LONDON (IT BOLTWISE) – Ein zweitägiger Workshop am 4. und 5. Juli 2026 führte Nachwuchs-Startups direkt in die Logik der Investorenperspektive. Die Teilnehmenden entwickelten in 3er-Teams innerhalb weniger Minuten einen „Quick & Dirty“-Pitch mit Market, Problem und Solution. Referent: innen lieferten dafür sowohl Fund Economics und Due Diligence als auch einen Gründungsblick auf Product-Market-Fit, Fundraising und Skalierung. Am Ende stand eine strukturierte Reflexion darüber, welche Muster überzeugende Ideen aus Investorensicht sichtbar machen.

Venture Capital wirkt für viele Außenstehende wie ein Black-Box-Prozess: Ein Pitch, ein paar Fragen, dann die eine Entscheidung. Genau diese Annahme hat der zweitägige Workshop am 4. und 5. Juli 2026 spürbar aufgebrochen. Gefördert wurden Lukas Reiter und Lauren Piazzi mit dem Ziel, Venture Capital möglichst praxisnah zu vermitteln – nicht über abstrakte Folien, sondern über eine Abfolge von Aufgaben, bei denen Startups und Investoren gleichzeitig „am Tisch“ sitzen. 23 Teilnehmer: innen durchliefen dabei ein Format, das den Übergang vom ersten Setup zur tatsächlichen Investorenbewertung in kleine, messbare Schritte zerlegt.
Den technischen Kern des Trainings bildeten zwei Perspektiven, die sich im Verlauf des Programms abwechselten und sich gegenseitig kommentierten. Elise Chen trat als CEO und Co-Gründerin von Syn2core auf und brachte eine Gründer-Roadmap mit, die aus mehreren eigenen Durchläufen stammt. Als Kontrast dazu stellte Johannes Behringer seine Investorenlogik als Principal bei Cusp Capital in den Mittelpunkt – spezialisiert auf Early-Stage-Investments. Mit dieser Kombination wurde nicht nur erklärt, was bei Venture-Capital-Entscheidungen zählt, sondern auch warum: Ein VC prüft nicht nur die Idee, sondern wie der Weg vom ersten Nutzerfeedback zur skalierbaren Einheitökonomie aussehen kann und ob das Geschäftsmodell zum gewünschten Risiko-Rendite-Profil passt.
Schon die Vorbereitung hatte Ernstfall-Charakter. Die Teilnehmenden wurden im Vorfeld in 3er-Teams eingeteilt und sollten eine Startup-Idee ausarbeiten sowie einen ersten „Quick & Dirty“-Pitch erstellen. Vorgaben machten den Zeitdruck bewusst: maximal drei Minuten, maximal fünf Slides und ein klarer Fokus auf Market, Problem und Solution. Zusätzlich musste die Idee so skaliierbar gedacht sein, dass sie aus VC-Sicht grundsätzlich investierbar wirkt. Als Trainingsreferenz dienten eine Pitch-Video-Anleitung von Y Combinator sowie eine bekannte Airbnb-Slide-Vorlage – das Ergebnis waren Pitches, die sich in Struktur und Dichte ähnelten, aber in der Argumentationslogik deutlich voneinander unterschieden.
Am ersten Tag verschob Johannes Behringer den Schwerpunkt direkt auf Fund Economics und Due Diligence. Damit rückte das in den Vordergrund, was viele Gründer in frühen Phasen unterschätzen: Für einen Fonds ist nicht jede gute Idee automatisch ein gutes Investment. Fund Economics behandelt unter anderem, wie ein Fonds Kapital allokiert, welche Renditeannahmen er verfolgt und wie Entscheidungen in die Portfoliologik passen. Due Diligence wiederum macht die unsichtbaren Risiken greifbar – etwa ob Annahmen belastbar sind, ob das Team die Umsetzungsspur liefern kann und ob das Setup nach dem Investment in eine echte Wachstumsphase überführt werden kann. Elise Chen ergänzte diesen Blick durch die operative Gründungsperspektive: Product-Market-Fit, Fundraising und Skalierung aus Sicht einer Gründerin, die diese Prozesse bereits mehrfach selbst durchlaufen hat. Der Lebenszyklus einer Idee – von der Entstehung bis zur Gründung – wurde interaktiv ausgearbeitet, sodass aus dem „Pitch“ ein nachvollziehbares Narrativ über Entwicklungsschritte wurde.
Am zweiten Tag ging es dann in die simulierte Praxis. Unmittelbar nach dem Frühstück präsentierten die Teams ihre Pitches im YC-Stil: drei Minuten pro Team, mit direktem Feedback von Chen, Behringer und der Gruppe. Besonders wirksam war dabei die Rückkopplungsschleife: Fragen der Investorenperspektive trafen unmittelbar auf die Antworten, die Gründer in so kurzer Zeit liefern müssen. Genau darin liegt ein Unterschied zwischen „guter Story“ und investorenfähiger Story. In der Abschlusssession ordneten Behringer und Chen die Ergebnisse gemeinsam mit den Teilnehmenden ein und machten das Muster dahinter sichtbar: Welche Elemente tauchten bei überzeugenderen Ideen häufiger auf, und wo fehlte es bei weniger überzeugenden Konzepten an Substanz, Klarheit oder Skalierungslogik? Solche Reflexionsrunden sind für viele Teams der eigentliche Hebel, weil sie typische blinde Flecken reduzieren.
Das Fazit des Workshops war entsprechend zweigeteilt: Er verknüpfte theoretischen Input zu Fund Economics und Due Diligence mit unmittelbarer Erfahrung in einem realitätsnahen Pitch- und Feedbackprozess unter Zeitdruck. Der entscheidende Mehrwert lag nicht nur in den Inhalten, sondern in der Verzahnung beider Seiten: Referent: innen aus Gründer- und Investorenperspektive traten gemeinsam auf und zeigten, wie stark die beiden Rollenpfade in Venture Capital ineinandergreifen. Für Startups bedeutet das praktisch, dass ein Pitch nicht als Selbstzweck verstanden werden darf. Vielmehr fungiert er als Testlauf für Annahmen – ob Market, Problem und Solution so formuliert sind, dass Investoren daraus eine Investierbarkeit im Kontext des konkreten Fonds- und Risikoprofils ableiten können.
Wenn man den Workshop als Lehrmodell betrachtet, dann liefert er eine Methode, die sich auch außerhalb solcher Trainings übertragen lässt: Erst die Logik der Investorensicht verankern, dann die eigene Gründungserzählung schärfen, anschließend beides in einer knappen Präsentationsform gegeneinander prüfen. Genau diese Iteration – von Vorbereitung über Pitch bis Reflexion – schafft Lernkurven, die man nicht allein durch Lektüre erreicht. Und obwohl Künstliche Intelligenz in diesem Format nicht als Thema im Vordergrund stand, zeigt die Trainingsarchitektur dennoch einen relevanten Trend: Viele junge Unternehmen müssen lernen, komplexe Technologie schnell in eine Geschäftshypothese zu übersetzen, die unter Zeitdruck verständlich bleibt. Wer Venture Capital als Prozess begreift, der von Fund-Strukturen, Due-Diligence-Checks und klaren Entscheidungskriterien geprägt ist, kann sein Storytelling strukturell verbessern – und damit die nächste Feedbackrunde wirksamer gestalten.
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