LONDON (IT BOLTWISE) – Ein mehrmonatiger Aufenthalt im All verändert den Körper messbar: Flüssigkeit wandert nach oben, Knochen verlieren Mineral, Muskeln bauen ab und das Herz wird kleiner. Besonders kritisch bleibt die Veränderung im Bereich der Sehnerven und der Netzhaut, die unter „spaceflight-associated neuro-ocular syndrome“ zusammengefasst wird. Die NASA-„Twins“-Daten zeigen zudem, dass viele Effekte nach der Rückkehr zwar größtenteils abklingen, aber ein Teil sich auch Monate später noch nicht vollständig normalisiert. Für künftige Missionen wird deshalb die Kombination aus Training, Gegenmaßnahmen und besserem Schutz gegen Strahlung zum eigentlichen Engpass.

Wie Schwerelosigkeit Körper umbaut: NASA-Studie zu Augen, Knochen und Herz
Wie Schwerelosigkeit Körper umbaut: NASA-Studie zu Augen, Knochen und Herz (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Astronauten sieht, denkt oft an Ausdauer, Kraft und eine Art „Bestform“. Die Daten aus der Schwerelosigkeit zeichnen jedoch ein nüchternes Bild: Der menschliche Körper ist zwar anpassungsfähig, aber nicht immun gegen die Monate ohne Gewichtseinwirkung. Sobald das Körpergewicht wegfällt, verschiebt sich die Physiologie schrittweise neu – schnell bei Flüssigkeiten, dann langsamer bei Knochen, Muskel und Kreislauf. Das ist mehr als eine Randnotiz für Biomediziner, denn gerade diese Anpassungsmechanismen bestimmen, wie lange Besatzungen sicher funktionieren und wie gut sich langfristige Risiken für künftige Tiefraumflüge abschätzen lassen.

Die Veränderungen starten, sobald die Schwerkraft als „Treiber“ wegfällt. Ohne den ständigen Blut- und Flüssigkeitstransport nach unten sammelt sich ungefähr „zwei Liter“ Flüssigkeit nach oben in Richtung Brust und Kopf, was typische Beobachtungen bei Expeditionen erklärt: geschwollene Gesichter und gleichzeitig auffallend schlanke Beine. Der Körper interpretiert die erhöhte Füllung in Oberkörper und Kopf als zu viel Volumen und reagiert darauf, indem das Blutvolumen in den ersten Tagen sinkt. Damit stehen viele Folgereffekte schon am Anfang indirekt fest, auch wenn sie sich erst in Messwerten über Wochen und Monate konkretisieren.

Auf die schnellen, volumenbezogenen Anpassungen folgen die langsameren Umbauprozesse. Knochen reagieren besonders deutlich, weil sie im Alltag vor allem durch mechanische Belastung Mineral speichern. In der Schwerelosigkeit wird dieser Reiz entkoppelt: Die Mineralabgabe liegt bei etwa 1 bis 1,5 Prozent pro Monat – eine Größenordnung, die auf der Erde Jahre bräuchte, um ähnlich stark zu wirken. Auch Muskeln schrumpfen; eine Studie berichtete sogar eine Reduktion des Wadenumfangs um rund 15 Prozent trotz intensiven Trainings. Der Kreislauf passt sich ebenfalls an: Das Herz muss weniger gegen die Schwerkraft „arbeiten“, wird dadurch kleiner und träger. Selbst die Körpergröße verändert sich messbar, weil die Wirbelsäule nicht mehr zusammengepresst wird; nach der Landung verliert sich dieser Effekt innerhalb weniger Tage wieder.

Die technische Gegenmaßnahme ist für die Raumfahrt relativ klar: Auf der Raumstation trainieren die Besatzungen typischerweise etwa zwei Stunden pro Tag an Laufbändern und Widerstandsgeräten. Dieses Programm bremst den Abbau, verhindert ihn aber nicht vollständig. Entscheidend wird damit, was nicht allein über Bewegung zu stabilisieren ist. In der Raumfahrtmedizin gilt deshalb ein Befund als besonders heikel, der in den frühen Jahren überraschte: die Augen. Durch die erneute Kopflastigkeit von Flüssigkeit steigt der Druck innerhalb des Schädels und hinter dem Augapfel; über Monate kann das den Sehnerv anschwellen lassen, während sich zusätzlich die Rückseite des Auges abflacht und das Gewebe um den Sehnerv messbar verdickt.

Aus dieser Kette entstand die medizinische Sammelbezeichnung „spaceflight-associated neuro-ocular syndrome“. Viele Rückkehrer berichten über stärkere Sehhilfen, und bei einem Teil bleiben strukturelle Veränderungen auch nach der Landung nicht vollständig ohne Rest. Für kurze Aufenthalte ist das oft eine handhabbare Einschränkung – bei multi-jährigen Missionen etwa Richtung Mars wird es dagegen zu einem operativen Risiko: In der Flugphase gibt es kaum Möglichkeiten, ernsthafte Probleme zu korrigieren, und damit verschiebt sich die Frage von „Komfort“ hin zu „Funktionsfähigkeit“. Genau dort wird auch die begrenzte Aussagekraft einzelner Fallgruppen relevant: Die derzeit prägnanteste Datenquelle stammt aus dem NASA-„Twins“-Setup mit identischen Zwillingsbrüdern, bei dem Scott Kelly lange im Orbit war, während Mark Kelly am Boden blieb. Die NASA Twins Study erschien 2019 in „Science“, verfasst unter anderem von Francine Garrett-Bakelman und einem großen Forschungsteam, und liefert einen seltenen direkten Vergleich innerhalb einer identischen Genetik.

Was in diesen Daten besonders ins Gewicht fällt, ist die Mischung aus Rückbildung und Restveränderungen. Bei Scott Kelly verlängerten sich die Telomere zunächst unerwartet in der Schwerelosigkeit, später fielen sie wieder in den Ausgangsbereich zurück – und in Teilen kam es sogar zu Verkürzungen nach der Landung. Rund 7 Prozent der Genaktivität hatten sich laut den Ergebnissen nach sechs Monaten nach Rückkehr noch nicht vollständig normalisiert. Zusätzlich wurden Veränderungen bei kognitiver Geschwindigkeit und Genauigkeit in der Zeit nach der Landung beobachtet, ebenso gab es Hinweise auf Anpassungen in Arterien und in der Zusammensetzung der Darmflora. Zugleich bleibt die wissenschaftliche Lesart entscheidend: Es handelt sich um ein detailliertes Porträt einer einzelnen Zwillingskonstellation, also weniger um eine „Bevölkerungsstatistik“ für alle Astronauten. Die ehrliche Schlussfolgerung aus solchen Daten lautet daher: Der Großteil der Effekte kehrt zurück, aber eine hartnäckige Minderheit zeigt eine langsamere Normalisierung – und genau diese Streuung muss für Missionen mit höherer Unsicherheit berücksichtigt werden.

Für künftige Programme hängt die Planung damit weniger an der romantischen Frage „Wie weit können wir fliegen?“ als an der nüchternen Systemfrage „Wie bleibt der Mensch trotz kumulierter Belastungen intakt?“. Die Entwarnung lautet: Für Aufenthalte in der Größenordnung der Raumstation erholt sich der überwiegende Teil der beschriebenen Effekte auf der Erde, und Training plus sorgfältige Ernährung halten die Risiken während des Fluges oft im Rahmen. Die offene Sorge beginnt dort, wo Risiken sich überlappen. Ein Mars-Voyage würde statt Monaten Jahre bedeuten, dazu kommt deutlich mehr Strahlungsdosis außerhalb des Erdmagnetfeldes und schließlich die Landung auf einem Körper mit nur etwa einem Drittel der Erdgravitation – ohne Krankenhausinfrastruktur und ohne sofortige therapeutische Optionen. Niemand kann diese Kombination aus langer Exposition, anderer Schwerkraft und fehlender medizinischer Korrektur schon heute exakt quantifizieren, weil es bislang keine vergleichbare reale Testkampagne gab.

Praktisch heißt das: Die nächsten Forschungsschwerpunkte zielen auf Gegenmaßnahmen, die über reines Training hinausgehen. Dazu zählen ausgefeiltere Übungs- und Medikamentenkonzepte, ein besserer Strahlenschutz und eine ernsthafte Prüfung, ob künstliche Schwerkraft durch Rotation den Aufwand der Biologie tatsächlich so reduziert, wie es die Hoffnung nahelegt. Für Unternehmen und Agenturen, die an der nächsten Generation von Missionshardware arbeiten, verschiebt sich dadurch auch der Technologie-Fokus: Lebenswissenschaftliche Anforderungen werden zu klaren Produkt- und Systemparametern, etwa bei Missionsdesign, Subsystem-Redundanz für medizinische Beobachtung und der Auslegung von Hygiene- und Ernährungslogik. Am Ende bleibt die harte Wahrheit der Raumfahrt leise, aber zentral: Der Start und die Aussicht sind nur der Moment, in dem die Biologie „abschaltet“ – die schwierigere Arbeit passiert danach, im langsamen Umbau des menschlichen Körpers in einer Umgebung, für die er nicht gemacht wurde.


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