VLADIKAVKAZ / LONDON (IT BOLTWISE) – In Nordossetien verdichten sich die Folgen des Krieges gegen die Ukraine zu Alltagserfahrungen: Trauerzüge, Berufskarrieren und sogar Schulprogramme. Auf dem Friedhof der Regionalhauptstadt werden Gefallene mittlerweile in einem eigenen Areal beigesetzt, mit farbigen Porträts auf neuen Grabsteinen. Eine Mutter beschreibt, wie der Wunsch nach Frieden neben dem ausgeprägten Patriotismus ihrer Region steht. Gleichzeitig zeigen Berichte aus Schulen und Behörden, wie der Kreml die Militarisierung langfristig in Gesellschaft und Arbeitswelt verankern will.

Wie Russlands Krieg in Nordossetien den Alltag und die Wirtschaft prägt
Wie Russlands Krieg in Nordossetien den Alltag und die Wirtschaft prägt (Foto: IT BOLTWISE)
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In Nordossetien wirkt der Krieg gegen die Ukraine nicht als abstraktes Fernliegen, sondern als sichtbare Veränderung im Rhythmus einer Region. Schon die Bestattungspraxis und der Ton der öffentlichen Kultur markieren die neue Normalität: In Vladikavkaz wächst ein Friedhof, auf dem Gefallene in einem eigenen Abschnitt beigesetzt werden. Die Grabsteine tragen farbige Porträts der Verstorbenen, retuschiert und anschließend in einem Ofen bei 1.800 Grad Fahrenheit „eingebrannt“. Damit verschiebt sich Trauer vom Privaten stärker in den öffentlichen Raum – und die Frage, wie lange das noch tragbar ist, steht in den Gesprächen immer wieder im Hintergrund.

Der Fall der 47-jährigen Oksana Abaeva macht diese Spannung besonders deutlich. Ihr 20-jähriger Sohn Albert Abaev, der Teil der groß angelegten Invasion ab Februar 2022 war, wurde Mitte Mai 2022 getötet. In der Schilderung ragt nicht nur der Verlust, sondern auch die organisatorische Abwicklung hervor: Uniformierte kamen zu ihr, während ihr Ehemann Khetag R. Zaseyev als Soldat an der Front war. Später reiste er mit Albert „zu Fuß, Motorrad und Fahrrad“ bis nach Rostow-on-Don, um den Leichnam abzuholen und nach Vladikavkaz zurückzubringen. Oksana Abaeva bringt die innere Zerrissenheit in einem Satz auf den Punkt: „Wir haben alle solche Trauer durchgemacht. Wir sind nicht mehr dieselben wie zuvor.“ Über vier Jahre sei ihr Leben „in ein ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘“ gekippt.

Technisch betrachtet handelt es sich bei diesem Muster weniger um eine einzelne Kommunikationskampagne als um eine Kombination aus Ritualen, Institutionen und Alltagsschnittstellen, die sich gegenseitig verstärken. In der Quelle wird beschrieben, wie in Schulen martialische Lieder gesungen werden, wie in Verwaltungen viele Veteranen arbeiten und wie patriotische Kommentare nach außen geformt sind, während echte Gefühle eher „im Flüsterton“ bleiben. Zugleich liefert die politische Erzählung, die Präsident Wladimir W. Putin seit Jahren prägt, eine Deutungsschablone: Russland kämpfe gegen eine „faschistische“ ukrainische Regierung und gegen angeblich westlich gesteuerte „europäische Herren“ in Kiew. Diese Dramatisierung zielt darauf, Krieg als dauerhaften Bestandteil russischen Lebens normal erscheinen zu lassen – auch dann, wenn ökonomische Belastungen durch ukrainische Angriffe zunehmen und in Russland die Erschöpfung spürbar wächst.

Parallel dazu beschreibt der Text die ökonomische und arbeitsmarktpolitische Dimension der Mobilisierung. Aza Biragova arbeitet in den Human Resources eines Heim- und Gartengeschäfts. 2019 hatte das Unternehmen rund 80 Männer beschäftigt; nach der Mobilisierung im September 2022 kamen viele Einberufungsbescheide. Andere Männer seien dennoch „aus eigenem Entschluss“ gegangen. Die Konsequenz war ein Schrumpfen der Belegschaft auf 60 Personen – nicht nur, weil Arbeitskräfte fehlten, sondern weil die Knappheit die Gehälter hochgetrieben habe. Schließlich, so Biragova, habe „jeder begonnen, Frauen einzustellen“. Das ist eine makroökonomische Verschiebung, die sich in Mikroentscheidungen im Personalmanagement abzeichnet: Sobald Männer in den Kriegsbedarf gezogen werden, müssen Unternehmen ihre Rollenbilder und Rekrutierungslogiken anpassen, sonst geraten sie in Liefer- und Produktionslücken.

Auch kulturell wird die Region in den Krieg eingebunden – nicht immer durch offene Zustimmung, aber durch die Nähe zu Symbolen, Institutionen und Lebenswegen. Zelimkhan Kozaev, Direktor eines traditionellen Tanzensembles, das selbst während des Kalten Krieges in Europa tourte, beschreibt die neue Lage als gesellschaftliche Isolation: Die Ukraine-Invasion habe Russland auf weiten Teilen des Kontinents zum Paria gemacht. Gleichzeitig sagt er indirekt, dass er die Richtung nicht vollständig teilt: Er ermutige die Männer in seiner Truppe nicht, in den Krieg zu ziehen: „Nicht jeder muss mit Maschinengewehren herumrennen.“ Daneben wird die Verwobenheit von Krieg und Staat über den Weg in Behörden sichtbar: Batraz Ilaev, vormals Journalist und zuvor für humanitäre Hilfe an Soldaten aktiv, ist nach seinem eigenen Einsatz als Soldat im Umkreis der regionalen Verwaltung tätig.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der langfristigen Verankerung von Deutungen in der nächsten Generation. Die Quelle verknüpft das Narrativ mit traumatischen Erfahrungen aus der Region, insbesondere dem Anschlag auf Schule Nr. 1 in Beslan vor zweieinhalb Jahrzehnten. Am 3. September 2004 stürmten russische Spezialeinheiten die Schule nach einem dreitägigen Konflikt; es starben 334 Geiseln, darunter 186 Kinder. In den heutigen Erzählungen wirken diese Ereignisse als historische Folie fort: Timur S. Adyrkhaev, heute Abgeordneter im Regionalparlament und nach eigenen Angaben einer derjenigen, die Geiseln aus der Schule trugen, bezeichnet den aktuellen Krieg als „Tragödie“, sieht ihn aber als historisch „unvermeidbare“ Konsequenz westlicher Versuche, Russland über die Ukraine zu bedrängen. Im wiedereröffneten Schulbetrieb wird dieses Denken in Form von patriotischen Programmen und Veteranenbesuchen umgesetzt. In einer Szene für sich: Jüngere Schüler bauen für ein Konzert auf, der Gesang ist ein Marsch mit Kinderstimmen über Synth-Pop, und der Refrain koppelt gefallene Soldaten direkt an den Schutz „für dich und mich“.

Am Ende bleibt die zentrale Spannung zwischen politisch gerahmter Loyalität und persönlichem Wunsch nach Ende des Krieges. Oksana Abaeva sagt: „Ich wünsche mir nicht, dass eine Mutter ihr Kind begräbt – weder in der Ukraine noch hier. Ich will Frieden. Ich will, dass es keinen Nazismus gibt.“ Im Friedhofsgeschehen wird diese Forderung allerdings nicht nur von außen diskutiert: Als die Frauen während eines Panihida-Rituals beisammen sind, kommt es zu Streit. Marina M. Danilova weist etwa den Begriff „Krieg“ zurück und spricht stattdessen von einer „speziellen Militäroperation“, während andere widersprechen und betonen, dass es für sie „ein Krieg“ sei. Solche Unterschiede zeigen, dass „Normalisierung“ in der Gesellschaft nicht bedeutet, dass alle gleich denken – sondern dass die Konfliktlinien sich in Sprache, Ritualen und Alltagsentscheidungen neu sortieren.


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