verpassen. Temple hält diese Bedenken für nachvollziehbar, betont aber, dass Risikoanalyse nicht durch „Performance-Furcht“ ersetzt werden darf.
Technisch betrachtet lässt sich die aktuelle Lage auch als Kopplung aus Bewertungsniveau und makroökonomischen Rahmenbedingungen beschreiben. Hohe Bewertungen wirken wie ein Hebel: Schon kleine Enttäuschungen bei Gewinnentwicklung oder Margen können Multiplikatoren schneller komprimieren als in Phasen niedrigerer Erwartungshorizonte. Hinzu kommt der US-Dollar als zusätzlicher Kosten- und Renditetreiber. Temple verweist darauf, dass die Aufwertung des Dollars in den Jahren 2021 und 2022 bereits einen Teil ihrer Gewinne abgegeben hat und eine weitere Schwächephase möglich ist. Für europäische Anleger kann das doppelt wirken: US-Renditen in Euro sinken tendenziell, während Nicht-US-Anlagen relativ attraktiver werden.
Der KI-Boom bleibt dabei ein zentraler Faktor für die US-Märkte – und genau deshalb wird die Debatte wirtschaftlich so anspruchsvoll. Die Investitionen großer US-Hyperscaler dürften 2026 mehr als 750 Milliarden US-Dollar erreichen, was gegenüber 2025 einem Plus von über 80 Prozent entspricht. Zwischen 2026 und 2030 könnten sich die kumulierten KI-Investitionen auf fünf bis zehn Billionen US-Dollar summieren. Das ist nicht nur eine Story über „mehr Ausgaben“, sondern eine massive Verschiebung in Richtung Rechenzentrumskapazität, spezialisierter Hardware und darauf aufbauender Plattform-Ökosysteme. Technologisch ist die Relevanz von KI kaum zu bestreiten; aus Anlegersicht entscheidet jedoch, ob die Kapitalrenditen der eingesetzten Summen auch tatsächlich die Erwartungen der Bewertungslage tragen.
Die entscheidende Vergleichsfrage lautet: Cloud-basierte KI-Ökosysteme profitieren zwar von Skaleneffekten, aber standardisierte Infrastruktur kann Wettbewerbsvorteile relativieren. Wenn KI-Anwendungen im Zeitverlauf stärker als austauschbare Infrastrukturbausteine behandelt werden, rückt „Kosten und Verlässlichkeit“ in den Vordergrund. Dann könnten günstigere Anbieter Marktanteile gewinnen, ohne denselben Investitionshebel wie die heutigen Marktfavoriten zu benötigen. Temple argumentiert genau an dieser Stelle, dass es nicht ausreicht, „Gewinner“ zu identifizieren – entscheidend ist, ob die Erwartungshaltung für die gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig bleibt. Diese Perspektive passt zu einem weiteren historischen Muster: In früheren Technologiezyklen folgte häufig auf den Investitionsschub eine Phase der Rendite-Entzauberung, wenn Skalierung nicht automatisch zu Aktionärserträgen wurde.
Auch die Bewertung des US-Marktes hängt daher an der Erfüllungsfähigkeit der Gewinnerwartungen. Im internationalen Vergleich erzielen US-Unternehmen weiterhin hohe Kapitalrenditen, was grundsätzlich einen Bewertungsaufschlag rechtfertigen kann. In einer Umgebung mit potenziell besseren relativen Renditechancen anderer Regionen wird dieser Aufschlag jedoch anspruchsvoller. Bleiben die Gewinne hinter den Erwartungen zurück oder belasten höhere Zinsen die Multiplikatoren, steigt die Anfälligkeit. Temple fasst es entsprechend zusammen: US-Aktien bleiben attraktiv, aber nicht risikolos. Für Portfolios bedeutet das praktisch, dass eine starke US-Gewichtung nicht einfach fortgeschrieben werden sollte, sondern als Ergebnis einer bewusst getroffenen Allokationsannahme zu behandeln ist.
Ein zusätzlicher, oft unterschätzter Punkt betrifft die US-Konjunktur und die „Qualität“ des Wachstums. Auf Aggregatsebene wirkt die US-Wirtschaft widerstandsfähig; zugleich bleibt die Einstellungsbereitschaft gedämpft, während Unternehmen vorsichtiger bei Neueinstellungen sind. KI-getriebene Automatisierungserwartungen und zollbedingte Kostenunsicherheit können diese Zurückhaltung verstärken. Parallel gewinnt das Bild einer K-förmigen Wirtschaft an Bedeutung: Haushalte mit Vermögen profitieren über Aktienkurse, Immobilienwerte und weitere Vermögenspreise, während einkommensschwächere Gruppen stärker unter Inflation und schwächerem realem Lohnwachstum leiden. Ende 2025 soll das Nettovermögen der US-Haushalte insgesamt 175 Billionen US-Dollar betragen; die untere Hälfte hält nur etwa 4, 3 Billionen US-Dollar, während das oberste Prozent 55, 9 Billionen US-Dollar kontrolliert. Wenn Wachstum damit zunehmend auf einer schmaleren Basis steht, steigt die Verletzlichkeit.
Für Anleger ist daraus kein Plädoyer für eine pauschale Abkehr von den USA abzuleiten. Vielmehr fordert Temple eine breitere globale Allokation, in der die USA zwar relevant bleiben, aber die Zeit nahezu unangefochtener Dominanz vorbei sein könnte. Als attraktiv nennt er vor allem Regionen und Marktsegmente mit günstigeren Bewertungen, solider Gewinnperspektive und möglichen Rückenwinden durch einen schwächeren US-Dollar. Wettbewerber in diesem Sinne sind weniger einzelne Unternehmen als vielmehr alternative Anlageuniversen: Europa, Asien und andere Märkte, die in vielen MSCI- oder FTSE-Baskets bisher eher unterrepräsentiert waren. Genau hier entsteht auch eine Umsetzungschance für Unternehmen und Asset Manager: Portfoliokonstruktionen sollten KI- und Infrastruktur-Exposures sowie Währungsrisiken sauber abbilden, statt sie implizit über einen US-lastigen Indexkorb zu kaufen.
Der Ausblick führt deshalb zu einer nüchternen, aber handlungsorientierten Schlussfolgerung. Temple empfiehlt keine abrupte Aufgabe der US-Positionierung, sondern eine Überprüfung der Annahmen hinter der Allokation. Nach einer Phase extremer US-Outperformance spricht vieles dafür, Portfolios globaler, ausgewogener und stärker auf unterschiedliche Renditetreiber auszurichten. Ein günstiger Zeitpunkt könnte sein, Asset-Allokationen neu zu justieren – nicht aus Angst vor den USA, sondern wegen eines veränderten Verhältnisses von Chancen und Risiken. Für die nächste Phase der KI-Ökonomie bedeutet das außerdem: Entscheider sollten nicht nur auf „KI-Investitionen“ schauen, sondern auf den finanziellen Pfad von Investition zu Cashflow, auf Preissetzungsmacht und auf die Frage, wie skalierte Infrastruktur langfristig monetarisiert wird.
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