HYDERABAD / LONDON (IT BOLTWISE) – Die USA wollen offenbar mehr Generika im Inland herstellen, doch am Beispiel Indiens zeigt sich, wie schwer dieser Schritt ist. In einer Fabrik in Hyderabad produzieren bis zu 1.900 Beschäftigte von Dr. Reddy’s pro Monat über eine Milliarde orale Dosen, von denen 75 Prozent in die USA gehen. Ein 100-prozentiger Zoll auf importierte Generika soll die Abhängigkeit verringern, würde nach Einschätzung von Branchenakteuren aber eher Preise und Lieferengpässe verschärfen. Selbst deutlich höhere Zollsätze dürften den Kostenvorteil Indiens laut Schätzungen kaum ausgleichen.

Die politische Idee klingt pragmatisch: Wenn importierte Generika in den USA teurer werden, wandert die Produktion näher an die Verbraucher. Doch die reale Lieferkette passt nur bedingt in solche Vereinfachungen. Im Zentrum der Debatte steht eine Fabrik in Hyderabad, in der Dr. Reddy’s Laboratories unter dem Kürzel F.T.O. U-3 werktäglich eine industrielle Größenordnung erreicht, die für viele US-Betriebe kaum in kurzer Zeit nachbaubar ist. Dort arbeiten rund 1.900 Menschen in mehreren Schichten und stellen mehr als 100 Generika her, darunter Wirkstoffklassen wie Antihistaminika, Statine und Antidepressiva. Laut Beschreibung aus dem Umfeld der Produktion verlassen jeden Monat nahezu eine Milliarde orale Dosen das Werk, und 75 Prozent davon gehen an Patientinnen und Patienten in den USA.
Gerade dieser Mix aus Volumen, Prozesswissen und Kostendruck macht Generika zu einem besonders schwierigen Feld für lokale Verlagerungen. Generika werden in den USA zu einem Großteil verordnet: In dem Material wird genannt, dass sie rund 90 Prozent aller verordneten Medikamente ausmachen, während ein großer Teil davon in Indien gefertigt wird. Wenn die US-Importpolitik bei bestimmten Medikamenten ansetzt, wirkt das zwar wie ein Hebel, aber es trifft gleichzeitig auf eine Industrie, die als Hochvolumen- und Niedermargen-Geschäft organisiert ist. Die Folge wäre aus Sicht von Ärzten und Supply-Chain-Expertinnen und -Experten vor allem eine Erhöhung der Gesamtkosten, plus das Risiko von Rationierung und Lieferknappheit bei einzelnen Wirkstoffen, die in der Versorgung besonders kritisch sind.
Technisch betrachtet ist die Frage nicht nur, wo Pillen verpresst oder Flüssigkeiten abgefüllt werden, sondern wie ein Produkt im Detail gefertigt wird – von Zwischenschritten bis zu spezialisierten Chemikalien. Auch große Hersteller planen ihre Produktions- und Logistikketten daher oft grenzüberschreitend, um Sicherheit bei der Verfügbarkeit zu erhöhen und Herstellschritte dort zu bündeln, wo sie effizient abbildbar sind. Ein Beispiel aus dem Umfeld von Piramal Global Pharma zeigt das deutlich: Ein versiegeltes Fass, das in einem Lagerraum in Digwal steht, wurde in Indien hergestellt, nach Singapur verschifft und wieder zurückgebracht; darüber hinaus trägt es sogar die Markenkennzeichnung eines japanischen Unternehmens mit US-amerikanischer Adresse. Noch anschaulicher wird es bei einem „lebensrettenden“ Medikament, das in Digwal startet, rund 8.000 Meilen Luftweg bis in die Nähe von Detroit (Riverview, Michigan) zurücklegt und dort erst in die finalen Darreichungsform überführt wird. Diese Beispiele machen klar, warum Tarife als alleiniger Mechanismus selten die strukturellen Engpässe auflösen.
Hinzu kommt der Kostenvorsprung, den Indien nicht nur über Lohnniveaus erklärt, sondern über eine Kombination aus Materialpreisen, Skalierung und Anlagenplanung. Der CEO von Piramal Global Pharma wird mit einem Kostenvergleich zitiert: In den USA liegen die Arbeitskosten „mit großem Abstand“ vorn, danach folgen Energie und Materialien. In Indien ist es spiegelverkehrt: Materialien sind dort der größte Kostenblock, während Arbeitskräfte vergleichsweise günstig sind. Die Größenordnung wird zudem über konkrete Beschäftigte greifbar gemacht: Mennisha Paka (23) beaufsichtigt in der Fabrik eine Linie zum Verpacken von Metoprolol, einem Betablocker für Herzpatientinnen und -patienten, und verdient demnach 3.840 US-Dollar im Jahr. Ihre Kollegin Susmita verdient etwa 2.000 US-Dollar jährlich; beide liegen laut Darstellung unter einem Zehntel dessen, was im US-amerikanischen Pharmaproduktionsumfeld durchschnittlich gezahlt werde. Das erklärt, weshalb selbst ein politischer Einschnitt wie ein 100-prozentiger Zoll auf importierte Generika häufig nicht automatisch zu „ausreichender“ heimischer Ersatzkapazität führt.
Dabei spielt auch die Qualitätsspur eine Rolle, weil in der Vergangenheit Rückschläge in der Branche das Vertrauen beschädigt haben. Für einzelne Anbieter gab es in den 2000er-Jahren Vorwürfe, unzureichende Medikamente verkauft zu haben und gegenüber der US-Food-and-Drug-Administration nicht korrekt über Prozesse berichtet zu haben; in dem Material wird Ranbaxy als bekanntester Fall genannt. Gleichzeitig wird beschrieben, dass die FDA noch bis 2019 offenbar angekündigte Inspektionen Tage im Voraus kommunizierte – was Betreibern Zeit gegeben habe, problematische Praktiken zu verstecken. Für große Hersteller scheint sich das inzwischen geändert zu haben: Dr. Reddy’s erhielt demnach eine überraschende Inspektion zwei Wochen nach der Erklärung der Zollpolitik. Außerdem nennt Piramal für sein Werk in Digwal seit dem Ausbau im Jahr 2012 insgesamt 415 Inspektionen, darunter 49 durch die FDA, mit dem Ergebnis, dass keine schwerwiegenden Verstöße festgestellt worden seien.
Für die Markt- und Standortlogik wird damit ein weiterer Punkt relevant: Die Abhängigkeit lässt sich nicht nur durch Tarife auflösen, weil Medikamente auf mehreren Lieferstufen entstehen. Startend in den 1990er-Jahren habe China die Weltspitze bei den aktiven pharmazeutischen Wirkstoffen dominiert, die viele Arzneien benötigen. Indien versucht nun, diese Fähigkeit zurückzugewinnen. Im Material wird zudem argumentiert, dass eine Abkopplung zwischen Indien und den USA das Risiko erhöht, für kritische Zutaten von China abhängig zu bleiben. Genau hier entsteht laut der genannten Einschätzung ein Kooperationsfenster: Anstatt Produktion gegeneinander auszuspielen, wäre es für US-Käufer teils sinnvoller, strategisch aus Indien zu bevorraten, statt den kompletten Herstellschritt teuer im Inland aufzubauen – und zwar, weil die US-Fähigkeit zur schnellen Skalierung bei Generika begrenzt bleibt.
Ob Zölle am Ende Lieferengpässe abwenden oder sie wahrscheinlicher machen, hängt damit an einem zentralen Zielkonflikt: Geht es um mehr Produktionsarbeitsplätze, um Versorgungssicherheit oder um beides? Der CEO von Piramal wird in dem Material mit der Frage zitiert, welches konkrete Problem die Zollpolitik adressieren soll. Wenn die Antwort Versorgungssicherheit lautet, spricht viel dafür, dass „mehr lokal“ nicht automatisch „weniger Risiko“ bedeutet, solange Wirkstoffe, Zwischenschritte, Prüfketten und spezialisierte Maschinenanlagen über Länder hinweg kooperieren. Und selbst wenn die Politik die Produktionskosten im Ausland erhöht, dürfte der industrielle Kern – Skalierung, Prozessreife und die Verfügbarkeit von Lieferkomponenten – nicht über Nacht verschoben sein. Für die kommenden Jahre dürfte die Debatte daher weniger eine Frage von Zollsätzen sein, sondern von Produktionsnetzwerken, Risikopuffern und der Frage, wie schnell neue Kapazitäten mit verlässlicher Qualität hochgezogen werden können.
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