KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Markus Gick von xdeck beschreibt, warum sich die Investmentsituation in Deutschland zwar anspruchsvoller, aber nicht schlechter anfühlt. Gleichzeitig rückt er Skalierbarkeit, Marktbeweise und belastbare Unit Economics in den Fokus. Er erklärt, welche Erwartungen Investoren in den kommenden Monaten haben und warum KI-Entwicklungen den Aufbau neuer Firmen beschleunigen, aber nicht automatisch weniger Differenzierung erfordern. Zudem zeigt er anhand von Beispielen wie LawX und Depotcharge, welche Infrastruktur-Startups derzeit besonders begeistern.

Die Stimmung im Venture-Capital-Markt klingt aktuell weniger nach Aufbruch als nach Rückkehr zu harten Fundamenten: Markus Gick, Managing Partner bei xdeck, sagt, die Investmentsituation in Deutschland sei anspruchsvoller geworden, aber nicht schlechter. In seiner Sicht ist Kapital zwar vorhanden, doch die Risikobereitschaft hat nachgelassen und Entscheidungen dauern wieder länger. Due Diligence wird tiefer, und die Vergabe von Mitteln ist selektiver. Damit wird ein Trend sichtbar, der auch international zu beobachten ist: Nicht die Idee allein, sondern nachweisbare Skalierbarkeit und klare Marktbeweise entscheiden zunehmend über den Zugang zu Wachstumskapital.
Technisch betrachtet verschiebt sich der Hebel dabei von reiner Prototyp-Validierung hin zu belastbaren Umsetzungs- und Betriebsfähigkeiten. Wenn xdeck-Teams Gründerinnen und Gründer früh begleiten, geht es laut Gick darum, erste Kunden zu gewinnen, das Produkt zu schärfen und ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzubauen. Genau hier wird auch die KI-Praxis relevant: Mit KI-Agents und automatisierten Arbeitsabläufen können Unternehmen schneller testen, iterieren und Prozesse parallelisieren. Das erhöht die Geschwindigkeit der Unternehmensentstehung, doch es macht den „Proof“ weniger optional, weil potenzielle Mitbewerber ähnliche Tech-Stacks schneller nachziehen können.
Der Marktkontext erklärt, warum Investoren wieder stärker auf belastbare Metriken schauen. In den vergangenen Jahren wurden in vielen Phasen Unternehmensmodelle teils zu stark über Wachstumserwartungen bewertet, während die Wirtschaftlichkeit (Unit Economics) in den Hintergrund geriet. Branchenberichten zufolge haben sich Bewertungen und Tempo danach regional und global verändert: Kapital wird selektiver, und es wird mehr Transparenz über Kundenprobleme und Einnahmequellen verlangt. Als Vergleich nennen Analysten häufig internationale Accelerators wie Y Combinator oder Techstars, die ebenfalls stärker auf wiederholbare Produkt-Traktion setzen und „Traction“ als zentrales Risiko-Reduktionsinstrument behandeln.
Gick blickt in die nächsten Monate mit einer Erwartung, die viele Gründer:innen spüren werden: selektiv bleibt selektiv, aber das Umfeld sei konstruktiv. Sein Fokus liegt dabei auf „Rückkehr zu den Grundlagen“: starke Teams, echte Kundenprobleme und funktionierende Unit Economics. Aus Expertensicht ist das ein wichtiger Punkt, weil er die Art der Investor:innen-Unterstützung neu definiert. Kapital allein differenziert nicht mehr; vielmehr wird die Frage entscheidend, welchen operativen und netzwerkbasierten Mehrwert ein Investor liefert. In Calls und Gesprächen zählt damit, ob ein Startup nicht nur pitcht, sondern überzeugend belegt, wie es mit konkreter Marge, Kundenfeedback und einer klaren Roadmap skaliert.
Für die Kapitalsuche leitet Gick daraus drei pragmatische Empfehlungen ab. Erstens sollen Gründer:innen radikal klar erklären, was sie tun, und Komplexität herunterbrechen, damit Produkt und Markt sofort verständlich werden. Zweitens brauche es Hinweise, dass die Vision realistisch umgesetzt werden kann über erste Umsätze, belastbare Nutzerzahlen oder konkrete Kunden-Insights. Drittens fordert er einen „Wow-Effekt“: VC finanziere keine beliebig guten Unternehmen, sondern potenzielle Ausreidser. Entscheidend sei daher, was im Kopf bleibt über Präsentation, Insight oder Teamgeschichte. Diese Logik verschiebt die Kommunikations- und Produktarbeit hin zu messbaren Ergebnissen statt zu reinen Zukunftsversprechen.
Wie dieses Denken inhaltlich aussehen kann, zeigen die von Gick genannten Beispiele für Infrastruktur-Startups. LawX etwa positioniert sich als KI-gestütztes Betriebssystem für Kanzleien und Notariate und adressiert ein typisches Problem klassischer Rechts-Software: Viele Tools optimieren einzelne Schritte, transformieren aber nicht das gesamte Backoffice. Der Ansatz zielt auf Prozesse wie Fallverwaltung, Anfragen und Abrechnung ähnlich wie eine Betriebsplattform, die Arbeitsweisen neu ordnet. Depotcharge wiederum beschreibt einen Marktplatz für das Laden elektrischer Lkw an Depotstandorten und integriert nicht nur Matching, sondern eine komplette Abwicklungsschicht von Buchung bis Abrechnung. Beide Initiativen eint, dass sie „groß denken“, aber mit einem konkret spürbaren Alltagsschmerz starten.
Gerade in solchen Szenarien wird die Regulatory- und Security-Perspektive praktisch. Wenn KI in rechtliche Arbeitsabläufe, Fallstrukturen oder Abrechnungsprozesse eingreift, entstehen neue Anforderungen an Datenschutz, Zugriffskontrollen und Nachvollziehbarkeit. Unternehmen müssen nicht nur technisch sicherstellen, dass Datenflüsse minimiert werden, sondern auch organisatorisch klären, wie Modelle trainiert oder genutzt werden, welche Daten im Training oder Inferenzschritt verwendet werden und wie Auftragsverarbeitung gestaltet ist. Auch bei Lade- und Abrechnungsplattformen sind Integrität, Verfügbarkeit und Abrechnungsgenauigkeit entscheidend, damit es nicht zu finanziellen oder operativen Fehlfunktionen kommt. In der Due Diligence wird damit zunehmend nicht nur „wird es funktionieren“, sondern auch „ist es compliant und auditierbar“ bewertet.
Der Ausblick von Gick läuft auf eine klare Zukunftsfrage hinaus: Wenn KI-Entwicklung und Automatisierung den Aufbau neuer Firmen beschleunigen, benötigen Startups dann weniger Finanzierungsrunden? Wahrscheinlich ja über die Geschwindigkeit einzelner Iterationen, aber nicht zwingend über die Notwendigkeit von Differenzierung. Investoren müssen sich messbar absetzen über Zugang zu Kunden, operative Unterstützung, Matching in relevanten Netzwerken und eine langfristige Begleitung. Die spannendste Entwicklung sieht Gick dabei in Zeiten, in denen KI-Agents Skalierung schneller machen als früher: Die besten Unternehmen der nächsten Dekade würden gerade jetzt gebaut. Für Gründer:innen bedeutet das: weniger Zufall, mehr Fokus auf Belege, klare Positionierung und Infrastruktur-Denken, das Kundenprobleme wirklich durchgehend adressiert.
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