ADELAIDE / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende entwickeln fortifizierte Getränkemischungen, die Nährstofflücken im All gezielt schließen sollen. Die Studie nutzt stabile Emulsionen, die sowohl in der Schwerelosigkeit als auch auf der Erde funktionieren. Im Fokus stehen vor allem Omega-3-Fettsäuren, um Knochen- und Muskelabbau während längerer Missionen abzumildern. Zusätzlich wird ein Ansatz diskutiert, der später Geschmacksoptionen und personalisierte Anreicherungen direkt im Bordalltag ermöglichen könnte.

Fortifizierte Getränke für Astronauten: KI-gestützte Nährstoff-Emulsionen im All?
Fortifizierte Getränke für Astronauten: KI-gestützte Nährstoff-Emulsionen im All? (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit der Aussicht auf längere Reisen jenseits der Erdumlaufbahn rückt ein altes Problem der Raumfahrt in den Mittelpunkt: Nahrung ist im All nicht nur Treibstoff, sondern auch ein Steuerparameter für Gesundheit. Während viele heutige Space-Foods vor allem auf getrockneten, lang haltbaren Komponenten basieren, fehlen in solchen Systemen häufig Vielfalt und eine bedarfsgerechte Nährstoffabdeckung. Forschende schlagen daher fortifizierte Getränke als Ergänzung zu klassischen Menüs vor, weil sie sich einfacher dosieren, anpassen und in standardisierten Abläufen bereitstellen lassen. Besonders relevant wird das, wenn mikrogravitätsbedingte Effekte auf Knochen und Muskulatur die Ernährung stärker als bisher erfordern.

Technisch knüpft der Ansatz an ein etabliertes Lebensmittelprinzip an: Emulsionen, also fein verteilte Tröpfchen einer Flüssigkeit in einer anderen, die sonst nicht mischbar wären. Die Studie beschreibt Formulierungen, die wasserlösliche Bestandteile wie Zucker sowie öl-lösliche Komponenten wie Aroma-Öle und Omega-3-Fettsäuren in einem stabilen Gemisch vereinen. Entscheidend ist dabei die Stabilität über zwei gravitative Zustände hinweg, denn im All verändern sich Strömungen und Sedimentationsprozesse. Die Forschungsgruppe setzt dafür auf ein kontinuierliches Verfahren, bei dem kleine Mengen Öl und Wasser fortlaufend zusammengeführt werden. Dabei helfen kapillare Kräfte und eine mikrofluidische Prozessführung, um die Emulsion gleichmäßig zu dispergieren.

Im ernährungsphysiologischen Kern geht es um zwei Felder, die in der Raumfahrtforschung immer wieder als kritisch gelten: der Verlust an Knochenmasse und die Abnahme der Muskel-Dichte. Zwar können hochintensive Widerstandsübungen einen Teil dieser Effekte abfedern, doch Ernährung muss als zweite “Stellschraube” hinzukommen. Die Autoren betonen Omega-3-Fettsäuren als Zielnutzen: Zum einen wird eine Unterstützung bei der Knochenbildung diskutiert, zum anderen soll die Substanz—unter anderem vor dem Hintergrund strahlenbedingter Belastungen—einen Schutzmechanismus unterstützen. In diesem Kontext lautet die Kernaussage sinngemäß, dass Nährstoffe in Mengen bereitgestellt werden könnten, die mit normaler Kost im Raum oft nicht erreichbar sind.

Für die praktische Umsetzung wurden nach Tests verschiedener Rezepturbestandteile schließlich mehrere Varianten ausgelegt, die systematisch kombinierbar sind. Dazu zählen unter anderem unterschiedliche Fettsysteme auf Kokosöl-Basis, Emulgatoren, Fruchtsäuren, Zucker, Aromakomponenten und Fischöl als Omega-3-Träger. Am Ende standen sechs Getränkerezepte mit variierbaren Parametern: zwei Süßegrade und drei Geschmacksrichtungen, darunter blumige und zitrusbetonte Profile. Eine Portion von 330 Millilitern liefert dabei—je nach Rezept—bis zu einem Drittel der empfohlenen Tageszufuhr an Omega-3-Fettsäuren. Die beobachtete Konsistenz wird als ähnlich einem flachen Softdrink beschrieben, der seine Kohlensäure verloren hat, was zugleich als Indikator für die Emulsionsstabilität dienen kann.

Auch wenn die Technologie im Labor entsteht, ist der Marktbezug klar: Space-Projekte konkurrieren nicht nur um Raketen und Kapseln, sondern zunehmend um die “Ecosystem”-Komponenten der Mission—inklusive Ernährung. In diesem Wettbewerb arbeiten diverse Organisationen und Anbieter an Raumfahrt-Mahlzeiten, etwa entlang von ISS-nahen Logistikketten und standardisierten Nahrungssystemen, die für Langzeitaufenthalte ausgelegt sind. Der vorgestellte Emulsions-Ansatz konkurriert dabei eher mit konservativen Getränkeformen und Pulver-/Riegelbasierten Nährstoffsystemen, weil er Frische, Anpassbarkeit und eine bessere sensorische Akzeptanz verspricht. Im Vergleich zu klassisch haltbar gemachter Nahrung bietet ein auf Emulsionen basierendes Getränkeformat außerdem potenziell eine schnellere Reaktion auf individuelle Bedarfe und Ernährungsziele.

Berichten zufolge ordnen die beteiligten Autorinnen und Autoren die microfluidische Technologie als “skalierbaren Baustein” ein, der sich sowohl auf der Erde als auch in mikrogravitativen Umgebungen einsetzen lässt. Volker Hessel hebt dabei die Passung des Systems hervor, um Emulsionen in unterschiedlichen Gravitationsbedingungen reproduzierbar herzustellen. Diese Einschätzung ist für die Marktdynamik relevant, weil die Herstellung an Bord—zumindest mittelfristig—immer stärker zu einem Zielbild wird: Nicht nur das Produkt, sondern auch der Produktions- und Dosierprozess müssen zuverlässig funktionieren. Für Entscheider ist das wichtig, weil jede neue Nahrungsvariante in der Raumfahrt an Qualifikation, Qualitätssicherung und Küchen-/Logistikprozesse anschließt.

Historisch betrachtet ist das Thema Nährstofflücken nicht neu: Schon frühe Langzeitprogramme erkannten, dass die abgeschwächte Alltagsbewegung und physiologische Anpassungen das Ernährungsprofil verändern. In jüngeren Arbeiten wurde zudem untersucht, wie sich Mikrogravität auf die Darmbarriere auswirkt—Stichwort “leaky gut”—und dadurch die Aufnahme bestimmter Nährstoffe verschlechtert. Parallel dazu explorieren Forschungsteams Nahrungsquellen, die unter Raumfahrtbedingungen wachsen oder verarbeitet werden können, etwa mikroalgenbasierte Ansätze. Der aktuelle Emulsionsfokus setzt sich damit als Ergänzung in eine Reihe: Statt die gesamte Ernährung umzubauen, wird ein gezieltes, verabreichbares Modul gebaut, das vorhandene Speisepläne sinnvoll erweitern kann.

Für das weitere Vorgehen nennen die Forschenden zwei zentrale Prüfpfade. Erstens soll untersucht werden, wie die Getränke sensorisch wahrgenommen werden—also Geschmack und Mundgefühl—unter realen Bedingungen in Schwerelosigkeit im Vergleich zur Erde. Zweitens steht die Haltbarkeit über die Dauer einer Raumfahrtmission im Fokus, denn Stabilität bedeutet nicht nur “sieht gleich aus”, sondern auch “bleibt sicher und unverändert in Qualität”. Aus Unternehmenssicht ist das die entscheidende Hürde für jede spätere Industrialisierung: Materialverträglichkeit, Emulsionsdrift, mikrobiologische Risiken sowie die Robustheit gegenüber Temperatur- und Transportprofilen müssen belastbar nachgewiesen werden. Zudem spielen regulatorische Aspekte wie Kennzeichnung, Nachverfolgbarkeit von Inhaltsstoffen und die Einhaltung von Lebensmittelsicherheitsstandards auch im Raumfahrtkontext eine wachsende Rolle.

Der Ausblick geht über einzelne Rezepturen hinaus und zielt auf Personalisierung im Bordalltag. Die Studie verknüpft den Gedanken, Ernährungsmonotonie zu reduzieren, mit dem Schließen kritischer Nährstofflücken. Konkret wird spekuliert, dass künftig dispensierfähige Systeme eine Auswahl an Geschmacksrichtungen anbieten könnten und gleichzeitig eine personalisierte Fortifikation—also eine bedarfsgerechte Anreicherung—zulassen. Das wäre aus technischer Sicht ein interessanter Schritt, weil es die Grenze zwischen “fertigem Produkt” und “konfigurierbarem Service” verschiebt. Für Entwickler und Zulieferer eröffnet das Chancen in Bereichen wie Dosierlogik, Inline-Qualitätsmessung, Rezept-Management und sicherer Prozessführung. Wenn sich diese Richtung in der Praxis etabliert, könnten fortifizierte Emulsionsgetränke zu einem Baustein werden, der Künstliche Intelligenz in der Planung zwar nicht zwingend ersetzt, aber bei der bedarfsgerechten Zusammenstellung von Missionsernährung deutlich unterstützen könnte.


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