SANTIAGO (CHILE) / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht, wie Frauen Freundlichkeit und Großzügigkeit strategisch einsetzen, um in sozialen Beziehungen Vorteile zu gewinnen. Das Forschungsteam um Maryanne Fisher verbindet das mit dem Konzept des „competitive altruism“ und misst den Zusammenhang mit Persönlichkeitsmerkmalen. Besonders auffällig ist die positive Kopplung an machiavellistische Züge und eine negative an echte soziale Wärme. Offene Fragen bleiben, ob sich solche Taktiken im Alltag tatsächlich auszahlen.

Wenn Freundlichkeit zur Taktik wird: KI-Studie zu Wettbewerb bei Frauen
Wenn Freundlichkeit zur Taktik wird: KI-Studie zu Wettbewerb bei Frauen (Foto: IT BOLTWISE)
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Freundlich zu sein gilt in vielen Unternehmenskulturen als universeller Sicherheitswert: Man wirkt vertrauenswürdig, reduziert Reibung und gewinnt Verbündete. Die aktuelle psychologische Forschung legt jedoch nahe, dass „prosoziales“ Verhalten nicht immer nur Ausdruck von Empathie ist. In bestimmten sozialen Konstellationen kann Großzügigkeit auch als konkurrenzfähige Währung fungieren – also als Mittel, um Ansehen, Einfluss oder Status gegenüber Rivalinnen abzusichern. Damit verschiebt sich der Blick von der moralischen Intuition hin zu einer messbaren Frage: Unter welchen Bedingungen wird Freundlichkeit zur Taktik, und welche Persönlichkeitsprofile passen dazu?

Im Kern knüpft die Arbeit an den Ansatz des „competitive altruism“ an, der aus der Evolutionspsychologie stammt. Die Idee dahinter: Menschen geben Ressourcen ab oder helfen anderen so, dass ihr Ruf in der Gruppe steigt. Bereits ältere Experimentalresultate zeigen, dass großzügige, sichtbar inszenierte Opferbereitschaft mit höherem Status und sozialer Einflussnahme zusammenhängen kann, weil Beobachter diese Personen eher als zukünftige Partner auswählen. In der Forschung wurde „competitive altruism“ lange Zeit überwiegend als männliche Strategie diskutiert. So deuten Ergebnisse aus Studien aus den 2000er- und 2010er-Jahren darauf hin, dass Männer stärker auf öffentliche, risikoreiche Statuswettbewerbe setzen können, während Frauen eher subtile, indirekte Mechanismen bevorzugen, die weniger Angriffspunkte bieten.

Genau hier setzt die Studie an, die in Frontiers in Psychology veröffentlicht wurde. Das Team um Maryanne L. Fisher, Oriana Figueroa und weitere Autorinnen und Autoren entwickelt dafür den sogenannten Competitive Altruism Survey und will damit die Lücke schließen, die entsteht, wenn sich Forschung vor allem auf männliche Muster konzentriert. Methodisch wichtig: Die Untersuchung wächst aus einem akademischen Austauschprogramm, bei dem Fisher einen Zeitraum an der Universidad del Desarrollo in Santiago, Chile verbrachte, zusätzlich unterstützt durch ein chilenisches Förderprogramm. Der inhaltliche Impuls bleibt aber wissenschaftlich gerichtet: Wenn Frauen oft indirekt konkurrieren – etwa über Rufmanagement, Ausschluss oder Klatsch – dann könnte Freundlichkeit eine besonders schwer „zu beweisende“ Waffe sein. Das klassische Bild „kill them with kindness“ passt dazu, weil es Großzügigkeit als Handlung rahmt, die sowohl „nett“ aussehen als auch strategisch wirken kann.

Um das zu prüfen, nahmen 103 heterosexuelle cisgeschlechtliche Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren an einer Online-Befragung teil. Rekrutiert wurden die Teilnehmenden vor allem aus dem Vereinigten Königreich, den USA und Kanada. Jede Person beurteilte 15 Aussagen, die strategische Freundlichkeit beschreiben, zum Beispiel Hilfe anzubieten, um einen Vorteil zu gewinnen, oder großzügig aufzutreten, um besser als eine Rivalin dazustehen. Dabei wurden die Fragen zweifach gerahmt: einmal bezogen auf das Verhalten gegenüber anderen Frauen und einmal gegenüber Männern. Zusätzlich ergänzten die Teilnehmenden etablierte psychologische Fragebögen, darunter eine Messung von Machiavellianismus – also die Tendenz, soziale Situationen als manipulierbar zu behandeln, um eigene Interessen durchzusetzen. Weitere Instrumente erfassten allgemeine Persönlichkeitszüge wie Agreeableness, aber auch die Neigung, sich sozial erwünscht darzustellen und plausibel „tugendhaft“ zu berichten.

Die Resultate sind vor allem deshalb interessant, weil sie scheinbare Gegensätze auflösen. Der wichtigste Befund: Strategische Freundlichkeit korreliert deutlich positiv mit Machiavellianismus. Frauen, die häufiger angeben, Freundlichkeit gezielt einzusetzen, berichten gleichzeitig eher eine manipulativ-selbstinteressierte Ausrichtung im sozialen Umgang. Gleichzeitig zeigt sich eine negative Kopplung an Agreeableness, das in der Psychologie häufig mit echter Wärme, Vertrauen und kooperativer Aufrichtigkeit verbunden wird. Erwartete Kontrollhypothesen wurden teils nicht bestätigt: Competitive altruism hing nicht mit Extraversion und Gewissenhaftigkeit zusammen. Neurotizismus wiederum stand nicht direkt für strategische Freundlichkeit, sondern eher für die begleitende Anspannung – etwa die Sorge, die eigene Freundlichkeit könne als unecht wahrgenommen werden, oder das Frustgefühl, wenn der Einsatz unbemerkt bleibt.

Auch die Häufigkeit und Richtung der Effekte zeigen Differenzierungen. Auf einer Skala von 1 bis 5 lag der durchschnittliche Competitive-Altruism-Wert bei 2,51, also unterhalb des neutralen Mittelpunkts. Die Teilnehmenden berichteten zudem etwas höhere Werte für Wettbewerb gegenüber anderen Frauen (im Mittel 2,58) als gegenüber Männern (2,43). Das passt zur Annahme, dass Rufmanagement und soziale Rivalität in weiblichen Peer-Gruppen besonders häufig über indirekte Kanäle ausgehandelt werden. Überraschend war hingegen der Befund zum Eindrucksmanagement: Die Untersuchung fand eine negative Beziehung zwischen Competitive altruism und Impression Management. Das heißt nicht, dass die Teilnehmenden „besonders offen“ sind, aber es deutet darauf hin, dass strategische Freundlichkeit nicht zwingend mit dem Bedürfnis gekoppelt ist, sich auf Fragebogenniveau als absolut tadellos darzustellen.

Für die Interpretation sind die Datenlogik und die Grenzen der Methode zentral. Weil die Studie ausschließlich auf Selbstberichten basiert, kann sie die tatsächliche Verbreitung strategischer Freundlichkeit unterschätzen. Wer stark darauf angewiesen ist, sich als freundlich zu präsentieren, könnte eigene Motive weniger bereitwillig zugeben. Umgekehrt besteht das Risiko, dass eher diejenigen teilnehmen, die bereit sind, sich selbstkritisch zu beschreiben. Außerdem beantwortet die Befragung nicht die Frage, ob diese Strategie im Alltag effektiv ist: Der Survey erfasst Intention und selbstberichtetes Verhalten, testet aber nicht, ob Beobachter tatsächlich mehr Kooperation, Status oder Bündnisse gewähren. Das Forschungsteam kündigt deshalb qualitative Folgearbeiten an, die Personen mit der Perspektive der Empfänger und Beobachter zusammenbringen sollen, etwa über Spiele, in denen Großzügigkeit sichtbar unterschiedlich gemacht wird, oder über Partnerwahl- und Beobachtungsdesigns, bei denen auch das Geschlecht des Publikums variiert wird.

Damit wird die Studie zu einem spannenden Ausgangspunkt für Unternehmen und Organisationen, die soziale Dynamiken im Team gestalten. Wenn Freundlichkeit nicht nur „Soft Skill“, sondern potenzieller Wettbewerbsauslöser ist, verändern sich Fragen der Führung: Wie lassen sich Feedback- und Kooperationsstrukturen so entwerfen, dass Nutzen nicht ausschließlich über Sichtbarkeit von Großzügigkeit entsteht? Umgekehrt wäre es ein Missverständnis, aus solchen Befunden abzuleiten, dass alle Güte gespielt sei. Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass Competitive altruism nur einen Teil von Altruismus abdeckt: eine sehr strategische Anzeige in bestimmten Situationen. Für die nächste Forschungsphase bedeutet das vor allem eins: nicht nur messen, wie Menschen über ihr Verhalten berichten, sondern beobachten, wie soziale Belohnungen tatsächlich vergeben werden – und ob sich indirekte Konkurrenz dadurch reproduziert oder in konstruktive Zusammenarbeit überführt.


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