WALDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine interne SAP-Umfrage zeigt einen deutlichen Vertrauensrückgang in den Vorstand. Gleichzeitig berichten insbesondere jüngere Beschäftigte von positiver Dynamik rund um die KI-Transformation. Die Betriebsratswahl im März 2026 stärkte zudem die IG Metall deutlich, während Gehaltsanpassungen und neue Leistungsbewertungen für zusätzliche Spannung sorgen. SAP treibt trotz der inneren Reibungen die eigene KI-Roadmap voran und stellte auf der Sapphire-Konferenz unter anderem den KI-Copilot Joule in den Mittelpunkt.

SAP-Umfrage: Vertrauensverlust im Vorstand, IG Metall gewinnt bei Betriebsratswahl
SAP-Umfrage: Vertrauensverlust im Vorstand, IG Metall gewinnt bei Betriebsratswahl (Foto: IT BOLTWISE)
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Bei SAP verdichten sich derzeit die Signale aus dem Unternehmen: Eine im April 2026 durchgeführte interne Umfrage, die im Umfeld des SAP-Gesamtbetriebsrats als „#Unfiltered“ diskutiert wird, zeichnet ein polarisiertes Stimmungsbild. Während der „Grundton“ angespannt bleibt, weil Restrukturierungen und globale politische Veränderungen spürbar auf die Arbeitsrealität durchschlagen, sorgt ein unerwarteter Faktor für Differenzierung: Unter jüngeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dominiert eine spürbare Zuversicht in Bezug auf die laufende KI-Transformation. Genau diese Spannung zwischen Erwartung und Enttäuschung dürfte in den kommenden Monaten zum zentralen Konfliktfeld werden.

Konkret wird Vertrauen messbar weniger: Nur noch 54 Prozent der Befragten geben dem Vorstand ihr Vertrauen, ein Rückgang um fünf Prozentpunkte. Noch deutlicher wirkt die Veränderung bei der wahrgenommenen Umsetzungskompetenz der Strategie, die von 70 Prozent auf 63 Prozent fällt. Der Engagement-Index liegt bei 73 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau von vor drei Jahren, zuletzt sogar auf dem niedrigsten Stand seit 2020. Auch die Zukunftsblickstimmung fällt spürbar, denn lediglich 62 Prozent blicken optimistisch auf SAPs Richtung. Damit verschiebt sich die Arbeitspsychologie: KI-Initiativen werden zwar als Chance gesehen, aber nicht automatisch als Vertrauensanker.

Technisch betrachtet liegt der Schlüssel in der Kombination aus Prozessumbau und KI-Einführung, die sich im Alltag oft gegenseitig verstärken oder abkühlen kann. SAPs eigene Agenda fokussiert auf eine „Autonome Unternehmung“, in deren Zentrum der KI-Copilot Joule als zentrale Interaktionsebene steht. Solche Copiloten funktionieren typischerweise über eine Pipeline aus Kontextaufnahme (z. B. relevante Dokumente, Rollen- und Prozessdaten), Modellinferenz und kontrollierten Ausgabekanälen, die an Unternehmensworkflows gekoppelt sind. Für die Umsetzung heißt das: Neben dem Modellbetrieb braucht es saubere Zugriffskontrollen, ein feingranulares Rollenmodell und ein robustes Monitoring von Qualität sowie „Halluzinations“-Risiken. Gerade wenn parallel Leistungsbewertungssysteme und Rollenklarheit neu justiert werden, wird die Akzeptanz stark davon abhängen, ob KI-Resultate nachvollziehbar und arbeitsrechtlich sauber eingebettet sind.

Hier treffen dann zwei unterschiedliche Ebenen aufeinander: Einerseits signalisiert der Befragungsbefund, dass jüngere Beschäftigte die KI-Transformation positiv wahrnehmen. Andererseits werden neue Leistungsbewertungssysteme und ein steigender Bedarf an Rollenklarheit als Herausforderung für Führungskräfte beschrieben. Das ist für Enterprise-Software ein klassisches Muster: KI kann Prozesse vereinfachen, aber sie verändert Entscheidungslogiken und Informationsflüsse. Wenn Leistungskennzahlen neu definiert werden, verschiebt sich die Frage nach Fairness – etwa bei der Zuordnung von Verantwortung oder dem Umgang mit quantifizierbaren Beiträgen. Dass das Vertrauen in direkte Vorgesetzte bei 86 Prozent vergleichsweise hoch bleibt, deutet darauf hin, dass die Mikrostabilität im Team besser funktioniert als die Makrokommunikation über Strategie, Ziele und Tempo.

Auf dem Markt zeigt sich parallel, dass die Kosten und organisatorischen Hürden der KI-Einführung nicht nur SAP betreffen. Zwar liefert Salesforce im ersten Quartal 2026 einen Umsatzanstieg von 13 Prozent auf 11,1 Milliarden US-Dollar, doch der Ausblick fiel verhalten aus. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn KI-Features kurzfristig Umsatzhebel erzeugen, müssen Unternehmen gleichzeitig Integration, Change-Management, Datenqualität und Governance finanzieren. In Interviews und Branchenkommentaren wird diese Diskrepanz häufig als „Wettlauf zwischen Modellnutzen und Betriebsaufwand“ beschrieben. Bei SAP wird der Druck zusätzlich durch die Arbeitsmarktrealität verstärkt: Laut einer Studie von HR WORKS endeten in den letzten fünf Jahren 30 Prozent der Arbeitsverhältnisse, fast die Hälfte davon in 2024 und 2025. Hohe Fluktuation senkt die Fehlerkultur nicht, sondern erhöht den Bedarf an stabiler Planung.

Der Blick auf die Arbeitnehmerseite zeigt dabei, wie stark interne Macht- und Verhandlungsstrukturen den Technologierollout prägen. Bei der Betriebsratswahl im März 2026 konnte die IG Metall mit 24 Prozent der Stimmen und 11 von 45 Sitzen ihre Position festigen; die Wahlbeteiligung lag bei 37 Prozent. Gerade bei Themen wie Vergütung, Leistungsbewertungen und Rollenverteilung ist ein rechtssicherer Prozess entscheidend, weil damit nicht nur organisatorische Regeln, sondern auch arbeitsrechtliche und mitbestimmungsrelevante Rahmenbedingungen berührt werden. Zusätzlich verschärft die aktuelle Gehaltslogik das Bild: Niedrigere Stufen erhalten rund vier Prozent, höhere Stufen etwa 2,5 Prozent. Die Arbeitnehmervertretung kritisiert, dass weder Inflation noch Produktivitätsgewinne angemessen berücksichtigt würden – eine Debatte, die sich in Zukunft leichter entlang KI-bedingter Produktivitätsversprechen entzünden kann.

SAP selbst reagiert laut Angaben der Personalchefin Gina Vargiu-Breuer mit einer Reihe von Maßnahmen, darunter eine Überarbeitung des Vergütungssystems, mehr Rollenklarheit sowie verstärkte KI-Weiterbildungen. Auch hier zeigt sich die Enterprise-Realität: KI-Transformation wird häufig unterschätzt, solange sie nur als Produkt- oder Plattformthema betrachtet wird. In Wahrheit braucht sie Trainingsdesign (Rollenspezifika, Prompt- und Arbeitsweisen, Kriterien für Modelloutputs), Change-Kommunikation sowie klare Eskalationswege, wenn KI Entscheidungen beeinflusst. SAP verweist zudem auf positive Impulse der Sapphire-Messe Ende Mai, die in den April-Daten noch nicht abgebildet sein dürften. Das ist relevant für die Einordnung: Stimmungsdaten sind Momentaufnahmen, und externe Events können Erwartungshaltungen kurzfristig verschieben.

Aus regulatorischer und Datenschutz-Perspektive wird die Lage zusätzlich komplex, sobald ein KI-Copilot als „zentrale Interaktionsebene“ in HR- und Unternehmensprozesse hineinwirkt. In der EU ist dafür eine besonders strenge Kombination aus Datenschutz (z. B. Grundsätze der Zweckbindung, Minimierung, Transparenz), IT-Sicherheit (z. B. Schutz vor unbefugtem Zugriff und Prompt-Injection-artigen Angriffen) sowie dokumentierter Risikoanalyse erforderlich. Dass SAP 2026 15 neue Assistenten für das Personalmanagement ankündigt und die Technologie der 2025 übernommenen SmartRecruiters integrieren möchte, erhöht die Relevanz von Governance: Bei Recruiting und HR-Prozessen entstehen besonders sensible personenbezogene Daten, wodurch technische Schutzmaßnahmen wie Zugriffsbeschränkungen, Auditierbarkeit und nachvollziehbare Entscheidungsunterstützung an Bedeutung gewinnen. Branchenexperten betonen in diesem Kontext, dass Unternehmen weniger über „KI als Feature“ sprechen sollten, sondern über „KI als kontrollierten Prozess“.

Für die kommenden Monate lässt sich eine klare Zukunftslinie ableiten: Die positive Dynamik bei Jüngeren kann SAP helfen, aber sie ersetzt keine Vertrauensarbeit bei den übrigen Gruppen. Wahrscheinlich wird SAP stärker in Rollendefinitionen, Transparenz über Leistungskennzahlen und Weiterbildung investieren müssen, um die Diskrepanz zwischen KI-Euphorie und organisatorischer Belastung zu schließen. Gleichzeitig beobachten Unternehmen in Deutschland Wettbewerber wie Mercedes-Benz und Zalando, die ebenfalls mit Kostendruck, Verhandlungen mit Sozialpartnern oder Restrukturierungssignalen umgehen. Für Entwickler und Systemintegratoren eröffnet das zwei Chancen: Zum einen steigt die Nachfrage nach sicheren KI-Integrationen in HR-Workflows, zum anderen wird der Bedarf an MLOps-ähnlichem Betrieb (Monitoring, Modell- und Prompt-Governance, Qualitätssicherung) in Richtung „Compliance by Design“ wachsen. Wenn SAP die technische Roadmap mit arbeitsrechtlicher und datenschutzkonformer Steuerung zusammendenkt, könnte die KI-Transformation mittel- bis langfristig aus dem Stimmungsdilemma herausführen – gelingt das nicht, dürfte sich Polarisierung eher verfestigen.


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