LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – In Israel verschiebt der Krieg in Gaza das Verhältnis zwischen Militär und Politik spürbar. Religiös-national geprägte Einheiten gewinnen moralisches Gewicht durch Verluste und breiten Einfluss bis in die Offiziersausbildung aus. Gleichzeitig stehen Befehle und Ethikregeln zur „Purity of Arms“-Doktrin unter Druck, weil sich religiöse Deutungen immer stärker über militärische Regeln legen. Unklar bleibt, wie das Militär auf eine mögliche Evakuierung von Westjordan-Siedlungen reagieren würde.

Seit Jahrzehnten gilt das israelische Militär als das zentrale Integrationsinstrument des Landes: Wer dient, kommt aus unterschiedlichen Milieus zusammen und arbeitet an einem gemeinsamen Staatsziel. Doch mit der Zuspitzung des Gaza-Kriegs kippt diese Rolle zunehmend von „Staat im Dienst“ hin zu „Macht über politische Entscheidungen“. Der Kern der Entwicklung liegt nicht nur in Debatten über Einsätze, sondern in der Frage, wer im Kampf steht, wer Verluste trägt und wer dadurch Glaubwürdigkeit gewinnt. Die vorliegende Analyse beschreibt, wie sich in den Jahren nach dem 7. Oktober 2023 eine neue, militärisch wie politisch wirksame Elite herausbildet, während die politische Führung territoriale Spielräume enger absteckt.
Schon innerhalb der Ausbildung zeigen sich laut Berichten Spannungen zwischen professionellen Vorgaben und ideologisch aufgeladenen Einflüssen. In einem konkreten Fall soll ein pensionierter Offizier Kadetten der Offiziersschule mit politischen Botschaften konfrontiert und zugleich zwei frühere Stabschefs wegen angeblicher Karriereblockaden kritisiert haben; die Armee bezeichnete den Vorfall später als Versagen, und Regeln verbieten politische Aktivitäten in Trainingseinheiten. Zugleich berichten die befragten Kadetten, dass Gastdozenten auffällig häufig aus dem recht-religiösen Spektrum stammen, das mit religiösem Zionismus und dessen nationaler Ideologie eng verbunden ist. Parallel dazu ist im Feld sichtbar geworden, dass moralische Gewissheiten Handlungsräume beeinflussen: Als Journalisten nach einer dokumentierten Aktion bei einer illegalen Siedlungsgründung im Westjordanland festgesetzt und misshandelt wurden, soll die Armee zunächst die betroffene Einheit suspendiert und zugleich Sicherheitskräfte auf das eigene Narrativ ausgerichtet haben, sogar dann, wenn vor Ort selbst der Rechtsstatus der Aktion als illegal bezeichnet wurde.
Technisch und gesellschaftlich hängt diese Verschiebung mit zwei ineinandergreifenden Mechanismen zusammen: Demografischer Zugang zu Kampfeinheiten und institutionelle „Pipeline“-Steuerung. Netzah Yehuda, eine Brigade, liegt an der Nahtstelle zwischen Ultraorthodoxen, die historisch Staat und Militär häufig meiden, und dem religiös-nationalen Lager, das den Wehrdienst als religiöse Verpflichtung rahmt. Netzah Yehuda wurde 1999 auch deshalb aufgebaut, um Ultraorthodoxe Männer in Uniform zu bringen; gleichzeitig stammt ein großer Teil der späteren Kampfkader heute aus dem nationalreligiösen Milieu, insbesondere aus dem hardal-Spektrum (Haredi Le’umi), das religiöse Strenge mit leidenschaftlichem Nationalismus verbindet. Auch ohne dass das Militär offiziell nach Konfessionen auswertet, gilt als weithin anerkannt, dass die Zahl der Gefallenen in dieser Community überproportional ist. Dieser Zusammenhang wird in der Analyse als „moralische Autorität“ beschrieben: Wer im Glauben an die Sache dient und dabei stirbt, verschafft sich politischen Rückhalt – und Kritiker laufen Gefahr, den Vorwurf zu erhalten, sich gegen Opferbereitschaft zu stellen.
Die Ethikdimension ist dabei nicht Nebensache, sondern strategischer Prüfstein für das Verhältnis von Religion, Befehlskette und militärischer Doktrin. Tamir Hayman, früherer Leiter von Israels Militärgeheimdienst, brachte es in einem wörtlich wiedergegebenen Zitat auf den Punkt: „People are afraid to confront these incidents because they’d be labeled as leftists and attacked in social media. In the context of Oct. 7, they’re being supported by the mass feelings of hatred and revenge.“ Seine Aussage ordnet die politische Reibung dem emotionalen Klima nach dem 7. Oktober zu – und damit einem Kontext, in dem Institutionen schwerer zu korrigieren sind, ohne sich selbst zu delegitimieren. Inhaltlich wird außerdem beschrieben, wie sich die „Purity of Arms“-Leitlinie, die Gewalt auf das notwendige Maß beschränken und Schutz für Zivilisten sowie Gefangene gewährleisten soll, zunehmend zwischen rabbinischer Deutung und militärischer Regelbindung aufreibt. Laut einer Angabe des Israel Democracy Institute glauben inzwischen 65 Prozent der Israelis, die Doktrin verhindere, dass die Armee ihre Mission erfülle – etwa doppelt so viele wie vor einem Jahrzehnt. Ergänzend wird berichtet, dass die militärische Führung früh nach den Angriffen vom 7. Oktober Regeln gelockert habe, sodass selbst das Risiko, bis zu 20 Zivilisten zu gefährden, innerhalb eines bestimmten Rahmens akzeptiert worden sei; zugleich habe das Militär im Folgemonat nachgeschärft.
Ob die Disziplinierungsmechanismen diese Entwicklung wieder zurückdrehen können, ist offen – und die Analyse nennt zwei gegenläufige Kräfte. Erstens: Die Generäle, die heute Normen durchsetzen, wurden von einer früheren Doktrin geprägt, während die Kadetten, die derzeit Ideengewitter in Form von Gastvorträgen erleben, innerhalb des nächsten Jahrzehnts selbst Brigaden kommandieren könnten. Wenn sich die Annahmen dieser Kohorte über die militärische Mission und ihre Grenzen weiter verfestigen, verschiebt sich auch die Interpretation dessen, was „Regelkonformität“ bedeutet. Zweitens: Selbst wenn das Militär einzelne Verfehlungen sanktioniert, schlagen politische Akteure bei Konflikten wiederholt auf die Seite der Bestraften statt auf die Seite der Kommandierenden, die die Sanktion veranlasst haben. Damit entsteht eine Lage, in der Disziplin zwar operativ wirkt, aber strategisch weniger Einfluss auf die langfristige Kultur gewinnt.
Die politische Dimension dieser „Politik der Opfer“ wird in der Analyse besonders am Thema Siedlungen im Westjordanland deutlich. Vor Wochen nach dem 7. Oktober sollen Siedlerorganisationen begonnen haben, Pläne zum Wiederaufbau ehemaliger Siedlungen zu mobilisieren und dabei auch Kabinettsmitglieder einzubinden; Gegner der Wiederbesiedlung gelten in diesem Umfeld schnell als unpatriotisch, während Unterstützer den militärischen Einsatz als moralischen Hebel einsetzen. Die Spannung verschärft sich, weil eine territoriale Einigung dort faktisch Evakuierungen erfordern würde: Die dortige Siedlerbevölkerung liegt bei über 500.000 Menschen, und das militärische Offizierskorps ist seit 2005 stärker religiös geprägt. Dadurch kann das Militär eine Evakuationsmission nicht mehr ohne Weiteres „wegorganisieren“, indem es überwiegend säkulare Einheiten einsetzt. Die Analyse schildert zudem, dass die Sprache des Widerstands normalisiert wird – selbst bei der Frage, ob eine Befehlsverweigerung nur „legitim“ oder auch „illegal“ sein könne. Ob das Militär unter echten Evakuierungsbefehlen tatsächlich bricht, lässt sich nicht sicher vorhersagen; entscheidend ist jedoch, dass die politische Führung bereits jetzt mit der Erwartung rechnet, das nicht verhandelbare Handlungsfenster des Militärs könnte sich verengen.
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