LUBMIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die spezielle Zerlegehalle (ZLH) im vorpommerschen Lubmin kommt später als anfangs erhofft. Laut einer EWN-Sprecherin schreiten die Bauarbeiten zwar voran, dennoch wird eine Fertigstellung für 2027 genannt. Im Folgejahr soll die Halle in Betrieb gehen. Für die Verzögerung macht die Betreiberin vor allem Fachkräfte, Lieferketten sowie den Umfang der sicherheitsrelevanten Bauanforderungen verantwortlich.

Die Zerlegehalle (ZLH) in Lubmin, die einst für einen deutlich früheren Projektabschluss vorgesehen war, wird nach Angaben der bundeseigenen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN) voraussichtlich erst 2027 fertig. Auf die Frage nach dem Baufortschritt verwies eine Sprecherin darauf, dass die baulichen Maßnahmen „in vollem Gange“ seien und „zusehends voran“ schritten. Gleichzeitig nennt die Auskunft als neuen Zielkorridor eine Fertigstellung im Jahr 2027 und eine anvisierte Inbetriebnahme im Jahr danach. Damit verschiebt sich ein zentraler Baustein der geplanten Entsorgungstätigkeiten für Großkomponenten aus den früheren Atomkraftwerksstandorten Lubmin und Rheinsberg.
Die zeitliche Entwicklung zeigt dabei, wie stark das Zusammenspiel aus Baugewerk, Materialverfügbarkeit und Sicherheitsingenieurwesen den Projektkalender prägt. Noch Anfang 2025 war laut EWN offenbar die mögliche Fertigstellung der ZLH zum Ende des Vorjahres im Gespräch und als frühester Zeitpunkt für den Betrieb wurde mindestens „Ende dieses Jahres“ genannt. Dass daraus ein längerer Zeitplan wurde, begründet die Sprecherin mit Verzögerungsfaktoren, die „branchenweit“ im Bauwesen auftreten: anhaltender Fachkräftemangel, Verzögerungen in den Lieferketten sowie Probleme bei der Verfügbarkeit von Materialien und Komponenten. Zusätzlich betont EWN, dass die ZLH wegen ihrer technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen hohe Ansprüche an Planung und Ausführung stellt, darunter hochspezialisiertes Know-how für einzelne Gewerke – exemplarisch nennt die Sprecherin die Krananlage.
Technisch betrachtet bildet die Halle den Kern eines größeren Zerlege- und Logistikkonzepts: Aus Brandenburg und Lubmin lagern die Großkomponenten aktuell im sogenannten Zwischenlager Nord (ZLN). Später sollen in der ZLH unter anderem die sogenannten Dampferzeuger zerlegt werden, jene Bauteile, mit denen in den Kraftwerken Wärme in Dampf umgewandelt wurde, der wiederum Turbinen antreibt. Ebenso sollen Druckgefäße behandelt werden. Ziel ist es, die Komponenten so zu zerkleinern und aufzubereiten, dass sie weitertransportfähig sind, etwa in Richtung des Schachts Konrad in Niedersachsen, dem künftigen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Alternativ sollen Teile je nach Prozessführung entweder durch entsprechende Maßnahmen von Kontamination befreit oder anschließend konventionell entsorgt werden können.
Der konstruktive und sicherheitstechnische Aufbau der ZLH ist dabei auf ein sehr spezifisches Last- und Strahlenschutzregime ausgelegt. Laut Beschreibung handelt es sich um eine etwa 30 Meter hohe, 60 Meter lange und 40 Meter breite Halle mit großen Stahltoren; die Krananlage soll dabei Hunderte Tonnen heben können. In der Mitte befindet sich ein Becken, in dem spätere Zerlegearbeiten unter Wasser und ferngeleitet ablaufen sollen, um den Strahlenschutz wirksam zu machen. Auch die Abschirmung ist als mehrschichtiger Ansatz konzipiert: 90 Zentimeter dicke Betonwände sollen Strahlung reduzieren, das Zerlegebecken ist zur Abschirmung mit Edelstahl ausgekleidet. Die schweren Bauteile des Tores werden ebenfalls abgeschirmt; die 44 Tonnen schweren Flügel sind mit Beton gefüllt.
Damit sich dabei auch das Kontaminationsmanagement beherrschbar bleibt, sind zudem die Oberflächen und Nebenstrukturen auf Rückhaltung ausgelegt. Bedenken, die aus Strahlenschutz- und Freigabeprozessen bekannt sind, betreffen hier nicht nur den unmittelbaren Arbeitsbereich, sondern auch die Frage, ob sich belastete Stoffe in Böden oder Wandbereiche „einziehen“. Deshalb sind Böden und Teile der Wände speziell beschichtet. Auch die Abluft wird gefiltert und kontrolliert, was in solchen Anlagen den Übergang zwischen kontrollierten Bereichen und der Umgebung sicherstellen soll. Selbst organisatorische Details greifen deshalb tief in die Planung ein: Dem Bericht zufolge sollen die „künftigen“ Arbeitsplätze so gerichtet sein, dass etwa Essen nur in einem einzigen Raum erlaubt wird, um das Risiko einer ungewollten Kontamination außerhalb dieses Bereichs zu minimieren; Toiletten sollen im Kontrollbereich nicht vorgesehen sein, weil Abwasser sonst gesondert behandelt werden müsste.
Für das Projektmanagement rückt zudem die Frage nach dem finanziellen Effekt von Zeitverzug in den Fokus. EWN räumt ein, dass Verzögerungen bei einem Projekt dieser Größenordnung nicht ohne Auswirkungen auf die Kosten bleiben. Jede zusätzliche Phase im Bau, also jeder „zusätzliche Bautag“, bedeute Mehraufwendungen; entsprechend sei davon auszugehen, dass die Gesamtkosten steigen. Gleichzeitig bleibt die Betreiberin bei der Einordnung der Größenordnung zurückhaltend: Belastbare Zahlen könne man nicht beziffern, und auch im Jahr 2025 habe EWN keine Schätzung abgegeben. Als historischer Referenzpunkt war 2018 von mehr als 40 Millionen Euro die Rede; das Dokument erwähnt keine aktualisierte Prognose über dieses Niveau hinaus.
Historisch betrachtet steht die ZLH damit in einer Linie von Auf- und Ausbauschritten, die sich seit Jahren an den Rückbau realer Großkomponenten orientieren. Die Gründungsarbeiten waren Ende 2018 gestartet, im Sommer 2020 war der Rohbau der Zerlegehalle fertiggestellt. Das Projekt hatte demnach wiederholt Verzögerungen durch unterschiedliche Treiber, darunter auch die Corona-Pandemie. Für die kommenden Jahre bedeutet der neue Zeitplan, dass sich auch die Kopplung zwischen Abtransportlogistik, Zwischenlagerbetrieb und den nachgelagerten Entsorgungswegen weiter nach hinten verschiebt. Entscheidend wird dabei weniger eine einzelne Bauphase sein als das Gesamtbild aus Personalkapazitäten, Lieferketten, Montage- und Testfenstern für Kran, Fernbedienungs- und Abschirmsysteme sowie die durchgängige Dokumentation im Sicherheitskonzept – alles Punkte, die in der ZLH-Konstruktion und damit im Betrieb direkt miteinander verzahnt sind.
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