PENTAGON / LONDON (IT BOLTWISE) – Masako Murphy und Laurie Laychak berichten, wie sich Trauer nach dem 11. September 2001 nicht mit Gedenkterminen erledigt. Stattdessen prägt sie den Alltag über Jahre hinweg – auch für Kinder, die eigene Gefühle zunächst nicht aussprechen können. Beide Frauen fanden in Programmen wie TAPS Halt und wechselten später in die Rolle derjenigen, die anderen Mut machen. Besonders eindrücklich schildern sie, wie Gespräche über Wut und Schuld erst möglich werden, wenn es einen geschützten Rahmen gibt.

Am 11. September 2001 endete für viele Familien plötzlich eine Sicherheit, die vorher selbstverständlich war. Für Masako Murphy beginnt die entscheidende Unterhaltung sogar erst nach dem Ereignis: Ihr Sohn konnte damals etwas nicht sagen – seine Wut auf den Vater. Der Ehemann war im Pentagon gestorben, und aus Sicht des Kindes blieb unverständlich, warum er das ankommende Flugzeug nicht bemerkt und entkommen war. Murphys Erkenntnis kam nicht aus dem Gespräch im Familienalltag, sondern über einen Mentor bei einem Trauer-Camp, der ihre Aufmerksamkeit auf das bislang Unsagbare lenkte.
Diese Wendung wirkt im Nachhinein fast wie eine technische Fehleranalyse in einem System, in dem bestimmte Zustände nie sichtbar wurden: Das, was außen wie eine „erledigte“ Phase von Trauer erscheint, ist innen oft noch nicht verarbeitet. Murphy beschreibt, dass es keine Zeit für Flucht gab und dass ihr Sohn zunächst die Lücke zwischen Beobachtung und Erklärung füllen musste. Erst als Mutter und Kind über das Geschehen sprechen konnten, ließ sich die Wut einordnen – nicht als Angriff auf die Person, sondern als Ausdruck von Angst, Hilflosigkeit und dem Bedürfnis nach Sinn. Für Murphy wurde damit klar: Die Katastrophe hört nicht an den Grenzen von Beerdigung, Gedenktagen oder Jahrestagen auf. Sie wird Teil des Familienlebens.
Auch Laurie Laychak ordnet die Verarbeitung von Verlust über genau diesen Mechanismus ein. Ihr Ehemann Dave war zum Zeitpunkt der Attacken als ziviler Budget-Analyst für das Department of the Army am Pentagon tätig; die beiden hatten sich dort sogar als junge College-Absolventen kennengelernt. Als Dave starb, war der Sohn neun und die Tochter sieben, Laychak hatte gerade 39 erreicht. Der Unterschied zur „normalen“ Trauerumgebung wurde für sie schnell sichtbar: Freunde und Verwandte konnten zwar Anteil nehmen, aber sie erreichten nicht denselben inneren Radius. Im Pentagon Family Assistance Center traf sie auf TAPS, und Laychak erinnert sich besonders an eine Schale mit Steinen, die Emotionen wie Angst, Wut und Traurigkeit symbolisierten – ein Bild, das das Chaos in benennbare, teilbare Bausteine übersetzte.
So entstand der zweite Schritt: aus dem Empfangen wurde das Geben. Als Laychak 2001 zunächst vor allem in einer 9/11-spezifischen Selbsthilfegruppe Halt fand, war das verfügbare Netz für trauernde Angehörige noch kleiner als es heute ist. Mit der Weiterentwicklung lokaler Care-Gruppen durch TAPS konnte sie später selbst mitwirken – nicht mehr als frisch Betroffene, sondern als Mentorin. Ihre Schätzung: Sie habe persönlich 40 bis 50 Menschen begleitet. Sie leitete sieben Jahre lang eine Care-Gruppe in Virginia und beobachtete, wie Teilnehmende vom frühen Stadium der Trauer in einen Zustand wechselten, in dem sie über Monate und Jahre wieder handlungsfähig wurden. Einige absolvierten sogar eine Peer-Mentor-Trainingsphase, um anschließend wiederum anderen Unterstützung zu geben – ein Kreislauf, der für Laychak spürbar „machtvoll“ bleibt.
Für Murphy konkretisiert sich derselbe Kreislauf an einer Stelle, die in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt: bei Kindern. Während Erwachsene Trauer häufig in Mustern von Rückzug oder stillem Aushalten ausdrücken, kann bei Kindern Wut eine „versteckte“ Form von Verarbeitung sein. Murphys Sohn hätte seine Empörung gegenüber dem Vater womöglich dauerhaft unterdrückt, wenn er nicht durch einen Mentor einen anderen Ort bekommen hätte, um dieses Gefühl abzuladen. Ohne diese Vermittlung musste er sich vermutlich mit der Frage beschäftigen, warum der Vater die Gefahr nicht „gesehen“ hat – obwohl die Realität anders war. Die Idee, dass ein Kind nicht nur vom Elternteil, sondern auch von einer zusätzlichen Bezugsperson verstanden werden kann, wurde damit für Murphy zur praktischen Erfahrung: Das Trauer-Camp wurde zur Art Lifeline, die schließlich sogar ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn erst ermöglichte.
Interessant ist dabei auch, wie sich die eigene Trauer über die Zeit neu positionieren kann. In den letzten Jahren kehrte Murphy bewusster an ihren Prozess zurück: Sie verbrachte Zeit in Japan und arbeitet an einem Buch in japanischer Sprache, weil sie der Ansicht ist, dass Trauerbetreuung dort noch nicht so weit verbreitet ist wie in den USA. Gleichzeitig nennt sie einen konkreten inneren Konflikt: Es gab Hinweise, nach dem Angriff nach Japan zurückzugehen, um näher bei der Familie zu sein. Murphy blieb jedoch in den Vereinigten Staaten – und sie betont, dass die Unterstützung, die sie hier fand, einen Unterschied machte. Für sie bedeutet das nicht nur „Heilung“ im engeren Sinne, sondern auch die Erkenntnis, dass Trauer nicht zwangsläufig privat bleiben muss, wenn Menschen dafür strukturelle Räume schaffen.
25 Jahre später sind die Kinder von damals Erwachsene, und die Witwen von damals bringen heute eigene Jahrzehnte an Erfahrung in die Begleitung anderer ein. Murphy und Laychak beschreiben, dass sie 9/11 nicht „hinter sich lassen“, wie man einen schlichten Zeitstempel hinter einem Datum vermuten könnte. Stattdessen bleibt die verstorbene Person in Geburtstagen, Schulabschlüssen, Familienereignissen und ganz gewöhnlichen Tagen gegenwärtig – Tage, die nicht automatisch auf eine nationale Erinnerungsliste gelangen. Während viele Menschen in weiten Teilen des Landes den 11. September einmal im Jahr präsent haben, bleibt er für diese Familien kontinuierlich spürbar. Und doch wächst parallel eine Community: Murphy erinnert sich an ein frühes TAPS-Treffen im Jahr 2002, als sie schätzt, dass weniger als 100 Menschen dort waren. Heute können Zusammenkünfte in die Tausende gehen. Sie wünscht sich, dass es nicht so viele gibt, die Hilfe brauchen – aber sie ist dankbar für das Netzwerk, das aus Betroffenen selbst aufgebaut wurde. Die Kernbotschaft, die Murphy weitergeben will, verdichtet sich in einem Satz: „Ich bin nicht die einzige.“
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