KARLSRUHE / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesgerichtshof verhandelt am Mittwoch vier Verfahren rund um die Lieferung von Schutzmasken zu Beginn der Corona-Pandemie. Dabei streiten Unternehmen mit dem Bund über die Bezahlung bestellter Masken, nachdem bei einem Teil der Ware die Annahme verweigert worden war. Gleichzeitig klagt der Bund gegen ein Unternehmen auf Rückzahlung eines bereits gezahlten Preises. Ob es am selben Tag zu einer Entscheidung kommt, ist noch offen.

BGH verhandelt Corona-Masken-Streit: 4 Verfahren zur Zahlungspflicht
BGH verhandelt Corona-Masken-Streit: 4 Verfahren zur Zahlungspflicht (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe nimmt am Mittwoch mehrere zivilrechtliche Ansprüche aus der frühen Beschaffungsphase der Corona-Pandemie in den Fokus. Verhandelt werden insgesamt vier Verfahren, in denen Unternehmen mit dem Bund über die Zahlung für damals bestellte Schutzmasken streiten. Laut den Angaben im Verfahren geht es dabei um die Frage, ob der Bund die vereinbarte Vergütung schuldet, obwohl er bei einem Teil der Lieferung später die Annahme verweigerte. Um 10.00 Uhr startet die Verhandlung, ein Urteil am gleichen Tag ist jedoch ausdrücklich noch nicht gesichert.

Technisch wirkt der Streit auf den ersten Blick wie ein klassischer Handels- und Vertragsfall, juristisch entscheidet aber vor allem die Struktur der Beschaffungs- und Annahmebedingungen. Im Frühjahr 2020 hatte das Bundesgesundheitsministerium für die Beschaffung ein sogenanntes Open-House-Verfahren genutzt, um schnell unter anderem FFP2-Masken zu erhalten. Das Modell war darauf ausgelegt, dass jeder teilnehmende Anbieter den Zuschlag bekommt. Genau diese breite Teilnahme wird im Nachgang zum Konflikt: Es sollen deutlich mehr Firmen als erwartet mitgemacht haben, und bei einem großen Teil der Ware habe der Bund später die Annahme verweigert. Für die Unternehmen führt das zu der Kernfrage, ob trotz Annahmeverweigerung ein Kaufpreisanspruch besteht oder ob sich die Rechtsfolgen auf andere Weise aus dem Vertrag ableiten lassen.

In den jetzt in Karlsruhe verhandelten vier Akten zeichnet sich die Konfliktlage in zwei Richtungen ab. Drei Klagen betreffen Forderungen von betroffenen Firmen: Sie verlangen vom Bund den vereinbarten Kaufpreis für die bestellten Masken. Demgegenüber steht eine Klage des Bundes, die auf eine Rückzahlung zielt, und zwar gegen ein Unternehmen, das den bereits bezahlten Preis wieder herausgeben soll. Damit landet der Fall nicht nur bei der Frage nach Leistung und Gegenleistung, sondern auch bei der Systematik: Wie wirken sich Annahmeverweigerung, mögliche Leistungsrückstände und die konkrete Ausgestaltung der Vergütungslogik auf die jeweilige Anspruchsgrundlage aus?

Aus dem Prozesskontext lässt sich zudem erkennen, wie weit der Maskenstreit bereits fortgeschritten ist. Die vier Verfahren wurden zuvor am Landgericht Bonn und am Oberlandesgericht Köln verhandelt, bevor sie nun in letzter Instanz beim BGH landen. Das bedeutet, dass wesentliche Tatsachen- und Rechtsfragen bereits durch die Vorinstanzen bewertet wurden; der BGH prüft dann vor allem, ob die rechtliche Beurteilung trägt. Dass parallel insgesamt rund 90 Verfahren gegen den Bund laufen sollen, mit einem Streitwert von 2,3 Milliarden Euro, zeigt zugleich das Ausmaß: Es geht nicht um vereinzelte Lieferdetails, sondern um eine Vielzahl gleichgelagerter Konstellationen, die strategisch oft ähnliche Vertrags- und Annahmefragen berühren. Für Unternehmen ist das deshalb auch ein Signal, weil Musterentscheidungen im Regelfall Auswirkungen auf nachgelagerte Verfahren haben.

Markt- und Branchenbezug entsteht bei solchen Fällen weniger durch neue Produkte als durch die Stabilität von Beschaffungsmechanismen in Krisensituationen. Wenn ein Open-House-Verfahren sehr viele Anbieter anzieht, steigt zwar die Chance auf schnelle Verfügbarkeit, gleichzeitig wächst aber das Risiko, dass spätere Qualitäts-, Bedarf- oder Abnahmesituationen zu Streit über Vergütung führen. Für Handels- und Lieferketten bedeutet das: Selbst wenn eine Beschaffung zunächst auf Geschwindigkeit optimiert wird, bleibt die spätere Durchsetzbarkeit von Verträgen zentral. Der BGH-Termin in Karlsruhe ist damit auch eine Art Stresstest für die rechtliche Robustheit von Beschaffungsmodellen, die in kurzer Zeit funktionieren sollen und später vor Gericht Bestand haben müssen.

Für die nächsten Prozessschritte kommt es nun darauf an, wie der BGH die vertragliche Rollenverteilung bewertet: Wann wird aus einer Annahmeverweigerung eine rechtlich relevante Weichenstellung, und welche Ansprüche bleiben dann bestehen? Da offen ist, ob am selben Tag schon eine Entscheidung fällt, bleibt zunächst der Prozessverlauf entscheidend, einschließlich der rechtlichen Argumentationslinien der jeweiligen Parteien. Sollte der BGH die bisherigen Bewertungen der Vorinstanzen bestätigen, können sich für andere Verfahren klare Leitplanken ergeben. Sollte er einzelne Punkte anders gewichten, dürfte das die Vergleichs- und Verhandlungsbereitschaft vieler Beteiligter beeinflussen, insbesondere dort, wo es um denselben Beschaffungsanlass und ähnliche Liefer- und Annahmelagen geht. Unabhängig vom Ergebnis bleibt der Fall juristisch hochrelevant, weil die Dimension des Streitwerts zeigt, dass auch vermeintlich „administrative“ Beschaffungsdetails erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.


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