HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Co-Housing-Projekt we-house Baakenhafen in der HafenCity erhält vom Good Mobility Council das Vorzertifikat „Pre-Certified Good Mobility in Platin“. Damit wird die höchste Zertifizierungsstufe für Mobilität im Gebäude ausgezeichnet – inklusive eines Sharing-Konzepts, das den Autodruck im Alltag deutlich senken soll. Entscheidend ist dabei nicht nur die Infrastruktur, sondern die enge Verzahnung von Architektur, Quartierswegen und öffentlichem Nahverkehr. In einem Jahr Bauzeit ist zudem der Rohbau der acht Hauptgeschosse fertiggestellt; der Einzug ist für Herbst 2026 geplant.

In der Hamburger HafenCity bekommt das Thema Mobilitätswende plötzlich eine konkrete Adresse: Das Co-Housing-Projekt we-house Baakenhafen wurde im Rahmen des Richtfests mit dem Vorzertifikat „Pre-Certified Good Mobility in Platin“ ausgezeichnet. Die Bewertung zielt dabei auf Mobilität im Gebäude ab, nicht auf reine Image-Claims. Zentral ist, dass das Konzept nicht bei der Stellplatzfrage stehen bleibt, sondern Wohnen und Alltag so umbaut, dass Sharing-Modelle, kurze Wege und der Anschluss an den öffentlichen Verkehr zusammenarbeiten. Für das Quartier bedeutet das vor allem eines: weniger Fläche für individuelle Nutzung, mehr Effizienz durch gemeinschaftliche Ressourcen.
Technisch betrachtet setzt das Projekt auf eine durchdachte Kombination aus Stellplatzersatz, Fahrradlogistik und redundanter Erreichbarkeit. Insgesamt entstehen 52 Wohneinheiten auf rund 6.200 Quadratmetern Nutzfläche, wobei das Mobilitätskonzept konsequent gemeinschaftlich gedacht ist. Besonders hervor sticht das Sharing-Modell: Bewohnerinnen und Bewohner teilen sich Pkw, Lastenfahrräder sowie Alltagsgegenstände wie Werkzeuge oder Kinderanhänger. Das reduziert die Notwendigkeit, Fahrzeuge und Geräte dauerhaft vorzuhalten. Ergänzend wird Fahrradparken als systemischer Bestandteil der Architektur umgesetzt, inklusive ebenerdig erreichbarer Wegeführung vom Kai-Geschoss über Rampen und die Erschließung per Lastenaufzug.
Auch die innere Logik der Fahrradflächen folgt einem Prinzip, das man sonst eher aus spezialisierten Logistik- oder Campus-Konzepten kennt: kurze Wege, klare Zonierung und Bedienbarkeit im Alltag. Im Untergeschoss sind Fahrradstellplätze so organisiert, dass der Zugang nicht als „Sonderweg“ wahrgenommen wird. Vier spezialisierte Fahrradräume schaffen zusätzliche Funktionstrennung, darunter ein Bereich für Lastenräder sowie Zonen mit hochwertigen Doppelstockparkern. Für Gäste sind außerdem großzügige Fahrradbügel vorgesehen. Flankiert wird das System durch ein platzsparendes Combilift-Verschiebeparkerprinzip, das die Stellplatzdichte erhöht und zugleich die Bedienung optimieren soll. Eine hauseigene Mobilitäts- und Paketstation rundet das Gesamtbild ab und verbindet Mobilität mit alltäglichen Transaktionen.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb im Wohnungsbau weg vom klassischen Parkplatz-Versprechen hin zu integrierter Nutzungserfahrung. Während viele große Projektentwickler weiterhin stark auf Stellplatzschlüssel, Standard-Fahrradräume und „nachrüstbare“ Mobilitätsangebote setzen, zeigt we-house Baakenhafen einen Ansatz, der Mobilitätsfunktionen bereits in der Architektur über Schnittstellen und Verkehrswege plant. Für die Marktpositionierung ist das relevant, weil Mieterbindung und Betriebskosten in Stadtlagen zunehmend daran gemessen werden, wie gut Alltagswege ohne Auto abbildbar sind. Branchenanalysten sehen in solchen integrierten Modellen einen Weg, Mobilitätskosten langfristig zu stabilisieren und Flächenverbrauch zu senken, insbesondere dort, wo der öffentliche Raum knapp bleibt und Quartiere Verdichtung mit Lebensqualität verbinden müssen.
Für Experten im Zertifizierungsumfeld war vor allem die nahtlose Integration ausschlaggebend: Das Fahrradparken liegt zwar im Untergeschoss, bleibt aber durch ebenerdige Erschließung vom Kai-Geschoss funktional zugänglich. Das ist mehr als Komfort; es entscheidet, ob das Konzept in der Praxis angenommen wird. Wie Dr. Ingo Kucz, Gründer und Geschäftsführer des Good Mobility Council, hervorhebt, geht es darum, Mobilitätsziele nicht nur zu erfüllen, sondern in eine hochwertige Nutzungserfahrung zu übersetzen. Genau hier liegt der Unterschied zu reinen Infrastruktur-Ankündigungen. Die Auszeichnung liefert zudem eine Art Benchmark, an der sich zukünftige Quartiersentwicklungen orientieren können – gerade dann, wenn Regulierungen strengere Anforderungen an Klimawirkung und nachhaltige Mobilität über Zeithorizonte hinweg festschreiben.
Der Projektfortschritt unterstreicht, dass es sich nicht um einen reinen Konzeptwettbewerb handelt. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Grundsteinlegung ist der Rohbau der acht Hauptgeschosse in der Baakenallee 45 fertiggestellt. Entsprechend ist das Zeitfenster für die Umsetzung bereits eng getaktet: Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner sollen im Herbst 2026 einziehen. Entwickelt wird das Gebäude von der Archy Nova Projektentwicklung GmbH, während die architektonische Planung von Eble Messerschmitt Partner aus Tübingen stammt. Diese Konstellation ist typisch für erfolgreiche Nachhaltigkeitsvorhaben: Wer Mobilität nicht nur als „Zutat“, sondern als Planungsparameter begreift, muss Schnittstellen zwischen Architektur, Haustechnik, Bauablauf und Nutzerkonzept von Anfang an koordinieren.
Neben der technischen Seite spielt die Eigentums- und Betriebslogik eine Rolle, weil Sharing ohne passende Governance nur schwer dauerhaft funktioniert. we-house Baakenhafen wird als Co-Housing-Modell umgesetzt, in dem Bewohnerinnen und Bewohner zu Miteigentümern nach dem Vorbild von Genossenschaften werden. Das kann helfen, Entscheidungen über gemeinschaftliche Ressourcen (etwa Fahrzeugnutzung oder Instandhaltung) konsistenter zu treffen als in rein mietvertraglich gesteuerten Settings. Finanzierungsseitig ist das Projekt über die Triodos Bank angebunden, was häufig mit einer stärkeren Ausrichtung auf ESG-Kriterien einhergeht. Zusätzlich gibt es ein Dachgewächshaus, in dem künftig Salate und Kräuter für das hauseigene Restaurant angebaut werden, was die Idee der geteilten Ressourcennutzung in den Alltag verlängert.
Regulatorisch betrachtet berührt das Modell mehrere Ebenen: CO2- und Klimaziele, Anforderungen an nachhaltige Mobilität sowie die Frage, wie in Gebäuden Daten genutzt oder vermieden werden, wenn etwa Schließ- oder Zugangsprozesse digital unterstützt werden. Zwar werden im Projekttext keine detaillierten Angaben zu Sensorik oder Nutzerdaten gemacht, aber gerade bei Sharing- und Zugangssystemen lohnt eine frühzeitige Datenschutz- und Sicherheitsplanung. Unternehmen sollten darauf achten, dass Authentifizierung, Wartungsinformationen und Nutzungsstatistiken so umgesetzt werden, dass Datenminimierung und Zweckbindung eingehalten werden. Für die Praxis heißt das: klare Policies, abgesicherte Schnittstellen und ein Betriebskonzept, das auch bei Fluktuation der Nutzer verlässlich bleibt.
Mit Blick auf die nächsten Jahre ist die Signalwirkung des Platin-Levels hoch: Wenn Zertifizierungen Mobilität als gleichwertigen Bestandteil von Bauqualität etablieren, werden auch Standardprozesse in Planung und Vergabe beeinflusst. Entwickler erhalten damit eine Art Leitplanke, um frühe Entscheidungen wie Fahrradlogistik, Stellplatzersatz und Wegeführung nicht auf später zu verschieben. Gleichzeitig entstehen neue Chancen für Anbieter von Mobilitätsservices, etwa beim Betrieb von Paketstationen, beim Fahrzeug-Sharing oder bei Wartungsprozessen für komplexe Stelltechnik wie Verschiebeparker. Für die Stadtentwicklung lässt sich daraus ableiten, dass Quartiere, die Sharing-Infrastruktur und ÖPNV-Anschluss eng koppeln, die Akzeptanz der Mobilitätswende beschleunigen können. Entscheidend wird sein, ob nach dem Einzug im Herbst 2026 die tatsächliche Nutzungsstatistik die hohen Erwartungen erfüllt – denn genau daran entscheidet sich, ob „gute Mobilität“ skalierbar wird oder ein Einzelfall bleibt.
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