HONGKONG / LONDON (IT BOLTWISE) – Xiaomi startet sein größtes Aktienrückkaufprogramm mit bis zu 20 Milliarden Hongkong-Dollar, doch die Aktie bleibt im Abwärtsmodus. Gleichzeitig belastet die EV-Sparte die Bilanz: weniger Auslieferungen, hohe Verluste und ein Verlust pro Fahrzeug, das die Marge spürbar drückt. Für Entlastung könnte mittelfristig die Smartphone-Roadmap sorgen, während EREV als neues Antriebssegment zwar genehmigt ist, aber ungünstig in die Nachfragekurve fällt. Der Markt beobachtet nun technische Marken und die nächsten Quartalszahlen genau.

Die Xiaomi-Aktie steht trotz eines massiven Kursstützungsversuchs unter Druck: Seit dem 2. Juni 2026 läuft ein Rückkaufprogramm, das bis zu 20 Milliarden Hongkong-Dollar umfassen kann. Kurz nach Programmstart wurden 30,1 Millionen Anteile zurückgekauft, doch der Kurs hat den Fall nicht aufgehalten und liegt auf 30-Tage-Sicht rund 19 Prozent im Minus. Das lässt sich weniger als Scheitern des Mechanismus interpretieren, sondern eher als Signal, dass operative Themen kurzfristig schwerer wiegen als das finanzielle Support-Argument. In der Charttechnik rückt daher das 52-Wochen-Tief bei 2,67 Euro in den Fokus, während die Q2-Zahlen am 26. August als nächster Belastungstest gelten.
Technisch und operativ beginnt die Schwachstelle allerdings nicht an der Börse, sondern in der EV-Kette. Im Mai lieferte Xiaomi 32.759 Fahrzeuge aus, elf Prozent weniger als im April; über die ersten fünf Monate summieren sich 150.317 Einheiten. Damit wirkt das Jahresziel von 550.000 Fahrzeugen wie eine Zielmarke, die nur mit sehr aggressiven Monatsraten erreichbar wäre: Von Juni bis Dezember müssten im Schnitt etwa 57.500 Stück pro Monat geliefert werden, während der bisherige Monatsrekord bei 50.000 Stück liegt, erzielt im Dezember 2025. Jefferies hat die Jahresprognose bereits auf 495.000 Einheiten gesenkt und damit die Erwartungsdynamik weiter nach unten verschoben.
Besonders kritisch ist aber nicht nur das Volumen, sondern die Kostenkurve. Im ersten Quartal 2026 erzielte die EV-Sparte 19,9 Milliarden Yuan Umsatz, verbuchte zugleich jedoch einen operativen Verlust von 3,1 Milliarden Yuan. Umgerechnet entspricht das einem Verlust von rund 5.600 US-Dollar pro ausgeliefertem Fahrzeug. Als Treiber werden schwächere Verkäufe beim Hochpreismodell SU7 Ultra genannt, zusätzlich staatliche Subventionslogik bei der Kaufsteuer sowie steigende Komponentenpreise. Hier lohnt der Vergleich mit anderen Herstellern: Li Auto zeigt zwar in Teilsegmenten weiterhin Stabilität, aber selbst beim Flaggschiff L9 ging die Auslieferung in den ersten vier Monaten 2026 um 74 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Genau diese Diskrepanz macht die Marktlage für Xiaomi besonders anspruchsvoll.
Parallel versucht Xiaomi, das Portfolio mit einem neuen Antriebsansatz zu verbreitern: EREV-Fahrzeuge, also Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor als Reichweitenverlängerer. Das Industrieministerium hat den Produktionsantrag genehmigt; als erstes Modell wird Kunlun N3 genannt, ein SUV mit über 5,3 Metern Länge unter der neuen Submarke Skynomad. Es soll einen Akku mit mehr als 70 kWh und eine rein elektrische Reichweite von bis zu 500 Kilometern bieten. Doch das Timing wirkt heikel: Im Mai gingen die Großhandelsverkäufe von EREV-Fahrzeugen um fast 25 Prozent zurück, der stärkste monatliche Rückgang seit fünf Jahren. Marktteilnehmer sehen darin ein Beispiel für die Wechselwirkung aus Absatzzyklen und Energiepreis-/Regulationssignalen, weniger für einen technischen Mangel am Konzept.
Abseits der EV-Baustelle gibt es dagegen eine potenzielle Neubewertung über den Smartphone-Teil. Xiaomi soll die 18er-Serie früher als üblich nach Europa bringen, ohne die bisher übliche Verzögerung von sechs Monaten. Für das Xiaomi 18 Pro wird demnach Ende September 2026 ein Launch angesetzt; das Basismodell soll erst Anfang 2027 folgen. Offiziell ist das noch nicht bestätigt, doch die Planungslogik ist erkennbar: Der komplette 18er-Schwung wird für September 2026 erwartet und zeitlich auf die Ankündigung von Qualcomm Snapdragon 8 Elite Gen 6 ausgerichtet. Angetrieben werden die Geräte demnach durch einen Chip auf TSMCs 2-nm-Prozess. Aus Unternehmenssicht ist das ein klassisches Vergleichsszenario zwischen schnellster Time-to-Market und risikobehafteter Vorab-Kapazitätsplanung.
Ein entscheidendes Gegenargument liefert jedoch der Speicherchip-Markt. Xiaomi-CEO Lei Jun rechnet mit anhaltendem Preisdruck in den kommenden zwei Jahren, und die bisherigen Preisbewegungen sind deutlich: Bei Smartphone-Speichern haben sich die Preise verfacht, bei TV-Speichern sogar verzehnfacht. Solche Verläufe sind für Hersteller zweischneidig, weil sie einerseits kurzfristig Lieferkettenrisiken entschärfen können, andererseits aber die Stückkosten und damit die Gewinnmarge belasten. Als nächster Indikator gilt Microns Quartalsbericht am 24. Juni, weil er Hinweise darauf geben könnte, ob sich die Preiselastizität wieder verbessert. Für die Börsenbewertung ist das relevant, weil höhere Materialkosten in der Regel nicht vollständig durch höhere Verkaufspreise kompensiert werden können.
Wie kann der Rückkauf vor diesem Hintergrund dennoch eingeordnet werden? In der Praxis kann ein Aktienrückkauf den Gewinn pro Aktie stützen und das Verwässerungsrisiko reduzieren, aber er verhindert nicht, dass Investoren kurzfristig auf operative Zielverfehlungen reagieren. Der Kursverlauf deutet darauf hin, dass der Markt derzeit primär die EV-Performance bewertet und erst danach die potenziell unterstützende Wirkung des Kapitaleinsatzes berücksichtigt. Für Anleger und Unternehmen bleibt der nächste Schritt deshalb zweigeteilt: charttechnisch wird das 52-Wochen-Tief bei 2,67 Euro als Trigger angesehen, fundamental dominiert Q2 am 26. August. Mittel- bis langfristig könnte die Smartphone-Roadmap Entlastung liefern, während EREV als Option bestehen bleibt – allerdings nur, wenn die Nachfrage im Markt wieder anspringt und die Kostenkurve der Komponenten nicht weiter eskaliert.
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