BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – AOK-Chefin Carola Reimann hält die telefonische Krankschreibung in Infektionswellen für ein „gutes Mittel“. Sie argumentiert, damit ließen sich Ansteckungen vermeiden und medizinisches Personal schützen. Während der Corona-Zeit habe es laut Reimann keine Veränderung beim Krankschreibungsverhalten gegeben, zudem sei missbräuchliche Nutzung nicht feststellbar. Die geplante Abschaffung oder Verschärfung der Regel bewertet sie als untauglich für die Versorgung.

Die Diskussion um die telefonische Krankschreibung bekommt kurz vor der nächsten politischen Entscheidung neue Dynamik. AOK-Chefin Carola Reimann hat die Praxis in Zeiten von Infektionswellen verteidigt und sie als „gutes Mittel“ eingeordnet. In den Kern geht es dabei nicht um ein generelles Entweder-oder, sondern um die Frage, wie sich der Zugang zu Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen so organisieren lässt, dass sowohl Beschäftigte schnell versorgt werden als auch Arztpraxen bei hochansteckenden Verläufen nicht unnötig zusätzlich belastet werden.
Reimann macht dabei zwei Argumentationslinien stark. Erstens verweist sie auf das Infektionsrisiko bei persönlichen Kontakten. Zweitens betont sie, dass es aus ihrer Sicht keine Hinweise auf eine systematische Zweckentfremdung gebe. „Während Corona haben wir keine Veränderung im Krankschreibungsverhalten der Ärzte gesehen, und eine missbräuchliche Nutzung können wir auch nicht feststellen“, sagte sie laut Berichten. Die Begrenzung der telefonischen Krankschreibung auf einen klar definierten Rahmen ist dabei ein zentraler Punkt: Sie gelte „nur für persönlich bekannte Patienten“ und bei Infektionserkrankungen „für maximal eine Woche“.
Der politische Hintergrund ist bereits bekannt: Anfang Juli hatte eine schwarz-rote Koalition angekündigt, die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung abzuschaffen. Zugleich sollte die Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) auf den ersten Krankheitstag vorgezogen werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die Pläne demnach mit dem Ziel, den Krankenstand zu senken. Aus Sicht von Reimann geht dieser Ansatz jedoch an der praktischen Realität vorbei: „Wenn ab dem ersten Tag eine Krankschreibung vorliegen muss, bindet das eine unglaubliche Kapazität, die wir für die Versorgung nicht zur Verfügung haben.“
Besonders relevant ist, dass Reimann ihren Einwand nicht nur als grundsätzliches Ärgernis formuliert, sondern an ein konkretes Kapazitätsargument knüpft. Wenn ab dem ersten Krankheitstag eine Bescheinigung „in der Breite“ erforderlich wäre, müssten Praxen deutlich früher Termine oder strukturierte Abläufe schaffen. Dabei kann die Belastung in Infektionswellen schnell unübersichtlich werden, weil sich Auslastungsspitzen typischerweise mit Wellenbewegungen bei Atemwegsinfektionen überschneiden. Dass Arbeitgeber heute bereits verlangen können, Beschäftigte ab dem ersten Tag nachzuweisen, wird von Reimann als Gegenargument genutzt: „Schon heute könne ein Arbeitgeber verlangen, dass Beschäftigte ab dem ersten Tag eine Bescheinigung vorlegen.“ Eine Pflicht zur flächendeckenden Vorlage hält sie für „falsch“.
Für die Technik- und Organisationsperspektive in Unternehmen ist die Debatte vor allem ein Thema von Prozessdesign: Wie werden Krankmeldungen im Unternehmen, in HR und in der medizinischen Versorgung entlang von Fristen organisiert, ohne dass dadurch unnötige Kommunikations- und Abstimmungswege entstehen? Telefonische Lösungen wirken in diesem Zusammenhang wie eine Brücke zwischen medizinischer Notwendigkeit und organisatorischer Geschwindigkeit. Wenn die rechtliche Hürde dagegen stärker an den ersten Tag gekoppelt wird, wandern die Anforderungen in den kritischsten Zeitbereich. Genau dort treffen im Alltag auch oft die höchsten Abstimmungsbedarfe aufeinander: Dokumentation, interne Benachrichtigung, Vertretungsplanung und die Frage, wann die Behandlung medizinisch sinnvollerweise startet.
Historisch ist die telefonische Krankschreibung keine isolierte Reformidee, sondern eine von vielen Notfall- und Anpassungsmaßnahmen gewesen, die während der Corona-Pandemie an Bedeutung gewonnen haben. Damals wurde in kurzer Zeit überprüfbar, dass digitale oder telefonische Zugänge in bestimmten Fällen helfen können, Kontakte zu reduzieren, ohne den medizinischen Kernprozess zu verlieren. Reimanns Aussage, dass es „keine Veränderung“ im Krankschreibungsverhalten gegeben habe und missbräuchliche Nutzung nicht feststellbar gewesen sei, zielt genau auf die politische Kernfrage: Funktioniert das Instrument unter Nutzung klarer Bedingungen – und wie stark sind die Risiken in der Praxis?
Unter Marktgesichtspunkten bedeutet das: Jede Verschärfung kann Nebenwirkungen erzeugen, die in der öffentlichen Debatte häufig weniger sichtbar sind als die intendierte Senkung des Krankenstands. Wenn Dokumentationspflichten oder Terminzwänge den Verlauf bei leichten Infekten verändern, kann das dazu führen, dass Praxen stärker priorisieren müssen, statt Ressourcen für diejenigen zu reservieren, die medizinisch dringender erscheinen. Auch in der Arbeitnehmerperspektive kann ein früherer Nachweismechanismus zu organisatorischem Druck führen, etwa durch zusätzliche Wege oder Wartezeiten in Zeiten hoher Nachfrage. Umgekehrt sind klar definierte Regeln für Arbeitgeber und Versicherer wichtig, um Planbarkeit zu erhalten; die Herausforderung besteht darin, diesen Nutzen ohne Überlastung der Versorgung umzusetzen.
Für Arbeitgeber und öffentliche Träger bleibt die nächste Phase daher vor allem eine Frage der Vorbereitung: Selbst wenn einzelne Regelungsdetails sich ändern, müssen Unternehmen ihre internen Prozesse so gestalten, dass sie Dokumentationsanforderungen rechtzeitig abbilden und gleichzeitig die Kommunikation mit Beschäftigten im Krankheitsfall möglichst reibungsarm halten. Reimanns Position legt nahe, dass eine pauschale Pflicht „in der Breite“ medizinische Kapazitäten binden kann, die gerade in Infektionswellen benötigt werden. Ob die Politik den telefonischen Zugang weiter einschränkt oder differenzierter gestaltet, entscheidet sich damit nicht nur an der Zielkennzahl „Krankenstand“, sondern an der Frage, wie stark reale Versorgungsengpässe die Wirksamkeit der Maßnahme tatsächlich begrenzen oder sogar konterkarieren.
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