LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Ärger über die Lage des Landes sehr unterschiedlich in Wahlkampfaktivitäten und Straßenproteste mündet. Besonders auffällig ist, dass wütende Black women nach den erhobenen Daten breiter und stärker mobilisieren als die drei übrigen Gruppen. Die Auswertung trennt dabei zwischen formaler Wahlbeteiligung, etwa Kampagnenunterstützung, und nicht-elektoralen Aktionen wie Petitionen oder Protesten. Damit rückt das Zusammenspiel von Race und Gender als erklärender Faktor für politische Mobilisierung in den Fokus.

Wer in den USA nach Gründen sucht, warum Menschen nach politischer Frustration handeln, landet schnell bei Emotionen. Wut wirkt dabei wie ein Beschleuniger: Sie kann aus einer bloßen Meinung eine konkrete Aktivität machen, etwa durch Spenden, das Überzeugen anderer oder das Erscheinen bei Veranstaltungen. Entscheidend ist jedoch nicht nur, wie stark jemand sich ärgert, sondern auch, ob die Betroffenen sich vom politischen System überhaupt gehört fühlen. Politische Wissenschaftler beschreiben diese wahrgenommene Wirksamkeit als „political efficacy“ – und zeigen damit, warum Barrieren, fortbestehende Benachteiligung und ungleicher Ressourcenzugang die Wahl zwischen formalen und informellen Aktionsformen beeinflussen.
Historisch gibt es laut früheren Forschungen eine auffällige Trennlinie: Weiße US-Amerikaner lenken Ärger tendenziell eher in die Wahlarena, während viele Black Americans häufiger nicht-elektorale Wege wählen, also etwa Proteste. Die neue Untersuchung von Sara Morell (The College of New Jersey) und Marzia Oceno (Florida International University) greift genau diese Lücke auf und verschiebt den Blick von einer reinen „Race“-Betrachtung hin zu einer Schnittmenge aus Race und Gender. Der theoretische Ausgangspunkt ist dabei nicht beliebig: Sowohl Frauenbewegungen als auch Bürgerrechtsbewegungen haben unterschiedliche historische Muster darin entwickelt, ob sie stärker auf Kampagnen und Boykotte setzen oder auf Demonstrationen und Straßenmobilisierung. Wenn Black women und weiße Frauen andere Beziehungen zur politischen Ordnung und zu Institutionen mitbringen als Männer, müssten sich diese Unterschiede auch in den Mobilisierungswegen zeigen.
Um diese Hypothesen zu prüfen, analysierten die Autorinnen Daten aus einer großen Umfrage rund um die US-Präsidentschaftswahl 2020. Der Datensatz umfasst 6.661 Erwachsene, die sich als weiß oder Black sowie als männlich oder weiblich identifizierten. Abgefragt wurde, wie wütend, empört oder gereizt die Befragten angesichts des Zustands des Landes waren; statistisch kontrolliert wurden unter anderem Alter, Bildung und Haushaltseinkommen. Für die formalen, also eher „wahlbezogenen“ Aktivitäten wurde anschließend gemessen, ob Teilnehmende andere zu einer bestimmten Wahlentscheidung zu überzeugen versuchten, an Online- oder Präsenzveranstaltungen teilnahmen, politische Buttons trugen, für einen Wahlkampf arbeiteten oder Geld an politische Gruppen spendeten. Außerdem wurde die selbstberichtete Wahlbeteiligung für die November-Wahl erhoben.
Das Ergebnis zeichnet ein klares Muster nach Geschlechtern und wiederum innerhalb der Gruppen nach Race. Bei Männern zeigte sich erwartungsgemäß: Weiße Männer mit hoher Wut berichteten deutlich häufiger über formale Wahlkampfaktivitäten – sie konzentrierten sich besonders auf das Überzeugen von Wählerinnen und Wählern, das Besuchen von Online-Rallies und das Spenden. Black men hingegen zeigten laut den Daten keine vergleichbare Zunahme der formalen Wahlkampfpartizipation; tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, an einem Wahlkampf mitgearbeitet zu haben, sogar geringer. Bei Frauen ist das Bild umgekehrt: Sowohl weiße Frauen als auch Black women meldeten bei steigender Wut höhere Werte in der Wahlkampfpartizipation. Besonders stark war der Effekt bei Black women: Sie wiesen 2020 die höchsten durchschnittlichen Wutwerte auf, und diese Intensität ging mit der größten gemessenen Zunahme in der Kampagnenbeteiligung einher. Auffällig ist dabei auch die in der Studie diskutierte Rolle als Organisatorinnen: Die Autorinnen interpretieren die Resultate als Hinweis auf eine zentrale Funktion von Black women als aktiven Koordinatorinnen innerhalb moderner Wahlmobilisierung.
Ein weiterer Punkt differenziert zwischen „sich die Wahl ansehen“ und „darüber hinaus aktiv werden“. Für weiße Männer und weiße Frauen zeigte Ärger keinen Zusammenhang damit, ob sie tatsächlich ihre Stimme abgaben. Der plausiblere Grund liegt laut Studie darin, dass Wählen für viele politisch aktive Menschen ohnehin als Basisnorm gilt. Wut motiviere dann eher jene Handlungen, die zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand erfordern – also zum Beispiel Freiwilligenarbeit oder Spenden, nicht allein die Stimmabgabe. Um den nicht-elektoralen Teil des politischen Handelns zu erfassen, folgten die Forschenden anschließend einer zweiten Erhebung mit einem Panel-Design: 3.529 Erwachsene wurden in zwei Wellen befragt, einmal unmittelbar nach der Wahl 2020 und erneut nach den Midterms 2022. Diese zweite Befragung konzentrierte sich auf Aktivitäten außerhalb formaler Wahlkampagnen, etwa Protest- oder Rally-Besuche, das Unterschreiben von Online-Petitionen, das Posten politischer Botschaften oder Boykotte aus politischen Gründen.
Auch hier werden die Mobilisierungswege entlang von Gender und Race sichtbar. Weiße Männer zeigten demnach keine durchgängige „Wut-zu-Aktion“-Kopplung: Wut führte in beiden Zeitpunkten nicht zu höheren Raten nicht-elektoraler Aktivitäten, abgesehen von einer leichten Zunahme des Boykottierens in der Welle 2022. Black men zeigten dagegen einen zeitversetzten Effekt: In 2020 war der Zusammenhang zwischen Wut und nicht-elektoraler Beteiligung statistisch nicht signifikant, 2022 stieg die Wahrscheinlichkeit jedoch deutlich, vor allem durch Petitionen und das Veröffentlichen politischer Botschaften. Für Frauen war das Spektrum wiederum breiter. Weiße Frauen übersetzten ihren Ärger in beiden Wellen häufig in nicht-elektorale Aktivitäten, einschließlich Petitionen und Boykotten. Besonders nach einer Entscheidung des Supreme Court, die bundesweite Schutzmechanismen im Bereich Schwangerschaft und Geburt aushebelte, berichteten weiße Frauen in der Studie die höchsten Wutwerte aller Gruppen und hielten diese hohe Aktivität in der nicht-elektoralen Sphäre aufrecht.
Bei Black women schließlich identifizierten die Autorinnen einen besonders konsistenten Schwerpunkt: Wut hing in beiden Wellen 2020 und 2022 jeweils eindeutig mit dem Besuch von Protesten zusammen. In den erhobenen Daten waren Black women die einzige Gruppe, bei der sich die Verbindung zwischen Ärger und körperlicher Protestteilnahme über beide Zeitpunkte hinweg stabil zeigte. Die Studie ordnet dieses Muster historisch ein und leitet daraus die Bedeutung von Black women für Bürgerrechts- und soziale Bewegungen ab. Gleichzeitig weisen Morell und Oceno auf Limitationen hin: Die Umfragen fragten nach genereller Wut über den Zustand des Landes, aber nicht nach den konkreten Themen, die diese Wut auslösen. Dadurch bleibt offen, ob bestimmte politische Ereignisse, Politiken oder Konfliktlinien bei einzelnen Gruppen unterschiedlich stark als Trigger wirkten. Interessant ist deshalb auch, dass das Datenbild bei Black men in 2020 zwar große, landesweite Proteste gegen Polizeigewalt umfasste, die gemessene Protestbeteiligung aber trotzdem nicht klar mit Wut verknüpft war; die Autorinnen vermuten, dass Ärger je nach Person erst mit zusätzlichen psychologischen Faktoren kombiniert werden muss, um physische Aktion auszulösen. Insgesamt legt die Studie nahe, wie wertvoll ein intersektionaler Ansatz für die Erklärung politischer Mobilisierung ist – und sie schlägt für Folgestudien vor, die Perspektive auf weitere Gruppen wie Hispanic und Asian American auszuweiten. Veröffentlicht wurde die Arbeit in Public Opinion Quarterly unter dem Titel „The Intersectional Anger Gap: How Race and Gender Condition the Impact of Anger on Participation“.
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