BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Beschäftigte der Stahlindustrie machen mit einer Kundgebung in Berlin und Völklingen Druck auf die Bundesregierung. Die IG Metall warnt vor einem massiven Arbeitsplatzrisiko, sollte der Umbau zu grünem Stahl durch Energiepreise und die Ausgestaltung des EU-Emissionshandels ausgebremst werden. Laut Gewerkschaft ist die Produktion 2025 auf 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl gefallen – ein Tiefstand seit 2009. Zusätzlich kritisiert sie Schutzmaßnahmen und einen industriellen Strompreismechanismus als nicht ausreichend und zu kurz kalkulierbar.

Die Stahlindustrie steht in Deutschland unter simultanem Druck von Nachfrageflaute, steigenden Energiekosten und einer internationalen Wettbewerbsdynamik, die sich vor allem bei niedrig bepreistem „Billigstahl“ aus Asien zuspitzt. Genau an dieser Gemengelage knüpft die IG Metall mit Kundgebungen in Berlin und Völklingen an und adressiert dabei nicht nur kurzfristige Marktprobleme, sondern vor allem den teuren Übergang zu klimafreundlicher Produktion. Unter dem Motto „Stahl hat Zukunft – bei uns!“ marschierten rund 1.700 Beschäftigte aus mehr als 40 Betrieben vom Brandenburger Tor Richtung Bundeswirtschaftsministerium, um politische Planbarkeit einzufordern und die Zahl der gefährdeten Jobs in den Fokus zu rücken.
Im Kern geht es um die Frage, ob Unternehmen den Transformationssprung hin zu „grünem Stahl“ wirtschaftlich durchhalten können. 2025 sei die Rohstahlproduktion in Deutschland auf 34,1 Millionen Tonnen gefallen, wie die IG Metall berichtet – das markiert demnach den tiefsten Stand seit der Finanzkrise 2009. Diese Entwicklung wirkt sich typischerweise über mehrere Ebenen auf Arbeitsplätze aus: direkt in der Produktion, indirekt in der Instandhaltung und Logistik sowie mittelbar in Zulieferketten, die auf stabile Auslastung angewiesen sind. Die Gewerkschaft betont dabei, dass der Umbau nicht allein von den Beschäftigten getragen werden kann, wenn Infrastruktur, Energie und Klimakosten nicht kohärent abgefedert werden.
Technisch betrachtet entscheidet derzeit vor allem die Prozessroute über Kosten und Emissionen. Klassischer Hochofenstahl ist stark an Kohle gebunden, während klimafreundlichere Pfade zunehmend auf emissionsärmere Wege setzen, etwa über elektrische Lichtbogenöfen (EAF) mit deutlich verbesserter Stromeffizienz oder über wasserstoffbasierte Direktreduktion (H2-DRI) als Brücke zur Dekarbonisierung. Je nach Werkzustand, Strommix und verfügbarem Wasserstoff ergeben sich sehr unterschiedliche Investitions- und Amortisationsprofile. Genau deshalb spielt die Energiepreisgestaltung so stark in die industrielle Wettbewerbsfähigkeit hinein: Wenn Strom in der Transformation zum Kostentreiber wird, verschiebt sich die Entscheidung von Investitionen und führt im schlimmsten Fall zu Stillständen, Kurzarbeit oder Personalabbau.
Marktpolitisch verstärken sich die Sorgen, weil der Wettbewerb nicht bei reinen Prozessinnovationen endet. Zum einen konkurriert die europäische Stahlproduktion gegen Anbieter aus Regionen mit teilweise geringeren Energie- und CO₂-Kosten; zum anderen tragen Handels- und Zollmechanismen das Risiko, dass sich Verlagerungen der Lieferketten schneller vollziehen als der Strukturwandel der Werke. Innerhalb der Branche stehen besonders große Akteure wie ArcelorMittal und thyssenkrupp zugleich unter Innovations- und Renditedruck, was sich in Investitionszyklen und Prioritäten für Pilotlinien und Kapazitätserweiterungen zeigt. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Die IG Metall argumentiert, dass der notwendige Umbau zu grünem Stahl politisch so flankiert werden muss, dass Planungszeiträume im mehrjährigen Anlagenhorizont realistisch bleiben.
Dass die Debatte jetzt so scharf geführt wird, hängt auch mit dem europäischen Regulierungsrahmen zusammen. Die IG Metall warnt ausdrücklich davor, den europäischen Emissionshandel (EU-ETS) im Juli auf den Prüfstand zu stellen, weil damit nach ihrer Einschätzung „zehntausende Arbeitsplätze“ ins Risiko geraten könnten. Der Hintergrund: Unternehmen kalkulieren Klimakosten in ihre Produktionsentscheidungen ein, und die CO₂-Bepreisung wirkt sowohl als Innovationsanreiz als auch als kurzfristige Kostenkomponente. Wenn die Ausgestaltung so geändert wird, dass Investitionen ungewiss werden, sinkt die Bereitschaft, teure Dekarbonisierungsschritte konsequent umzusetzen. Umgekehrt kann eine zu aggressive Verschärfung ohne Übergangsunterstützung die Liquidität schwächen.
Auch die bisherigen Schutz- und Energieinstrumente reichen laut Gewerkschaft nicht aus. Die Bundesregierung habe zwar bereits einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen auf den Weg gebracht und die EU-Staaten Schutzmaßnahmen beschlossen, um heimische Produzenten gegenüber Importen abzufedern. Die IG Metall kritisiert jedoch, dass der Industriestrompreis zeitlich befristet ist, unter Finanzierungsvorbehalt steht und damit die erwartbare Wirkung in der Praxis nur sehr eingeschränkt entfaltet. Konkret bedeutet das: Unternehmen können zwar kurzfristig Kosten dämpfen, aber die langfristige Wirtschaftlichkeit von Umbauten bleibt zu unsicher. In der Folge wird die Transformation eher in „abwartende“ Zwischenlösungen gedrückt, statt in robuste Investitionsprogramme.
In Berlin bekam die IG Metall parteipolitische Unterstützung, die den Streit um die Industriepolitik in den parlamentarischen Kontext zieht. Die Vorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, sagte sinngemäß, Stahl sei systemrelevant, und die Krise sei nicht von den Beschäftigten verursacht, sondern eine Folge unzureichender Unterstützung beim Umbau. Auch der Grünen-Parteichef Felix Banaszak stellte sich hinter die Forderungen. Diese Allianz zeigt, dass es weniger um parteipolitische Kleinstunterschiede geht als um die Frage, ob der Standort Deutschland seine Produktionsbasis im industriellen Kernsektor bewahren kann, während gleichzeitig Emissionsziele erreicht werden müssen. Für die Arbeitgeberseite bedeutet das: Debatten über Energiepreise und Klimaregulatorik werden zunehmend direkt zu Standort- und Beschäftigungsfragen.
Der weitere Verlauf wird davon abhängen, ob Politik, Unternehmen und Tarifpartner die Transformationslogik enger verzahnen. Wenn die Unterstützung für Dekarbonisierungsinvestitionen – etwa für Wasserstoff- beziehungsweise Elektrifizierungspfade – ausreichend verlässlich wird, können Werke Kapazitäten umbauen, ohne die Belegschaften als „Anpassungspuffer“ zu verlieren. Andernfalls wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Stahlkrise in Form von struktureller Unterauslastung und Wettbewerbsnachteilen verfestigt. Für Entwickler und Zulieferer eröffnet sich dadurch zugleich ein klarer Bedarf: an Software für Energie- und Anlagensteuerung, an datenbasierter Prozessoptimierung sowie an Engineering für Hochlauf und Qualitätssicherung in neuen Produktionsrouten. Kurzfristig steht jedoch die politische Entscheidung über EU-ETS und Energiekompensation im Mittelpunkt, weil sie den Investitions-Takt vorgibt und damit darüber entscheidet, ob Arbeitsplätze im Übergang gesichert werden oder im Wettbewerb untergehen.
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