BEIJING / LONDON (IT BOLTWISE) – Der chinesische Verteidigungsminister Dong Jun hat beim Xiangshan-Forum zu einem Ende provokativer Handlungen aufgerufen. Er warnte zugleich vor einem Rückfall in „regressive historische Trends“ und betonte eine gemeinschaftliche Sicherheitsordnung. Seine Rede blieb weitgehend ohne direkte Nennung von Rivalen, gilt in Teilen aber als gedämpfte Ansprache an Japan und umliegende Staaten. Im Hintergrund stehen die Spannungen um Taiwan und das Südchinesische Meer sowie die Erwartung eines baldigen Treffens zwischen Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump.

Beim 13. Beijing Xiangshan Forum hat der chinesische Verteidigungsminister Dong Jun die Marschrichtung für die Militärdiplomatie in den kommenden Monaten abgesteckt. In seiner Eröffnungsansprache verlangte er von Staaten, provokative Akte zu beenden, und stellte dem die Idee einer „geteilten Sicherheitsführung“ sowie engerer militärischer Kooperation gegenüber. Gleichzeitig warnte Dong Jun vor einer Wiederkehr dessen, was er als „hegemonielles“ und „militaristisches“ Geschichtsbild sowie als „historische Revisionismen“ beschrieb. Der Ton war damit weniger eine konkrete Reaktion auf Tagesereignisse als eine politische Rahmung: China will das Gespräch über Sicherheit breiter aufstellen, aber zugleich signalisieren, welche Entwicklung es als gefährlich einstuft.
Technisch betrachtet zeigt sich in der Art, wie das Xiangshan-Forum aufgebaut ist, eine strategische Form von Kommunikations- und Sicherheitsarchitektur. Peking hat die Veranstaltung über zwei Jahrzehnte systematisch als zentrale Bühne der Militärdiplomatie geformt, mit einer vergleichsweise straff kuratierten Agenda, die sich als Alternative zum Shangri-La Dialogue in Singapur positioniert. Das dreitägige Format bringt Hunderte Offiziere, Diplomaten und Forschende aus Dutzenden Ländern zusammen; damit entsteht ein geschützter Rahmen, in dem Positionen diskutiert werden können, ohne dass jede Aussage sofort als formaler Vertrags- oder Eskalationsschritt gelesen werden muss. Für das Gastgeberland ist das nicht nur Öffentlichkeitsarbeit, sondern ein Mittel, um narrative Anschlussfähigkeit zu erzeugen: China adressiert eine multipolare Welt und eine stärkere Stimme des Globalen Südens, während es intern den diplomatischen „Kanal“ offen hält.
Während Dong Jun in Details zurückhaltend blieb, lässt die Kontextlage einen deutlich erkennbaren Schwerpunkt der Botschaft vermuten. Das Forum findet in einer Phase erhöhter regionaler Spannungen statt, unter anderem um Taiwan sowie um das umstrittene Südchinesische Meer. Dazu kommt eine wachsende Skepsis gegenüber traditionellen Sicherheitszusagen der USA in Richtung Asien. Zusätzlich liegt die Veranstaltung zeitlich dicht vor einer erwarteten Reise von Xi Jinping nach Washington, um dort auf US-Präsident Donald Trump zu treffen. Gerade diese Dreifachlage aus Taiwan-Dynamik, Seeweg-Konflikten und US-Unsicherheit erhöht den Bedarf an abgestimmten Signalen zwischen Militär- und politischen Ebenen – und reduziert zugleich den Spielraum für direkte Konfrontation in der Rhetorik.
Im Abschnitt, der sich auf Japan konzentriert, wird die indirekte Ausrichtung besonders sichtbar. Dong Jun nannte die USA oder japanische Verbündete nicht explizit, doch Analysten hatten bereits im Vorfeld damit gerechnet, dass die Rede als „maskierte“ Kritik gelesen wird. Der Hintergrund: Nach Hinweisen einer japanischen Regierungschefin im vergangenen Jahr, wonach ein hypothetischer chinesischer Angriff auf Taiwan eine japanische militärische Reaktion auslösen könnte, hatte Peking wiederholt gewarnt, Japan strebe eine Rückkehr zu aggressiver Vergangenheit an. China betrachtet demokratisch regiertes Taiwan als eigenen Territoriumsanspruch und hat die militärische Druckkulisse um die Insel verstärkt, etwa durch regelmäßig stattfindende Manöver; Taiwans Regierung weist die Souveränitätsbehauptungen zurück. Die Sprache von Dong Jun („wachsame Haltung“, „Unterdrückung der Wiederkehr historischer Reste“) passt dazu: Sie zielt auf die Legitimationsbasis gegnerischer Politik, ohne die Eskalationslinie direkt zu benennen.
Auch die begleitenden Wortbeiträge aus dem Umfeld des Forums liefern eine zusätzliche Interpretationsebene. Ein dort anwesender chinesischer Experte warnte, Japans wachsende Rolle im Südchinesischen Meer könne langfristig eher Frieden und Stabilität gefährden als die USA. Er argumentierte, Japan fokussiere den Seeweg als möglichen Ausgangspunkt für Angriffs- und Invasionsszenarien bis hin zur Kontrolle von Seerouten. Gleichzeitig sprach er über Auswirkungen auf Streitbeilegung, maritime Kooperation und Konsultationen zu einem Verhaltenskodex. Damit verschiebt sich der Fokus vom rein militärischen Austausch hin zu dem, was in der Praxis oft der eigentliche Konflikttreiber ist: Regeln, Durchsetzung und die Frage, wer als „verlässlicher“ Verhandlungspartner wahrgenommen wird.
Für die internationalen Teilnehmer ist der Xiangshan-Rahmen zudem ein Test, wie gut sich Rollen zwischen Washington und Peking austarieren lassen. Aus westlichen Staaten werden dem Vernehmen nach häufig eher nachgeordnete Vertreter entsandt, während die US-Delegation von einer hochrangigen Pentagon-Funktionärin, Cynthia Carras, angeführt wird. Gleichzeitig suchen Nachbarländer, die die Beziehungen zu beiden Seiten managen müssen, mit Spitzenpersonal den direkten Kontakt: Dazu zählen etwa Delegationen mit Verteidigungsministern und stellvertretenden Verteidigungsministern aus Vietnam und Malaysia. Auch Nordkorea ist laut Berichten mit einer Delegation des Ministeriums für Nationale Verteidigung unter Leitung von Vizeminister Kim Kang Il beim Forum vertreten. Das zeigt, wie stark die Militärdiplomatie in diesem Umfeld nicht nur über Inhalte, sondern über Netzwerke und Signalwirkung funktioniert – und warum Dong Jun in seiner Rede die „breite“ Unterstützung für eine Sicherheitsordnung betonte.
Für Unternehmen und Technologieverantwortliche in der Region hat die Gemengelage konkrete Nebenwirkungen. Wo politische und militärische Unsicherheiten zunehmen, verschiebt sich das Risikomanagement häufig von rein technischen auf organisatorische Fragen: Lieferketten-Resilienz, Compliance-Prozesse in Vertrieb und Logistik sowie die Planungssicherheit für Rechenzentrums- und Netzwerkinvestitionen geraten stärker unter Druck. Hinzu kommt, dass „Shared Security“ als Konzept auch bei der IT-Infrastruktur mitgedacht wird – zum Beispiel in der Erwartung, dass Standards für Kommunikationssicherheit, Lagebilder und Resilienz-Konzepte zwischen Partnern kompatibel bleiben. In diesem Spannungsfeld lohnt es sich, die Xiangshan-Botschaften weniger als konkrete Einsatzanweisung zu lesen, sondern als Indikator dafür, welche politischen Narrative Peking in den kommenden Monaten priorisieren wird.
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