ANKARA / LONDON (IT BOLTWISE) – Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat in der Türkei den Beitrag türkischer Migranten für den deutschen Wiederaufbau und wirtschaftlichen Aufschwung hervorgehoben. Beim Besuch eines Henkel-Werks in Ankara verwies er auf Arbeiten in Industrie und Infrastruktur, unter anderem im Stahlwerk und im Straßenbau. Zugleich kritisierte er den früheren Umgang mit Menschen türkischer Wurzeln als „Integrationsaufgabe“ oder „gelegentlich als Problem“. Anlass der Reise ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat zum Auftakt seiner dreitägigen Reise nach Ankara nicht über Wirtschaftsdiplomatie im engeren Sinn gesprochen, sondern zuerst über gesellschaftliche Infrastruktur. In seiner Rede beim Besuch eines Henkel (Henkel vz)-Werks betonte er, dass der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg ohne Arbeitskräfte aus der Türkei nicht in der bekannten Form möglich gewesen sei. Dabei nannte Wüst sehr konkrete Tätigkeitsfelder: Er verwies auf Arbeiten in einem Stahlwerk, auf Einsätze „unter Tage“ sowie auf industrielle und handwerkliche Aufgaben bis in den Straßenbau. Solche Beispiele dienen in politischen Reden oft dazu, abstrakte Debatten über Migration mit greifbaren Arbeitsbiografien zu verknüpfen.
Spannend ist der zweite Teil seiner Argumentation, weil er den Fokus von der Vergangenheit auf den Umgang miteinander richtet. Wüst kritisierte, dass viele Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland zu lange als „Integrationsaufgabe“ und „gelegentlich als Problem“ eingeordnet worden seien. Diese Begrifflichkeit steht in der deutschen Debatte regelmäßig für die Tendenz, Integration als Sonderthema statt als Normalfall gesellschaftlicher Teilhabe zu behandeln. Aus seiner Sicht habe sich inzwischen die Perspektive verschoben: Heute werde sichtbar, wie einseitig diese Sichtweise gewesen sei.
In Ankara formulierte Wüst daraus eine positive wirtschafts- und gesellschaftspolitische Leitidee: Er sprach von einer „Riesenchance“, eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln in Nordrhein-Westfalen zu haben, die „beide Kulturen, beide Sprachen“ kennen. Der Gedanke dahinter ist nicht nur kulturpolitisch, sondern auch funktional: Sprach- und Medienkompetenz wirken als Übersetzungsleistung zwischen Märkten, Institutionen und Netzwerken. Wüst griff das Bild der „natürlichen Brückenbauer“ auf, das im Kontext von Migration häufig verwendet wird, um die kommunikative Rolle von Communities zu beschreiben. Damit ordnet er Personen mit Migrationsgeschichte explizit als Ressource für Gesellschaft und Wirtschaft ein.
Der Besuch im Henkel-Werk dient zugleich als Symbol dafür, dass Wüst seinen Kreis zwischen Industriearbeit und heutiger gesellschaftlicher Rolle schließen will. In einem Interview mit der türkischen Zeitung „Hürriyet“ sowie der Nachrichtenagentur Anadolu verwies er darauf, dass Kinder und Enkel der ersten „Gastarbeiter“-Generation mittlerweile an vielen Stellen der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Wüst nannte hierfür beispielhaft Lehrerinnen, Polizisten, Unternehmer und Vereinsvorsitzende. Für die Wirkung solcher Aufzählungen ist weniger entscheidend, ob jede Kategorie in jedem Bundesland gleich ausgeprägt ist, sondern dass sie eine klare Entwicklungslinie zeichnet: von Arbeit am Fließband und in Betrieben hin zu Positionen mit Gestaltungs- und Führungsverantwortung.
Konkretion liefert auch der Blick auf die Unternehmenslandschaft in Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben der Landesregierung seien mehr als 1.200 türkische Unternehmen in NRW aktiv; Wüst sagte zudem, Tausende Betriebe würden von Menschen mit türkischen Wurzeln geführt. Aus technischer Sicht lässt sich diese Einordnung als „Ökosystem“-Logik lesen: Unternehmen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern entlang von Lieferketten, Kundenbeziehungen und Qualifikationspfaden. Gerade bei Gründungs- und Familienunternehmen kann die Weitergabe von Kontakten und Know-how zwischen Generationen die Unternehmensstabilität erhöhen. Wüst formulierte daher auch den Anspruch, diese Stärke „viel besser“ zu nutzen – also nicht nur zu zählen, sondern gezielt einzubinden.
Der Zeitpunkt der Reise hat zusätzlich Gewicht: Hauptanlass ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, das die Zuwanderung hunderttausender türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik Deutschland eingeleitet hat. Die Aussage, es handle sich um die erste Reise eines nordrhein-westfälischen Regierungschefs in die Türkei sowie um Wüsts ersten Besuch überhaupt, macht deutlich, dass es hier auch um politische Symbolik und Kontinuität geht. Für den weiteren Verlauf der Diskussion in Deutschland ist vor allem relevant, wie die Botschaft vom „Problem“-Narrativ hin zur „Riesenchance“ in konkrete Programme übersetzt werden kann: etwa in der Förderung von Unternehmensnachfolge, der Vernetzung von Betrieben oder der Schaffung von Brücken zwischen Ausbildung, Sprache und Arbeitsmarkt. In einem Jahr, in dem gesellschaftliche Spannungen und Integrationsfragen regelmäßig Schlagzeilen prägen, setzt Wüst mit dieser Linie auf Erzählung und Nutzenargument zugleich.
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