KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – An den Börsen steigen die Kurse trotz steigender geopolitischer Risiken und höherer Energiepreise. Ein Fondsmanager ordnet das Wachstum nun ein: Der KI-Boom befeuert die Erwartungen an Rechenzentren und Halbleiter, während der Konflikt selbst wirtschaftlich bislang begrenzt wirke. Gleichzeitig mahnt er, die Bewertung nicht mit dem realen Gewinnwachstum zu verwechseln. Für Anleger heißt das: Diversifikation statt blinder Index-Story.

Während im Nahen Osten ein militärischer Konflikt schwelt und Energiepreise für zusätzliche Unsicherheit sorgen, klettert die Börsenstimmung weiter Richtung Rekordzonen. Ein Teil der Erklärung liegt laut Fondsmanager Bert Flossbach darin, dass der KI-Run an der Börse wie ein Beschleuniger wirkt: Investitionen in Datenzentren, Halbleiter und KI-Infrastruktur treffen auf eine stark nach oben gerichtete Erwartungshaltung. Der zentrale Punkt ist weniger, dass Kriege keine Rolle spielen, sondern dass Kapitalmärkte kurzfristig häufig den nächsten Wachstumstreiber über alles andere stellen. So entsteht das Gefühl eines kollektiven Realitäts-„Versatzes“, der sich aber auch als kurzfristige Marktmechanik erklären lässt.
Technisch betrachtet ist der KI-Boom vor allem ein Infrastruktur-Phänomen. Moderne KI-Workloads erfordern riesige Rechenkapazitäten, leistungsfähige Beschleuniger und eine belastbare Lieferkette für Chips, Speicher und Netzwerkkomponenten. Daraus folgt eine Kaskade: Mehr Rechenleistung führt zu mehr Trainings- und Inferenzjobs, was wiederum mehr Kapazität in Rechenzentren nach sich zieht. Gleichzeitig steigen damit auch die Opportunitätskosten: Wer in den Ausbau investiert, erwartet nicht nur Umsatzwachstum, sondern vor allem eine Fortsetzung der Nachfrage. Genau in diesem Zusammenspiel aus Hardware-Upgrade-Zyklus und Software-Nutzung entsteht der Marktmechanismus, der die Aufmerksamkeit über geopolitische Schlagzeilen hinwegziehen kann.
Flossbach positioniert die Situation deshalb bewusst gegen eine dramatische „Krisen gleich Blase“-Lesart. Seine Argumentation lautet, dass der aktuelle Konflikt vor allem regional wirke und Deutschland bislang weniger unmittelbar betreffe als frühere Ölkrisen. Zwar seien Rohstoffe und Energie teils knapper geworden, doch vorerst übertrage sich das weniger in strukturelle Knappheiten, sondern eher in höhere Preisniveaus. Ein wichtiger Vergleichspunkt ist, dass Märkte in der Vergangenheit echte Versorgungsbrüche stärker einpreisten als heute. Wer diese Historie kennt, erwartet nicht automatisch die gleiche wirtschaftliche Bremswirkung. Damit verschiebt sich der Fokus von kurzfristigen Schocks hin zu Bewertungsfragen und Nachhaltigkeit der Unternehmensgewinne.
Gerade hier setzt die zweite Warnung an. Der Fondsmanager lehnt den Begriff „Blase“ für KI bewusst ab, weil Künstliche Intelligenz als Megatrend Geschäftsmodelle langfristig verändert. Die eigentliche Unruhe entsteht jedoch aus der Diskrepanz zwischen Kursentwicklung und fundamentalen Kennzahlen. Wenn sich Aktienkurse von KI-getriebenen Playern seit Mitte der 2010er Jahre deutlich stärker bewegen als ihre ausgewiesenen Gewinne, entsteht ein Bewertungsdruck: Nicht jede Technologiespur im Halbleiter-Ökosystem kann dieselbe Rendite realisieren. Flossbach unterscheidet deshalb zwischen Unternehmen mit belastbaren Wettbewerbsvorteilen und Segmenten, in denen die Preis- und Nachfrageannahmen schneller kippen könnten.
Ein praktisches Bild dazu liefert der Vergleich innerhalb der Chip-Wertschöpfungskette. Bei Herstellern wie NVIDIA und bei breiter diversifizierten Spezialisten wie Broadcom argumentiert er mit technologischer Stärke und einem „Burggraben“-Effekt gegenüber Wettbewerbern. Diese Unternehmen profitieren häufig von mehreren Faktoren gleichzeitig: schneller Innovationszyklen, hoher Ökosystembindung, integrierter Software-/Hardware-Stacks und Kundenanforderungen, die nicht über Nacht austauschbar sind. Gleichzeitig sieht er bei Herstellern von Speicherchips ein größeres Fragezeichen. Dort können Angebotsschübe, Zyklusabhängigkeit und Preisdruck die Rechnung schneller verändern. Für Anleger heißt das: Die KI-Erzählung gilt, aber die Renditepfade sind unterschiedlich verteilt.
Historisch erinnert die Diskussion an den Dotcom-Boom um die Jahrtausendwende, als das Narrativ um Internetunternehmen mit starken Kursanstiegen einherging. Der entscheidende Unterschied liegt nach Flossbach darin, dass die Finanzierung früher häufig stärker über Verschuldung lief und viele Firmen kaum nennenswerte Gewinne vorweisen konnten. Heute dagegen fließen KI-Investitionen laut Branchenberichten in Größenordnungen, die von großen Technologieplattformen geplant werden, während die Finanzierung stärker aus laufenden Umsätzen kommt. Dennoch bleibt die Bedingung entscheidend: Die Investitionen „rechnen sich“ nur, wenn KI-Umsätze und Ergebnisbeiträge Schritt halten. Genau diese Klammer ist das zentrale Risiko, denn sie entscheidet darüber, ob Kursfantasie in nachhaltige Cashflows übersetzt wird.
Für Privatanleger wird das Thema konkret, wenn sie einen Weltaktienindex wie den MSCI World als bequeme Basis nutzen. Flossbach beschreibt das als „große Wette“ auf den KI-Boom, weil solche Indizes Technologie- und Wachstumstitel oft übergewichten. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Index schlecht ist, aber die Streuung schützt weniger gegen Trends, die ohnehin stark in den Index einkalkuliert sind. Gerade wenn ein Markt wie in den letzten Jahren von KI-Infrastruktur und Halbleiterliebe getrieben war, kann eine Rückkehr zu moderateren Renditen die Erwartungen enttäuschen. Wer weiterhin mit sehr hohen, kurzfristig eingepreisten Kursdynamiken rechnet, unterschätzt möglicherweise die Wahrscheinlichkeit von Korrekturen.
Strategisch empfiehlt der Fondsmanager daher eine Portfoliokonstruktion, die nicht allein auf Aktien setzt. Seine Faustidee ist eine Mischung aus Aktien, Cash und Gold. Gold versteht er dabei weniger als Renditevehikel, sondern als Versicherung gegen Geldentwertung und geopolitische Unsicherheiten. Gleichzeitig betont er, dass auch bei Gold Anpassungen möglich sein können, wenn das Risikoprofil sich verändert. Anleihen könnten kurzfristig Stabilität bringen, seien aber angesichts von Inflationserwartungen und Risikoaufschlägen derzeit nicht besonders attraktiv. Der Kernpunkt ist weniger die genaue Quote, sondern die Passung zum eigenen Nervenkostüm: Korrekturen im Aktienmarkt von 20 Prozent sind möglich, ohne dass die langfristige Strategie zwangsläufig scheitert.
Auch das Thema Liquidität spielt eine Rolle, insbesondere bei alternativen Anlagen. Flossbach rät von sogenannten Private-Markets-Investments ab, also nicht-börsennotierten Beteiligungen oder privaten Krediten, die häufig als illiquide gelten. Der praktische Nachteil für Kleinanleger liegt laut seiner Einschätzung in der schwereren Bewertbarkeit und darin, dass Transparenz über die enthaltenen Investments begrenzt sein kann. In einem Umfeld, in dem KI-Investitionen zwar den Markt treiben, aber Bewertungsrisiken wachsen, ist Liquidität ein unterschätzter Sicherheitsfaktor. Hinzu kommt: Bei komplexen Vehikeln können rechtliche und regulatorische Anforderungen an Reporting, Interessenkonflikte und Informationspflichten je nach Struktur variieren. Für professionelle Entscheidungsträger wird das Thema damit auch zu einer Frage der Governance, nicht nur der Rendite.
Mit Blick auf die Zukunft bleibt die Lage eindeutig „KI-getrieben“, aber nicht „KI-gleich Risiko“. Technisch ist zu erwarten, dass der Ausbau von Rechenzentren und die nächste Generation von Beschleuniger- und Speichertechnologien weiterhin Investitionen anzieht. Gleichzeitig wird sich die Marktphase stärker auf Kennzahlen stützen müssen: Wer die Nachfrage nicht nur adressiert, sondern auch in Gewinne übersetzt, wird gegenüber Unternehmen gewinnen, die primär von Erwartungen profitieren. Experten dürften daher stärker differenzieren zwischen Plattformbetreibern, Chip-Ökosystemen und Infrastrukturkomponenten. Für Anleger ist die wahrscheinlichste Entwicklung eine Phase mit volatileren Seitwärts- oder Rücksetzer-Mechaniken, in der Diversifikation und Bewertungsdisziplin stärker zählen als reine Story-Käufe. Damit rückt das zentrale Managementthema in den Vordergrund: Risiken in Korrelationen, Bewertungsniveaus und Liquidität rechtzeitig zu steuern, während Regulatorik, Datenschutz und IT-Sicherheit als Rahmenbedingungen für KI-Projekte weiterhin an Bedeutung gewinnen.
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