LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Machiavellismus und Psychopathie in klassischen Fragebögen fast gleich aussehen, im Alltag jedoch getrennte psychologische Zustände bilden. Über 30 Tage erfassten Forschende mit einer Smartphone-Methode, wie sich manipulative Strategie und impulsives Risiko-Verhalten täglich verschieben. Damit rückt eine zentrale Messfrage in den Mittelpunkt: Sind das zwei Namen für dasselbe Muster oder tatsächlich unterschiedliche Dynamiken. Für Forschung, Diagnostik und datengetriebene Personal- sowie Präventionsansätze wird die Unterscheidung damit deutlich relevanter.

Wenn Psychologinnen und Psychologen über „Dark Triad“-Merkmale sprechen, wirkt die Grenze zwischen Machiavellismus und Psychopathie auf den ersten Blick oft unscharf. Klassische Persönlichkeitstests behandeln beide Tendenzen vielfach als eng gekoppelte Varianten eines antagonistischen Repertoires: manipulative Zielverfolgung auf der einen Seite, impulsives Regelbrechen und geringe Reue auf der anderen. Der neue Befund setzt genau dort an und macht eine Alltagsbeobachtung zum entscheidenden Prüfstein. Denn die Frage, ob zwei Konstrukte in Wahrheit „identisch“ sind, lässt sich nicht nur durch Momentaufnahmen im Labor oder durch retrospektive Selbstberichte klären, sondern durch die Dynamik über Tage hinweg.
Das Forschungsvorhaben ordnet die beiden Stile in die Dark-Triad-Systematik ein: Dazu zählen Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Machiavellistische Züge werden dabei mit einer strategisch-kalkulierten, eher zynischen Sicht auf soziale Situationen verbunden; Psychopathische Züge dagegen mit Impulsivität, hoher Erregungssuche und einem Mangel an Schuld- bzw. Reuegefühl. Dass sich beide in der Realität mitunter ähneln, liegt nahe: In der Kernidee teilen sie eine instrumentelle Haltung gegenüber anderen, also eine geringere Berücksichtigung von deren emotionalen Bedürfnissen. Umstritten ist jedoch, ob die scheinbare Ähnlichkeit nur aus Messartefakten entsteht oder ob tatsächlich zwei getrennte Zustände entstehen.
Genau dieses Messproblem wird in der Studie als „jangle fallacy“ diskutiert: Wenn zwei Konstrukte sich auf Testebene stark überlappen, aber von Forschenden unterschiedlich benannt werden, kann die Literatur fälschlich annehmen, es handele sich um klar unterschiedliche Phänomene. Umgekehrt können unterschiedliche Labels auch verdecken, dass zwei Konzepte in Wahrheit denselben psychologischen Kern abbilden. In Fragebogen-Settings zeigen sich häufig die erwarteten Überlappungen: Wer hohe Machiavellismus-Werte erzielt, liegt bei psychopatischen Tendenzen oft ebenfalls hoch. Doch die Labordaten berichten gelegentlich eine andere Sprache, etwa mit guter Verzögerungsfähigkeit und einer Fähigkeit zum nicht auffälligen Regelverstoß auf Seiten des Machiavellismus, während Psychopathie eher mit impulsivem, regelwidrigem Handeln ohne lange Planung einhergeht.
Technisch und methodisch spannend ist nun der Ansatz, der die „statische“ Sicht von Tests mit einer „dynamischen“ Sicht von Zuständen kombiniert. Die Studie trennt bewusst zwischen Persönlichkeitseigenschaften (Traits) und Persönlichkeitssituationen (States): Traits beschreiben ein relativ stabiles Grundmuster über das Leben, States dagegen, wie jemand in einer konkreten, kurzfristigen Phase handelt oder fühlt. Um diese Unterscheidung empirisch zu nutzen, arbeiteten die Forschenden mit einer Experience-Sampling-Methode: 317 Erwachsene in Polen beantworteten 30 Tage lang abends kurze Umfragen über eine Smartphone-App. Damit werden Schwankungen sichtbar, die bei einmaligen Befragungen typischerweise gemittelt und damit unscharf werden.
Die Befragungslogik war darauf ausgelegt, Zustände direkt zu operationalisieren. Für machiavellistische States wurden Aussagen wie „Ich behielt ein niedriges Profil, um an mein Ziel zu kommen“ oder „Ich mied direkten Konflikt, weil diese Person später nützlich sein kann“ herangezogen. Psychopathische States wurden mit Items wie „Ich geriet in eine gefährliche Situation“ oder „Ich habe die Kontrolle über mich verloren“ erfasst. Anschließend prüften die Autoren, ob die täglichen Antworten statistisch eher zu einer gemeinsamen Kategorie zusammenfallen oder ob sich zwei klar getrennte Muster abbilden lassen. Auf Trait-Ebene schienen sich beide Tendenzen stark zu überlagern, auf State-Ebene jedoch nicht.
Das Ergebnis liefert die entscheidende Wende: Im Durchschnitt über die 30 Tage, also auf der Basisebene, überlappten Machiavellismus und Psychopathie in einem Ausmaß von über 70 Prozent—ein Befund, der gut zu klassischen Tests passt. Doch sobald die Tagesfluktuationen innerhalb derselben Person betrachtet wurden, fiel die Überlappung auf etwa 16 Prozent. Mathematische Modellvergleiche unterstützten dabei die Annahme, dass das tägliche Muster deutlich besser durch zwei Kategorien erklärt wird. Für die Praxis bedeutet das: Eine Person kann einen stark machiavellistischen Tag erleben, ohne automatisch auch einen stark psychopatischen Tag zu erleben. Schon diese Entkopplung spricht gegen die vollständige Gleichsetzung beider Konstrukte.
Noch deutlicher wird die Dynamik, als die Studie untersucht, wie sich Verhalten am Folgetag verändert. Die Forschenden finden eine gerichtete Beziehung: Ein Anstieg machiavellistischer Zustände am Montag geht mit einer Zunahme impulsiv-antisozialer Verhaltensanteile am Dienstag einher. Umgekehrt sagt ein psychopatischer Anstieg an einem Tag keinen verlässlichen Zuwachs an machiavellistischen Zuständen am nächsten Tag voraus. Diese Asymmetrie verweist auf eine mögliche Rolle von Risikoabschätzung und Selbstkontrolle. Der Machiavellismus könnte demnach zunächst eine Art „Verzögerungs- und Kontrollmodus“ aktivieren, der erst dann bricht, wenn ein Kontext als sicher genug erscheint oder ein Ziel erreicht ist.
Die interpretierte Logik ist dabei nicht bloß semantisch, sondern funktional: Machiavellistische Strategien lesen die Umwelt als Risiko- und Erfolgslandschaft. Wenn die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden hoch ist, spricht die Logik für Zurückhaltung—bis sich das Fenster verbessert. Psychopathie dagegen wird mit schlechter Impulskontrolle und geringer Furcht verknüpft: In einem psychopatischen State wird Aggression oder Regelbruch eher in den Vordergrund gedrückt, auch wenn Konsequenzen drohen. Die beobachtete „Einbahnstraße“ passt daher zu einem Szenario, in dem Strategien kurzfristig restriktiv wirken, aber in späteren Phasen in ein impulsiveres Handeln übergehen könnten—während der umgekehrte Weg statistisch weniger robust erscheint.
Wie bei jeder Studie gibt es Grenzen, die für die Einordnung zentral sind. Das Sample bestand überwiegend aus jungen, gebildeten Frauen aus einem osteuropäischen Kontext mit moderaten Individualismuswerten. Da Männer in antagonistischen Persönlichkeitsmaßen häufig höhere Ausprägungen zeigen, könnte die Varianz in den Daten begrenzt sein und Effekte in anderen Gruppen anders aussehen. Zudem erfolgte die Datenerhebung nur einmal täglich abends; dadurch können schnelle Zustandswechsel über Stunden hinweg unsichtbar bleiben. Zukünftige Designs mit häufigeren Abfragen, stärkerer Kontext-Sensitivität und der Identifikation konkreter Auslöser (etwa soziale Konflikte, Belohnungserleben oder Stress) könnten die Mechanismen noch präziser lokalisieren.
Für die Forschung und für Anwendungen im Unternehmen ist die Konsequenz klar: Wenn Machiavellismus und Psychopathie nur auf Trait-Ebene ähnlich erscheinen, aber auf State-Ebene unterschiedliche Dynamiken abbilden, dann verändert sich die Messanforderung. Ein Ansatz, der nur einmal pro Jahr standardisiert testet, riskiert die falsche Generalisierung von „antagonistischen Potenzialen“ auf konkrete Handlungsphasen. Das ist relevant für Präventionsprogramme, Compliance-Trainings und auch für datengestützte HR-Workflows, die Verhalten statt nur Selbstauskünfte bewerten wollen. Vergleicht man diese Logik etwa mit etablierten Laborparadigmen oder mit Big-Five-orientierten Fragebogenverfahren, wird deutlich: Die tägliche Messung liefert zusätzliche Information über Risiko- und Selbstkontrollprozesse, die klassische Messungen glätten.
Gleichzeitig sollte man nicht in die Falle „einmal alles getrennt“ tappen. Die Studie liefert frühe Evidenz für getrennte tägliche Ausdrücke, bestätigt aber nicht jede Detailhypothese zu Umweltfaktoren. Für Unternehmen heißt das: Sobald man mit Zustandsdaten arbeitet, muss man Datenschutz und Sicherheitskonzepte besonders ernst nehmen—gerade weil wiederkehrende Smartphone-Interaktionen potenziell sensible Verhaltenssignale erzeugen. Aus regulatorischer Sicht ist eine strikte Zweckbindung, Transparenz und datensparsame Gestaltung entscheidend, falls solche Ansätze jemals in Screening- oder Coaching-Kontexte übertragen werden. Unabhängig davon verschiebt der Befund den Diskurs: Die Unterscheidung von Machiavellismus und Psychopathie ist im Alltag nicht nur „akademische Wortklauberei“, sondern messbar.
Veröffentlicht wurde die Arbeit unter dem Titel „The (in)distinguishability of Machiavellianism and psychopathy? Discovering the daily dynamics“ im Journal of Research in Personality. Für die nächsten Schritte ist damit wahrscheinlich, dass die Debatte stärker über Zustandsmodelle, zeitliche Vorhersagen und Kontextvariablen geführt wird—und weniger über die Frage, ob es „zwei Namen für dasselbe“ sind. Wenn sich die beobachtete gerichtete Dynamik in breiteren, geschlechts- und kulturdiversen Stichproben bestätigt, könnte das nicht nur die psychologische Diagnostik verfeinern, sondern auch zeigen, wie präzise Risiko- und Kontrollmechanismen in der Verhaltensentwicklung wirken.
💳 Amazon-Kreditkarte mit 2.000 Euro Limit bestellen!
🔥 Heutige Hot Deals bei Amazon: Bis zu 80% Rabatte!
🎉 Amazon Haul-Store für absolute Schnäppchenjäger!
- ★ 23-stufiges KI-Go-Training – Für Spieler mit Grundkenntnissen der Regeln – Entwickelt als intelligenter Trainingspartner passt sich die KI Spielern von 18K bis 9D an. Ideal für alle, die die Grundregeln bereits beherrschen und ihr Spiel verbessern möchten.
- IHR EMOTIONALER AI-BEGLEITER: Eiliko ist mehr als nur ein Anhänger, es ist ein charismatischer KI-Freund. Mit einem dynamischen LED-Bildschirm, der eine Vielzahl von animierten Gesichtern und Ausdrucksformen anzeigt, reagiert er auf Ihre Interaktionen mit einzigartiger Persönlichkeit und Charme.
- 【MEHR LEBEN FÜR DEINEN SCHREIBTISCH】 Lerne Eilik kennen – deinen kleinen Roboter-Freund mit Persönlichkeit. Mit liebevollen Animationen, ausdrucksstarken Reaktionen und spielerischen Interaktionen bringt Eilik mehr Freude in deinen Alltag. Ob auf dem Schreibtisch, im Büro oder am Nachttisch – Eilik wird schnell zu einem vertrauten Begleiter für besondere Momente.
- 【XL-Größe für gedeihende Pflanzen】Geben Sie Ihren Pflanzen den Raum, den sie verdienen! Unser verbessertes, großes 13,7 cm großes Design bietet Platz für Pflanzen mit einem Durchmesser von bis zu 8,9 cm und damit deutlich mehr Platz für Wurzelwachstum und Pflanzengesundheit im Vergleich zu kleineren, veralteten Modellen. Die Produktabmessungen betragen 13,6 x 13,6 x 13,2 cm und das Gerät wiegt nur 355 g.
- V28 Update - JETZT MIT NEUEN FUNKTIONEN! Als Reaktion auf das Ladeproblem von Loona haben wir das automatische Aufladen 2.0 verbessert. Diese Optimierung hilft Loona, die Ladewege in verschiedenen Szenarien zu erkennen und anzupassen, um die Erfolgsquote beim automatischen Aufladen zu erhöhen. Mobile Hotspots können sich mit Loona verbinden und überwinden WLAN-Einschränkungen, sodass Sie jederzeit und überall mit Loona interagieren können.
- Die besten Bücher rund um KI & Robotik!

- Die besten KI-News kostenlos per eMail erhalten!
- Zur Startseite von IT BOLTWISE® für aktuelle KI-News!
- IT BOLTWISE® kostenlos auf Patreon unterstützen!
- Aktuelle KI-Jobs auf StepStone finden und bewerben!
- Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen – wie KI uns rettet und bedroht | Der Neurowissenschaftler, Psychiater und SPIEGEL-Bestsellerautor von »Digitale Demenz«
Du hast einen wertvollen Beitrag oder Kommentar zum Artikel "Psychopathie und Machiavellismus: Warum sie im Alltag messbar unterschiedlich sind" für unsere Leser?


#Sophos
Es werden alle Kommentare moderiert!
Für eine offene Diskussion behalten wir uns vor, jeden Kommentar zu löschen, der nicht direkt auf das Thema abzielt oder nur den Zweck hat, Leser oder Autoren herabzuwürdigen.
Wir möchten, dass respektvoll miteinander kommuniziert wird, so als ob die Diskussion mit real anwesenden Personen geführt wird. Dies machen wir für den Großteil unserer Leser, der sachlich und konstruktiv über ein Thema sprechen möchte.
Du willst nichts verpassen?
Du möchtest über ähnliche News und Beiträge wie "Psychopathie und Machiavellismus: Warum sie im Alltag messbar unterschiedlich sind" informiert werden? Neben der E-Mail-Benachrichtigung habt ihr auch die Möglichkeit, den Feed dieses Beitrags zu abonnieren. Wer natürlich alles lesen möchte, der sollte den RSS-Hauptfeed oder IT BOLTWISE® bei Google News wie auch bei Bing News abonnieren.
Nutze die Google-Suchmaschine für eine weitere Themenrecherche: »Psychopathie und Machiavellismus: Warum sie im Alltag messbar unterschiedlich sind« bei Google Deutschland suchen, bei Bing oder Google News!