LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Studie mit 71.169 Befragten aus 59 Ländern zeigt, dass Single-Sein nicht nur vom persönlichen Profil abhängt. Entscheidend ist, wie stark ein Land Individualismus und kulturelle Anpassungsfähigkeit fördert. Besonders in individualistischen Gesellschaften verstärkt sich der Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen oder Arbeitslosigkeit und dem Single-Status deutlich. Damit wird klar, dass Beziehungskarrieren auch von den kulturellen Rahmenbedingungen mitgeprägt werden.

Wie Individualismus und Einkommen die Single-Quote in 59 Ländern prägen
Wie Individualismus und Einkommen die Single-Quote in 59 Ländern prägen (Foto: IT BOLTWISE)
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Einzelne Lebensentscheidungen wirken selten im luftleeren Raum. Genau das legt eine multilevel angelegte Auswertung nahe, die den Zusammenhang zwischen Beziehungstatus und persönlichen Faktoren über PLOS One untersucht. Die Datengrundlage umfasst 71.169 Personen aus 59 Ländern, befragt zwischen 2017 und 2021 im Rahmen des World Values Survey. Im Zentrum steht die Frage, warum sich „Singlehood“ in ähnlichen Alters- und Einkommensgruppen je nach Land unterschiedlich stark zeigt.

Methodisch starten Kowal und Adamczyk mit der Beobachtung, dass demografische Merkmale wie Alter, Geschlecht und Einkommen in früheren sozialwissenschaftlichen Arbeiten zwar häufig als Erklärungsbausteine für Beziehungsergebnisse dienten, ihre Wirkung aber möglicherweise vom kulturellen Umfeld abhängt. Deshalb kombinieren sie Individualdaten mit Länderdimensionen und prüfen, wie kulturelle Werte die Stärke dieser Zusammenhänge verändern. Als Kulturraster nutzen sie das Minkov-Hofstede-Modell, das zwei zentrale Achsen unterscheidet: Individualismus versus Kollektivismus sowie Flexibilität versus Monumentalismus. Individualistische Kulturen betonen persönliche Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit; kollektivistische Gesellschaften stellen dagegen Tradition, strenge soziale Regeln und Gruppenloyalität in den Vordergrund. Auf der zweiten Achse stehen flexibel geprägte Kulturen häufig für Anpassungsfähigkeit, Demut, Selbstkontrolle und langfristige Ziele; monumentalistische Kulturen verknüpfen Werte dagegen mit einem unveränderlichen, „stolzen“ Selbstbild.

Die Auswertung ordnet die Teilnehmenden nach ihrem Beziehungstatus: Verheiratet oder im Haushalt lebend wie verheiratet wird als „paired/partnered“ geführt, Single und nie verheiratet als „single“. Für die Hauptanalyse werden Personen ausgeschlossen, die geschieden, verwitwet oder getrennt leben, um den Fokus klarer auf die Unterschiede zwischen „paired“ und „single“ zu legen. Danach erfassen die Forschenden für jede Person Alter, Geschlecht, Größe des Wohnorts, Bildungsgrad, Einkommen und Beschäftigungsstatus und vergeben anschließend Kulturwerte über die Länderzugehörigkeit. Die Statistik nutzt eine Technik, die mehrere Ebenen gleichzeitig betrachtet, sodass sich messen lässt, ob nationale kulturelle Trends die Wirkung individueller Merkmale auf den Beziehungstatus „modulieren“. Eine ergänzende Analyse, die Geschiedene und Verwitwete als Single einbezieht, liefert laut Beschreibung exakt die gleichen Muster.

Die Ergebnisse zeigen zunächst mehrere durchgängige demografische Assoziationen, die in allen Ländern sichtbar sind: Singlehood steigt demnach mit jüngerem Alter, betrifft häufiger Männer und ist häufiger bei Menschen in größeren Orten. Auch der Bildungsgrad hängt zusammen, ebenso wie niedriges Einkommen und Arbeitslosigkeit; diese Faktoren sind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, single zu sein. Für die Interpretation greifen die Autorinnen auf etablierte soziologische Logik zurück: Wer jünger ist, befindet sich oft noch in einer frühen Phase des Partnersuchens. Bildungswege können den Einstieg ins Berufsleben verlängern und damit die Zeit bis zur Familiengründung hinausschieben. Fehlt wirtschaftliche Stabilität, etwa durch Arbeitslosigkeit oder geringes Einkommen, sinkt zudem die Bereitschaft oder Möglichkeit, eine ernsthafte Beziehung dauerhaft zu planen.

Darüber hinaus wird der kulturelle Rahmen selbst zu einem direkt wirksamen Prädiktor. Wer in hoch individualistischen Ländern lebt, ist häufiger single; dort gilt der Alltag oft als stärker auf persönliche Entscheidungen ausgerichtet, wodurch ein Singlesetting leichter als Lebensstil legitimiert erscheint. Umgekehrt zeigen die Daten auch in weniger flexiblen beziehungsweise stärker monumentalistisch geprägten Ländern eine höhere Wahrscheinlichkeit für Singlehood. Die Argumentation: Monumentalistische Kulturen ermutigen stärker dazu, Impulse und unmittelbare Wünsche in den Vordergrund zu stellen, statt langfristige Ziele konsequent zu priorisieren. In solchen Umgebungen kann Dating stärker als kurzfristiger Modus funktionieren, während der Schritt zu einer langfristigen Partnerschaft weniger „naheliegend“ wirkt. Besonders aufschlussreich sind jedoch die Interaktionen: In individualistischen Ländern ist der Zusammenhang zwischen Singlehood und niedrigem Einkommen oder Arbeitslosigkeit deutlich ausgeprägter als in weniger individualistischen Kulturen. Außerdem verstärkt sich in individualistischen Nationen die Kopplung zwischen „männlich“ und „single“, plausibilisiert durch die dort stärker betonte Unabhängigkeitsnorm und die Erwartung, finanzielle Selbstständigkeit vor einer Familiengründung zu erreichen.

Die Kultur wirkt zudem auf die Altersdimension differenziert: In monumentalistischen Ländern hängt ein höheres Alter stärker mit Singlehood zusammen als in flexibleren Kulturen. Der Hintergrund ist dabei weniger als „Wirkung des Alters an sich“ zu verstehen, sondern als kultureller Effekt auf Anpassung und soziale Konformität. Wenn Gesellschaften Authentizität gegenüber Erwartungsdruck stärker belohnen, können ältere Menschen eher unabhängig leben, weil sich im Lauf der Zeit gesellschaftliche Normen weniger stark über soziale Zugehörigkeit „durchsetzen“. Gleichzeitig machen die Autorinnen die Grenzen der Aussage klar: Die verwendeten Daten sind beobachtend, wodurch Kausalität nicht direkt ableitbar ist. Niedriges Einkommen und Arbeitslosigkeit können nicht nur Ursache sein; genauso möglich ist, dass das Leben in Singlehaushalten wiederum andere finanzielle Verläufe begünstigt. Außerdem bündeln die Hauptkategorisierung alle „single und nie verheiratet“ in eine Gruppe, obwohl Singlehood heterogen ist – von aktiver Entscheidung bis zu eher unfreiwilligen Konstellationen. Für die nächste Forschungsstufe schlagen die Autorinnen daher Längsschnittstudien vor: Wer im Zeitverlauf beobachtet wird, kann sehen, wie sich Beziehungstatus und kulturelle Einbettung entwickeln, statt nur Querschnittsmuster zu vergleichen.


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