LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft Debatten über angeblichen Wahlbetrug in den USA mit der rassischen Zusammensetzung von Städten. In Analysen von rund 2,7 Millionen Twitter-Beiträgen stachen vor allem Orte mit hohem Anteil schwarzer Bevölkerung in den Verdachtsnarrativen hervor. In Umfragen sank das Vertrauen in die Wahl zusätzlich stärker bei weißen Befragten mit hohem Ausmaß an rassistischem Ressentiment. In Experimenten zeigt sich zwar nicht automatisch „mehr Betrug“ für schwarze Städte, aber die Überzeugungskraft hängt spürbar von politischer Zugehörigkeit und Ressentiment ab.

Welche Städte prägten 2020 den Betrugs-Narrativ: Rassische Zusammensetzung als stärkster Treiber
Welche Städte prägten 2020 den Betrugs-Narrativ: Rassische Zusammensetzung als stärkster Treiber (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Dynamik rund um „voter fraud“ nach der US-Wahl 2020 war nicht nur lautstark, sondern auch auffällig zielgerichtet: Bestimmte Städte tauchten in Social-Media-Debatten deutlich häufiger auf als andere. Eine im Fachjournal Political Behavior veröffentlichte Arbeit von Kevin T. Morris und Ian Shapiro untersucht, warum genau diese Orte zu Brennpunkten wurden – und kommt dabei zu einem Ergebnis, das für das Verständnis demokratischer Skepsis zentral ist. Nicht die Frage, wie stark eine Stadt für Joe Biden oder Donald Trump votierte, erklärt die Häufigkeit der Betrugsvorwürfe. Stattdessen ist der Anteil der schwarzen Bevölkerung in einer Stadt der stabilste Prädiktor dafür, wie oft „voter fraud“ in Verbindung mit genau diesem Ort auftaucht.

Als Ausgangspunkt dient den Forschenden eine große Sammlung öffentlicher Posts: Sie sichteten etwa 2,7 Millionen Twitter-Beiträge aus dem Jahr 2020, die die Formulierung „voter fraud“ enthielten, und filterten daraus rund 95.000 Beiträge heraus, in denen US-Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern genannt wurden. Entscheidend ist der zeitliche Versatz: Vor dem Wahltag ließen sich aus den untersuchten Stadtmerkmalen keine zuverlässigen Muster ableiten, die späteren Häufigkeitsunterschiede hätten vorhersagen können. Erst nach der Wahl verdichtete sich die Aufmerksamkeit auf konkrete Orte – und genau diese Verdichtung hing statistisch eng mit der demografischen Struktur zusammen: Die zehn Städte, die relativ zu ihrer Größe am häufigsten genannt wurden, hatten einen durchschnittlichen Anteil schwarzer Bevölkerung von etwa 36 Prozent. Zum Vergleich lagen die großen Städte im Datensatz im Mittel bei rund 16 Prozent, während US-Kommunen insgesamt meist unter 7 Prozent erreichten.

Für die Einordnung lohnt der Blick auf den theoretischen Unterbau. In der politischen Forschung beschreibt „racial resentment“ weniger eine offene Feindseligkeit, sondern eher ein abgestuftes Weltbild: Es relativiert systemische Hürden, denen schwarze Amerikaner gegenüberstehen, und bewertet politische oder wirtschaftliche Zugewinne von Minderheiten als „unverdient“. Vor diesem Hintergrund argumentieren Morris und Shapiro, dass Betrugsvorwürfe als sprachliches Werkzeug dienen können: Wer sich durch Verschiebungen in Richtung multirassischer Machtverhältnisse bedroht fühlt, erhält einen Weg, Wahlergebnisse abzulehnen, ohne den Anspruch auf Demokratie prinzipiell fallen zu lassen. Shapiro formulierte den Kern der Motivation in einem direkten Hinweis auf die Studie: „The motivation for this study was an urge to understand whether and how racial considerations shaped people’s trust in the 2020 general election.“ Und er verwies darauf, dass Betrugsnarrative mit ihrem Verweis auf „crime“ eine Deutung liefern, die einzelne Wahlen als „korrupt“ erscheinen lässt, während das Vertrauen in das System formal erhalten bleibt.

Die Arbeit testet diese Verzahnung anschließend in zwei weiteren Untersuchungsdesigns, die unterschiedliche Ebenen adressieren: erst die Veränderung individueller Einstellungen über die Zeit und dann kausale Mechanismen in einem Experiment. Bei der Auswertung von Daten aus einer sogenannten Cooperative Election Study betrachteten die Forschenden rund 4.300 weiße Teilnehmende, die vor und nach dem Wahltag Fragen zu ihrer Vertrauenshaltung gegenüber der Wahl beantworteten. Nach der Wahl fiel die Zustimmung bei weißen Trump-Unterstützern erwartbar stärker, weil ihr Kandidat verlor. Doch selbst nachdem Faktoren wie konservative Ideologie, Trump-Unterstützung, Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und die Nutzung von Fox News berücksichtigt wurden, zeigte sich ein zusätzlicher Rückgang der Wahlzuversicht, der mit höherem racial resentment zusammenhing. Dieser Zusammenhang blieb bei Trump-Anhängern sichtbar, während er sich bei Biden-Unterstützern der weißen Befragten nicht in gleicher Weise zeigte.

Ob das Signal dabei wirklich „direkt“ in Richtung Glauben an Betrug wirkt, prüft ein Online-Survey-Experiment im Juli 2024 mit 1.500 weißen Erwachsenen. Die Teilnehmenden bekamen jeweils eine fiktive Nachricht präsentiert: entweder eine unpolitische Geschichte über ein Restaurant, oder identische Betrugsbehauptungen über eine suburbanen Stadt (als überwiegend weiß beschrieben) beziehungsweise eine „inner-city“-Stadt (als überwiegend schwarz beschrieben). Die Storys enthielten zudem passende Fotos von Wahlhelfern, Wählern und lokalen Wahladministratoren, entsprechend weiß oder schwarz. Insgesamt steigerten Betrugsberichte die allgemeine Skepsis gegenüber der Restaurant-Geschichte, aber im Gesamtschnitt betrachteten die Befragten die schwarze Stadt nicht automatisch als „betrügerischer“ als die weiße. Dort, wo es Unterschiede gab, war jedoch die Untergruppe entscheidend: Weiße Republikaner, die über die überwiegend schwarze Stadt lasen, erreichten einen durchschnittlichen Wert von 0,65 auf einer Betrugs-Überzeugungsskala gegenüber 0,58 bei der überwiegend weißen Stadt. Das entspricht einer Differenz von 0,07 Punkten beziehungsweise etwa 12 Prozent. Zusätzlich modifizierte das persönliche Maß an racial resentment das Antwortverhalten: Höhere Werte erhöhten die Betrugsverdachtswerte bereits selbst dann deutlich, wenn die Geschichte keinen klaren Städtebezug aufwies, und die Betrugsszenarien veränderten die Überzeugungen messbar stärker.

Für die Praxis bleibt damit eine wichtige Konsequenz: Die Wirkung entsteht nicht nur durch abstrakte Behauptungen, sondern durch die Verknüpfung von Sprache mit konkreten Orten und sozialen Identitäten. Shapiro beschrieb auch diesen Punkt im Gespräch mit einem nicht benannten Medium, indem er betonte, dass allein das Sprechen über Betrug bereits großen Einfluss auf das subjektive Ausmaß haben kann, das Menschen als „real“ wahrnehmen. Gleichzeitig schränken die Forschenden die Aussagekraft ein: Die Social-Media-Analyse nutzt Twitter als Datengrundlage und kann nicht die gesamte Bandbreite offline gelebter Debatten abdecken. Außerdem unterscheiden die Daten nicht zuverlässig zwischen Beiträgen, die Betrugsansprüche verbreiten, und solchen, die sie entkräften. Damit bleibt die Richtung der Kausalität in Teilen zu konkretisieren – zugleich spricht die Musterlogik dafür, dass rassifizierte Erzählungen „fruchtbaren Boden“ besonders dort finden, wo demografische Signale mit politischer Zugehörigkeit zusammenfallen.

Der Bezug zu demokratischen Risiken liegt daher weniger in der Frage, ob solche Behauptungen „durchgängig“ alle überzeugen, sondern wie sie Vertrauen in Wahlprozesse erodieren können, gerade bei Menschen, deren Grundannahmen bereits in Richtung Skepsis kippen. Morris und Shapiro argumentieren, dass sich Wahlintegritätsskepsis häufig mit Ängsten vor multirassischer Regierungsführung überlagert. Für Unternehmen und politische Organisationen ist das auch eine Lehre für die Kommunikations- und Vertrauensthemen in digitalen Kanälen: Wer Desinformation nur als Content-Problem betrachtet, übersieht, dass narratives Vertrauen nicht im luftleeren Raum untergraben, sondern an Orte, Gruppenbilder und bestehende Ressentiments andocken. Das zeigt sich auch in dem experimentellen Befund, dass der Städtebezug zwar nicht automatisch den „Betrugsgrad“ erhöht, aber bei bestimmten politischen Milieus und bei höherem racial resentment die Überzeugungskraft spürbar verschiebt.


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