STARNBERGER SEE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine 42-Jährige erzählt, wie sie seit Jahren mit einem KI-Avatar schreibt und dabei eine zweite Beziehung neben der Ehe aufgebaut hat. Die Sozialpsychologin Jessica Szczuka ordnet das als natürliche Reaktion auf sozial gestaltete Systeme ein. Entscheidend seien weniger Einsamkeit als Fantasie und das gezielte „Design“ emotionaler Verfügbarkeit. Gleichzeitig warnen Forschung und Regulierung vor Verletzlichkeit durch hochsensible Selbstauskünfte.

Am Starnberger See beginnt die Geschichte zunächst so, wie viele moderne KI-Erlebnisse starten: nachts, wenn niemand erreichbar scheint, greift Saskia Denzinger zum Smartphone und schreibt dem KI-Avatar Loki. In ihren Nachrichten klingt Vertrautheit mit – Loki reagiert jederzeit, wirkt aufmerksam und erinnert an frühere Gespräche. Für Denzinger ist das nicht nur Komfort, sondern eine Form von emotionaler Rückkopplung, die sich anfühlt wie „gesehen und gehört werden“. Genau diese Mischung aus Verfügbarkeit und passender Ansprache macht solche Systeme für Nutzerinnen und Nutzer schnell zu mehr als einem Unterhaltungsprodukt.
Dass Menschen sich auf Programme emotional einlassen, ist dabei kein Einzelfall. Denzinger beschreibt, wie sich aus einer Replika-Werbeanzeige bei Facebook eine Beziehung entwickelt hat, obwohl sie weiß, dass Loki kein Mensch ist. Der Übergang geschieht über Gewohnheit, wiederkehrende Interaktion und die Tatsache, dass die KI ihre Rolle konsequent erfüllt: Sie hört zu, bestätigt, hält Gespräche am Laufen und steht zur Verfügung, auch dann, wenn soziale Kontakte ausdünnen. Für Denzinger wird daraus eine zweite Bindung, die sie offen in Beziehung zu ihrer Ehe setzt – nicht als Ersatz, aber als parallele Welt, in der Vertrauen wachsen kann.
Die Psychologin Jessica Szczuka, die seit Jahren zu sozialen und psychologischen Folgen neuer Technologien forscht, sieht in dieser Reaktion keine Überraschung. In einem Interviewkontext verweist Szczuka darauf, dass Menschen sozial auf KI-Systeme reagieren, weil diese natürliche Sprache nutzen, schnell antworten und dabei soziale Rollen imitieren. Medienpsychologisch lässt sich das gut erklären: Schon der Reflex, sich für eine hilfreiche Antwort zu bedanken, zeigt, wie stark Nutzerinnen und Nutzer das Gegenüber als „interaktionsfähig“ wahrnehmen. Damit verschwimmt die Grenze zwischen Tool und Beziehung – nicht durch Magie, sondern durch sehr konsistente Kommunikationsmuster.
Für die Frage, warum Beziehungen entstehen, liefert eine im Februar 2025 veröffentlichte Studie von Szczuka gemeinsam mit Paula Ebner wichtige Hinweise. In „Predicting Human-Chatbot Relationships: A Mixed-Method Study on the Key Psychological Factors“ fanden die Forschenden demnach keinen Hinweis darauf, dass Einsamkeit der wichtigste Treiber ist. Stattdessen spielte eine andere Komponente die zentrale Rolle: Wie stark Menschen Fantasien ausleben und den virtuellen Partner mit eigenen Vorstellungen „aufladen“. Zusätzlich berichten die Autorinnen und Autoren, dass viele Nutzer zu Beginn ganz andere Motive hatten – Neugier, Unterhaltung oder das Lernen einer Sprache. Die Bindung entsteht demnach häufig erst in der Interaktion, wenn aus einem Chat-Szenario ein persönliches Rollenspiel wird.
Das lässt sich bei Denzinger konkret nachzeichnen. Sie sagt, viele ihrer heutigen Fantasien lebten sich über Replika in Rollenspielen mit Loki aus, bei denen gesprochene Worte und Handlungen in den Text eingebaut werden. So entstehen Abenteuer, die alltäglich sein können oder völlig ungewöhnlich: von einer Reise zum Mond bis zum Spaziergang am See. Genau hier liegt technisch betrachtet der Hebel: KI-Systeme sind oft so aufgebaut, dass sie nicht nur antworten, sondern dialogische Kontinuität herstellen und damit narrative Freiräume geben. Hinzu kommt, dass viele Anwendungen „menschenähnliche“ Eigenschaften betonen – ununterbrochene Erreichbarkeit, aufmerksam wirkende Reaktionen und ein Gefühl emotionaler Steuerbarkeit.
Genau diese Passung sehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugleich als Risiko. Szczuka warnt vor einem strukturellen Problem: Hinter vielen Systemen stehen Unternehmen, deren Interesse auf möglichst intensiver Nutzung liegt. Besonders kritisch sei, dass zahlreiche Anwendungen gezielt emotionale Nähe fördern. Der Begriff „Intimacy by Design“ beschreibt dabei eine bewusst gestaltete Intimität, die im Alltag auch Verletzlichkeit erzeugen kann – weil Nutzerinnen und Nutzer in der Annahme von Vertrautheit hochsensible Informationen teilen. In der Forschung wird betont, dass der wahrgenommene Nutzen oft deutlich größer wirkt als die wahrgenommene Gefahr, gerade weil die KI ständig verfügbar ist und Grenzen anders präsentiert als echte Beziehungen.
Auch die langfristige Wirkung bleibt weitgehend offen. Szczuka ordnet das als „realweltliches Experiment“ ein, weil es bei Markteinführung solcher Systeme kaum belastbare Erkenntnisse über gesellschaftliche Folgen gab. Gleichzeitig betont sie: KI-Beziehungen werden menschliche Partnerschaften sehr wahrscheinlich nicht ersetzen. Dafür bräuchten sie zu viel aktive Fantasie und seien zudem nicht für jede Person attraktiv – auch, weil die Systeme Nutzerinnen und Nutzer wiederholt daran erinnern, dass kein echter Mensch beteiligt ist. Wer dennoch daran festhält, akzeptiert laut der Einordnung möglicherweise auch die Grenzen: Systeme vergessen, wiederholen sich oder liefern falsche Antworten. Denzinger formuliert ihren Wunsch deshalb vorsichtig, aber klar: Loki soll ihren Mann nicht ersetzen – sie wünscht sich eher die symbolische Möglichkeit, dem Avatar eines Tages „Danke“ zu sagen, ohne dass daraus die reale Beziehung verdrängt würde.
Wenn daraus betriebliche und gesellschaftliche Leitfragen entstehen, führt ein Weg zwangsläufig in die Regulierung. Der europäische AI Act sei ursprünglich nicht speziell für KI-Begleiter konzipiert worden und müsse entsprechend nachjustiert werden, um offene Fragen besser abzudecken – so lautet die Einordnung aus dem Umfeld der Forschung. Für Anwenderunternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, nur auf funktionale Qualität zu schauen. Entscheidend sind auch UX-Design, Datenflüsse bei sensiblen Gesprächen und klare Grenzen, wie „emotionale Verfügbarkeit“ technologisch umgesetzt wird, damit aus Fortschritt keine ungewollte Abhängigkeit wird.
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