MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie im Auftrag der vbw quantifiziert die Abhängigkeit deutscher Unternehmen vom Binnenmarkt der EU deutlich. Rund 7,2 Millionen Arbeitsplätze hängen demnach an Exporten in andere EU-Länder. Insgesamt soll eine Bruttowertschöpfung von etwa 550 Milliarden Euro von der Nachfrage innerhalb der EU getragen werden. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse positive Effekte der Freizügigkeit im Schengen-Raum auf die Wirtschaft.

Die Studie von Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) macht eine für Entscheider klare Dimension sichtbar: Der Export innerhalb der EU ist nicht nur ein Konjunkturhebel, sondern ein tragendes Fundament für Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland. Für das Jahr 2022 beziffert die Auswertung den Beitrag des Exports in andere EU-Länder mit rund 7,2 Millionen Arbeitsplätzen. Die Größenordnung bezieht sich ausdrücklich auf die Nachfrage aus den EU-Mitgliedstaaten – nicht auf weltweite Absatzmärkte. Damit rückt weniger das Schlagwort „Internationalisierung“ in den Mittelpunkt, sondern die reale Frage, wie stark Produktions- und Lieferketten an die Wirtschaftslage im europäischen Binnenraum gekoppelt sind.
Auf der Wertschöpfungsebene stützt die Studie die Aussage mit einer zweiten, wirtschaftlich besonders greifbaren Kennzahl: Rund 550 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung hängen demnach an der Nachfrage aus anderen EU-Ländern. Interessant ist dabei die zeitliche Einordnung: Für aktuelle Jahre lägen die benötigten Daten noch nicht vor, weshalb sich die Aussage auf 2022 stützt. Gleichzeitig argumentieren die Autoren, dass die Bedeutung eher zu- als abgenommen haben dürfte. Das ist für viele Unternehmen relevant, weil Investitionsentscheidungen und Kapazitätsplanungen häufig auf Erwartungskorridoren basieren – und der Binnenmarkt im politischen und wirtschaftlichen Spannungsfeld heute wieder stärker als Stabilitätsanker betrachtet wird.
Auch die inhaltliche Begründung zielt auf die Struktur der deutschen Industrie. vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt betont, dass die EU im internationalen Vergleich für Deutschland deutlich wichtiger sei als andere große Wirtschaftsräume. Laut seiner Darstellung liefert der Binnenmarkt „stabile und verlässliche Rahmenbedingungen“, deren Gewicht angesichts wachsender geopolitischer Unsicherheiten weiter zunimmt. Das lässt sich technologisch und operativ übersetzen: Viele Produkte entstehen über spezialisierte Vorstufen, die über mehrere Länder hinweg abgestimmt sind. Entsprechend trifft eine Nachfrageschwäche nicht nur den Endabsatz, sondern wirkt durch die Netzwerkeffekte in der gesamten Lieferkette.
Besonders hohe Wertschöpfung in Deutschland, die auf Nachfrage aus der EU zurückgeht, nennen die Autoren unter anderem im Auto- und Maschinenbau sowie in der Chemie. Die Studie argumentiert, dass Schlüsselindustrien wie Kraftwagen- und Maschinenbau sowohl am stärksten von der europäischen Importnachfrage profitieren als auch strukturell eng in europäische Produktionsnetzwerke eingebettet sind. Das bedeutet: Selbst wenn ein einzelnes Unternehmen seine Fertigung optimiert, bleibt die Nachfrageabhängigkeit im Markt bestehen. Genau diese Kopplung birgt Risiken. Die Studie stellt deshalb auch eine Stagnation in anderen EU-Ländern in den Fokus und leitet daraus eine mögliche Reduktion des Bruttoinlandsprodukts bis 2030 um mehr als 20 Milliarden Euro ab – besonders spürbar bei Autobau, Maschinenbau und Chemie.
Für die Interpretation ist deshalb entscheidend, wie sich die Risikoquelle „EU-Nachfrage“ in der Praxis über Produktionsplanung, Einkauf und Personalplanung auswirkt. Eine Stagnation kann etwa bedeuten, dass Auslastungsgrade sinken, Lageraufbau nötig wird oder Entwicklungsbudgets verschoben werden. In der Konsequenz treffen solche Effekte häufig zuerst Branchen mit hoher Kapitalintensität und komplexen Wertschöpfungsketten. Dass gerade diese Bereiche hervorgehoben werden, passt zu typischen industrieökonomischen Mustern: Maschinenbau und Automobilindustrie benötigen planbare Nachfragefenster, um Kapazitäten und Zulieferverträge effizient zu steuern. Die Studie liefert damit eine ökonomische Brücke zwischen Marktvolatilität und unternehmensnahem Entscheidungsdruck.
Gleichzeitig betrachtet die Untersuchung nicht nur den Effekt von Exportnachfrage, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen der Freizügigkeit im Schengen-Raum. Summiert man deren Effekte für den Güterverkehr, den Tourismus und grenzüberschreitende Pendler aus Deutschland, kommen die Forscher auf einen positiven Effekt von 1,5 Milliarden bis 2 Milliarden Euro. Das ist ein wichtiger Kontrapunkt: Während die Exportabhängigkeit einseitige Konjunkturrisiken transportieren kann, stabilisiert die Mobilität innerhalb Europas zugleich realwirtschaftliche Austauschprozesse. Für Personal- und Standortentscheidungen ist das besonders relevant, weil Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Reduktion administrativer Reibung im Grenzverkehr direkt auf Durchlaufzeiten, Projektbesetzung und Betriebskosten wirken.
Aus der Schlussfolgerung ergibt sich für die Wirtschaftspolitik wie für Unternehmen gleichermaßen ein operativer Auftrag. Brossardt fordert demnach, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Der Binnenmarkt müsse weiter vollendet werden, indem Handelshemmnisse abgebaut werden. Damit wird aus der Studie mehr als eine Kennzahlensammlung: Sie liefert eine Argumentationslinie, die EU-Integration als produktionsnahe Infrastruktur beschreibt. Für Entscheider heißt das praktisch, bei Beschaffung, Engineering und Marktbearbeitung nicht nur auf Absatzmärkte zu schauen, sondern die Stabilität der europäischen Rahmenbedingungen als Teil der eigenen Risikoarchitektur zu behandeln.
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