KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut dem Atradius-Zahlungsmoralbarometer berichten 83 Prozent der befragten Unternehmen in China von zumindest teilweise verspäteten Zahlungen im B2B-Geschäft. Rund ein Drittel der Rechnungen gilt als überfällig; für deutsche Exporteure erhöht das das Risiko offener Forderungen. Als Haupttreiber nennt der Bericht Qualitätsmängel und abweichende Lieferungen, die Zahlungen gezielt verzögern können. Zudem erwarten 56 Prozent der Befragten steigende Insolvenzen in den kommenden Monaten.

Chinas Zahlungsumfeld wird für deutsche Exporteure zunehmend zum operativen und finanziellen Stresstest. Wenn 83 Prozent der befragten Unternehmen verspätete Zahlungen zumindest teilweise beobachten, ist das weniger ein Randproblem der Debitorenbuchhaltung als ein Strukturhinweis: Rund ein Drittel der Rechnungen ist überfällig. Atradius ordnet China damit über dem asiatischen Durchschnitt ein; höher liegen nur Taiwan und Indien. Für viele Unternehmen bedeutet das konkret, dass sich die Risikobewertung nicht mehr auf „Zahlungsausfall“ im engen Sinn reduzieren lässt, sondern stärker auf die Dynamik zwischen Verzögerung, Eskalation und Forderungsbereinigung achten muss.
Technisch betrachtet hängt die Belastung des Working Capital in solchen Phasen stark davon ab, wie schnell aus dem ersten Zahlungsverzug ein Forderungsausfall wird. Im Bericht fällt auf, dass Zahlungen entweder zügig erfolgen oder rasch in Ausfälle eskalieren; eine langsame Alterung von Forderungen, wie sie in Europa häufiger vorkommt, spielt in China eine geringere Rolle. Dazu passen die Angaben zu Forderungsausfällen: 21 Prozent der befragten Unternehmen melden Ausfälle von mehr als fünf Prozent ihres Forderungsbestands, während der Wert im asiatischen Durchschnitt bei 12 Prozent liegt. Auch die Verbindung von Abschreibungen mit Rechtsstreitigkeiten ist ein praktischer Hinweis darauf, dass Unternehmen ihre Prozesse zur Streitbeilegung, Dokumentation und Zahlungsfreigabe eng mit dem Forderungsmanagement verzahnen müssen.
Als Ursachen werden weniger klassische Liquiditätskrisen als Auslöser sichtbar. 55 Prozent der Unternehmen nennen Qualitätsmängel oder abweichende Lieferungen als Grund für verspätete Zahlungen; komplexe Zahlungsprozesse (41 Prozent) und Liquiditätsprobleme der Kunden (24 Prozent) spielen dagegen laut den Befragten eine geringere Rolle. Daraus folgt: Nicht nur das Debitoren-Rating zählt, sondern die „Liefer- und Leistungslogik“ im Sinne von Abnahme, Reklamation und Nachweisführung. Wenn Streit über Qualität und Lieferung gezielt als Hebel genutzt werden kann, reicht ein klassisches Mahnwesen häufig nicht aus. Gleichzeitig wird die Zurückhaltung bei Handelskrediten greifbar: Weniger als 40 Prozent der B2B-Transaktionen erfolgen auf Kreditbasis, und die Zahlungsbedingungen tendieren eher zu kürzeren Zahlungszielen, um das eigene Risiko zu begrenzen.
Für das Marktbild ist außerdem entscheidend, dass China für die deutsche Exportwirtschaft ein Schwergewicht bleibt. Der Bericht nennt für 2025 ein Exportvolumen von rund 81 Milliarden Euro von Deutschland nach China. Genau deshalb schlägt das Risiko nicht abstrakt durch, sondern trifft direkt auf Volumen, Margen und Finanzierungslinien. Wenn 51 Prozent der chinesischen Unternehmen ihre Investitionen einschränken, um Druck auf das Working Capital intern abzufedern, verschiebt sich zudem die Nachfrage- und Zahlungsstabilität in Richtung einer Phase, in der Unternehmen weniger Spielraum haben. Gleichzeitig erwarten 56 Prozent steigende Insolvenzen und weitere 38 Prozent dauerhaft hohe Insolvenzraten; besonders betroffen seien kleinere Firmen mit eingeschränktem Zugang zu externer Finanzierung.
In der Praxis bedeutet das: Risikostrategien müssen die lokalen Mechanismen berücksichtigen. Atradius beschreibt, dass das chinesische Zahlungsumfeld anderen Regeln folgt als europäische Märkte und dass Unternehmen ihre Strategien entsprechend ausrichten sollten. Dazu passen auch die Hinweise auf Absicherung und Zahlungsanreize: Chinesische Unternehmen nutzen Frührzahlungsanreize und Kreditversicherungen im regionalen Vergleich überdurchschnittlich häufig. Für deutsche Anbieter heißt das, dass sie stärker mit Versicherungs- und Finanzierungslogiken arbeiten müssen, etwa indem sie Kreditlimits entlang von Liefer- und Qualitätsparametern steuern statt ausschließlich nach Zahlungszielen zu klassifizieren. Wo es passt, rückt auch KI-gestütztes Forderungsmonitoring in den Vordergrund, weil es Muster bei Reklamationshäufigkeiten, Eskalationszeiten und Zahlungsverläufen schneller erkennbar macht als starre Fälligkeitsregeln.
Schließlich verschiebt sich der Fokus auf zusätzliche Belastungsfaktoren für das B2B-Zahlungsverhalten. Laut dem Bericht gehören Cybersecurity, Betrug und geopolitische Instabilität zu den drei größten Risiken, während makroökonomische Faktoren wie Konjunkturschwäche oder Inflation in China eine geringere Rolle spielen. Für Unternehmen bedeutet das: Neben dem traditionellen Credit-Management müssen auch Kontrollen rund um Rechnungsdaten, Freigabeprozesse und die Integrität von Zahlungsanweisungen gestärkt werden. Das wird besonders relevant, wenn ohnehin höhere Ausfallraten erwartet werden, weil sich bei eskalierenden Fällen schnelle Entscheidungen, klare Verantwortlichkeiten und belastbare Nachweise über Qualität und Lieferung als Wettbewerbsvorteil erweisen.
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