LONDON (IT BOLTWISE) – ZF treibt seine Neuaufstellung unter Vorstandschef Mathias Miedreich weiter voran und orientiert sich dabei an dem intern als „North Star“ bezeichneten Vorhaben. Die Zahlen zum ersten Halbjahr 2026 zeigen messbare Effekte: Das bereinigte EBIT stieg auf 964 Millionen Euro, der bereinigte Free Cashflow legte deutlich auf 989 Millionen Euro zu. Gleichzeitig liegen die Nettoverbindlichkeiten mit rund 9,8 Milliarden Euro noch immer auf hohem Niveau, und der Konzern senkt weiter Kosten sowie investiert selektiver. Bis 2030 soll in der Antriebssparte ein massiver Stellenabbau umgesetzt werden, während der Fokus auf profitablere Kerntechnologien verschoben wird.

Beim Umbau von ZF Friedrichshafen wirkt der Kurswechsel bereits in den Kennzahlen des ersten Halbjahrs 2026. Der Autozulieferer fährt zwar weiterhin gegen die Nachwirkungen der vergangenen Jahre, doch die operative Trendwende wird konkret: Der Umsatz lag bei 19,3 Milliarden Euro, nominal zwar um zwei Prozent unter dem Vorjahresniveau, bereinigt um Wechselkurse und Portfolioeffekte aber mit 0,5 Prozent organischem Wachstum. Entscheidend ist jedoch die Ergebnisentwicklung. Das bereinigte EBIT stieg auf 964 Millionen Euro nach 853 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, und die entsprechende Marge kletterte von 4,3 auf 5,0 Prozent. Genau diese Kombination aus Kosten-Disziplin und Profitabilitätsfokus ist das Fundament, auf dem „North Star“ als nächste Phase der Neuaufstellung aufsetzt.
Die finanzielle Entlastung zeigt sich ebenfalls im Cashflow, wo Strukturentscheidungen im Lieferantengeschäft besonders schnell spürbar werden. Der bereinigte Free Cashflow verbesserte sich kräftig von 465 Millionen auf 989 Millionen Euro. ZF nennt hierfür höhere Profitabilität, striktere Kostendisziplin sowie einen zurückhaltenderen Investitionskurs. Trotzdem bleibt Verschuldung ein zentrales Steuerungsproblem, weil sie sowohl Spielraum als auch Risikoprofil bestimmt. Zum 30. Juni lagen die Nettoverbindlichkeiten bei rund 9,8 Milliarden Euro, Ende 2025 waren es noch 10,2 Milliarden Euro. Auch wenn das ein Fortschritt ist, verdeutlicht die Größenordnung, dass der Konzern seinen Umbau weiterhin eng mit der Bilanz entkoppeln muss. Positiv ist dabei die Liquidität: ZF verweist auf einen Liquiditätsspielraum von mehr als sieben Milliarden Euro, was dem Management kurzfristig mehr Puffer für Transformationen gibt.
Dass der Druck nicht nur buchhalterisch ist, zeigt der Blick auf die Ergebnisse von 2025. ZF hatte damals einen Nettoverlust von rund 2,1 Milliarden Euro ausgewiesen, vor allem wegen einer einmaligen Belastung von rund 1,6 Milliarden Euro im Zuge der Neuordnung des Geschäfts mit elektrifizierten Antrieben. Der Auslöser waren vorzeitig beendete Projekte: ZF hatte sich mit Kunden darauf verständigt, mehrere Vorhaben zu stoppen, weil sie aufgrund des verlangsamten Hochlaufs der Elektromobilität nicht die ursprünglich erwartete Profitabilität erreicht hätten. Solche Entscheidungen sind betriebswirtschaftlich schmerzhaft, können aber verhindern, dass weitere Verluste aus Verpflichtungen entstehen, die in späteren Jahren nicht mehr in die Zielmargen passen. In den Aussagen rund um die Jahreszahlen im März wird der strategische Wechsel deshalb auch deutlich: Nicht Umsatz und Größe stehen im Mittelpunkt, sondern Profitabilität und Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig nennt ZF den Abbau von Finanzverbindlichkeiten als eine der höchsten Prioritäten.
Konsequent dazu wird das Portfolio verkleinert und die Belegschaft dem neuen Zuschnitt angepasst. Ein konkreter Schritt ist der Verkauf des Pkw-Geschäfts mit Fahrerassistenzsystemen an den US-Konzern Harman; dafür wurde ein Unternehmenswert von 1,5 Milliarden Euro vereinbart. Der Abschluss soll vorbehaltlich notwendiger Genehmigungen im zweiten Halbjahr 2026 erfolgen, und die Erlöse sollen zum Schuldenabbau beitragen. Parallel will ZF sich stärker auf Kerntechnologien konzentrieren – darunter Fahrwerk, Antriebstechnik, Nutzfahrzeuge sowie industrielle Anwendungen. Daneben wurde die Windkraftsparte organisatorisch verselbstst ändigt, was zusätzliche strategische Optionen eröffnen soll, ohne dass ZF bereits den konkreten nächsten Schritt öffentlich in Stein gezeichnet hat. Auch personell wird spürbar umgebaut: Ende Juni 2026 beschäftigte der Konzern weltweit 149.675 Menschen, nach 153.153 Ende 2025. In Deutschland sank die Zahl von 49.210 auf 47.068, und schon 2024 hatte ZF einen Abbau von bis zu 14.000 Stellen in Aussicht gestellt.
Besonders weitreichend ist die Restrukturierung in der Antriebssparte, weil hier die Zielkonflikte zwischen Technologiewettbewerb, Investitionszyklen und Kostenstruktur besonders stark sind. ZF hatte sich 2025 mit Arbeitnehmervertretern auf eine Restrukturierung verständigt: Bis 2030 sollen dort rund 7.600 Stellen entfallen. Vereinbart sind unter anderem kürzere Arbeitszeiten, Altersteilzeit und Abfindungsprogramme. Gleichzeitig behält ZF die Sparte für elektrifizierte Antriebstechnologien im Konzern. Genau daran lässt sich der strategische Balanceakt ablesen, den „North Star“ adressieren dürfte: Nicht die komplette Technologielinie wird aufgegeben, sondern die Entwicklung und die damit verbundenen Verpflichtungen werden neu auf eine tragfähige wirtschaftliche Basis gestellt. Dass ZF zusätzlich die Investitionen und die Forschung und Entwicklung im ersten Halbjahr 2026 spürbar zurückgefahren hat, passt in dieses Muster: Die Ausgaben für F&E gingen um rund sieben Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zurück, die Investitionen in Sachanlagen sanken um rund 19 Prozent auf 600 Millionen Euro.
In diesem Kontext gewinnt das intern als „ZF North Star“ bezeichnete Projekt an Plausibilität, auch wenn noch kein vollumfängliches öffentliches Maßnahmenkonzept dazu unter diesem Namen vorgelegt wurde. Die Richtung lässt sich aber aus den bereits sichtbaren Entscheidungen ableiten: Schulden reduzieren, verlustreiche Projekte beenden, ausgewählte Aktivitäten verkaufen, Kosten senken und Investitionen stärker auf ausgewählte Technologien ausrichten. Für das Gesamtjahr hält ZF bislang an der Prognose fest: mehr als 38 Milliarden Euro Umsatz und eine bereinigte EBIT-Marge zwischen 4,0 und 5,0 Prozent. Beim bereinigten Free Cashflow sollen mehr als eine Milliarde Euro erreicht werden. Damit wäre die Sanierung schon im Ergebnisbericht sichtbar, aber nicht abgeschlossen. ZF muss weiterhin den tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen, die Transformation über Kapazitätsabbau treiben und zugleich genügend Mittel für Zukunftstechnologien bereitstellen. „North Star“ dürfte in dieser Logik der Name für die nächste Phase sein, in der Prioritäten, Ressourceneinsatz und Zielkonkretisierung noch stärker auf Profitabilität und Bilanzstabilität ausgerichtet werden.
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