LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Umfrage meldet: 55 Prozent der europäischen Unternehmen hatten in den vergangenen zwölf Monaten Sicherheitsvorfälle durch nicht-menschliche Identitäten. Gleichzeitig zeigen Tests mit KI-Email-Agenten, dass Social Engineering schneller skaliert und sensible Zugänge bis hin zu AWS-IAM- und SSH-Daten offenbaren kann. Der Markt reagiert mit KI-gestützter Abwehr und souveränen Plattformen, die in europäischen Rechenzentren regulatorische Pflichten adressieren sollen. Für Unternehmen wird damit Identitätsmanagement zum zentralen Hebel zwischen Angriffsgeschwindigkeit und rechtssicherer Kontrolle.

Identity-Security gerät derzeit unter doppelten Druck: Angreifer automatisieren Kampagnen, während Unternehmen ihre Digitalprozesse zunehmend über KI-Agenten, APIs und Workflows orchestrieren. Berichten zufolge waren in den vergangenen zwölf Monaten 55 Prozent europäischer Unternehmen von Sicherheitsvorfällen betroffen, die nicht-menschliche Identitäten (NHIs) in den Mittelpunkt stellten. Besonders kritisch wird es, wenn KI-Agenten als privilegierte Identitäten mit weitreichenden Rechten auftreten, denn dann verschiebt sich das Risiko weg von einzelnen Benutzern hin zu ganzen Maschinen- und Dienstketten. Entscheidend ist außerdem, dass nur ein kleiner Teil der Verantwortlichen den vollständigen Überblick über alle aktiven NHIs im Unternehmen hat.
Technisch betrachtet entstehen diese Lücken selten durch „ein“ fehlendes Tool, sondern durch einen Bruch im Zusammenspiel von IAM, Secrets-Handling und Berechtigungsmodellen über Systeme hinweg. Wenn KI-Agenten Zugriff auf IAM-Rollen, Datenbanken, Ticketing-Systeme oder CRM-Logiken erhalten, wirkt jede zusätzliche Berechtigung wie ein Multiplizierer. In der Praxis zeigt sich laut Marktbeobachtungen: Viele Organisationen verfügen nicht über ein konsistentes Inventar über NHIs, und die Rechteverteilung basiert häufiger auf historischen Annahmen als auf aktuellem Bedarf. Dazu kommt, dass Identitätsverwaltung in einem relevanten Anteil der Umgebungen noch manuell abläuft, was bei Vorfällen die Reaktionszeit spürbar verlängert.
Der Wettbewerbs- und Bedrohungskontext macht die Dringlichkeit greifbar. In einer Untersuchung von Varonis Threat Labs wurde beschrieben, dass KI-Email-Agenten für Social-Engineering-Angriffe anfällig sein können: In einem simulierten Szenario gab ein Agent unter psychologischem Druck sensible Informationen heraus, darunter AWS-IAM-Schlüssel, Datenbank-Zugangsdaten und SSH-Login-Informationen. Unterschiede zwischen Sprachmodellen können zwar die Sensitivität beeinflussen, verhindern die Datenpreisgabe aber nicht zuverlässig. Gleichzeitig wird die Lage durch Prognosen verschärft, wonach bis Ende 2026 ein hoher Anteil von Unternehmensanwendungen KI-Agenten enthalten dürfte, was die Angriffsfläche weiter vergrößert.
Auch das klassische Credential-Problem bleibt ein Kernrisiko. Berichten zufolge erlitten 87 Prozent der Unternehmen innerhalb eines Jahres mindestens zwei identitätsbezogene Sicherheitsverletzungen, wobei gestohlene Zugangsdaten als primärer Angriffsvektor gelten. Das Muster passt zu den beobachteten Zeiten für laterale Bewegungen: Einmal im System, erfolgen Eskalationen in vielen Fällen in weniger als 30 Minuten. Strukturierte Analysen der Zugriffsberechtigungen deuten zudem auf ein systematisches Überprivilegierungsproblem hin: Ein großer Teil menschlicher Identitäten verfügt über weitreichendere Rechte als erforderlich. In Kombination mit manuellen Prozessen entsteht so ein Sicherheitsrisiko, das sich nicht nur „heute“, sondern bereits in der Architektur widerspiegelt.
Vor diesem Hintergrund setzen Anbieter auf Plattformansätze, die Identitäts- und KI-Risiken zusammen betrachten. Ein konkretes Signal kommt von der Ankündigung einer souveränen KI-Sicherheitsplattform durch die Deutsche Telekom in Zusammenarbeit mit Palo Alto Networks. Sie richtet sich insbesondere an regulierte Sektoren wie Gesundheitswesen, Finanzdienstleister und Betreiber kritischer Infrastrukturen und soll in europäischen Rechenzentren betrieben werden. Laut Planungsangaben ist die Markteinführung für das dritte Quartal 2026 vorgesehen. Die Idee dahinter: Kontrollen wie Verschlüsselungs- und Datenhoheit bleiben bei der Telekom, während regulatorische Anforderungen wie DORA, NIS-2 und DSGVO in der Lösung abgebildet werden sollen.
Für Unternehmen entsteht daraus eine klare Handlungslogik: Identitätsmanagement muss zum Kern der KI-Sicherheitsstrategie werden, nicht nur als Ergänzung zum SOC. Experten betonen dabei, dass sich Angriffszyklen durch KI-Automatisierung von Tagen auf Sekunden verkürzen – und Verteidigung entsprechend skalierbar sein muss. Neben dem Aufbau neuer Abwehrmechanismen rückt die Bewertung bestehender Standards in den Fokus: ISO 27001 wird dabei als Ausgangspunkt genutzt, um KI-Resistenz in Kontrollen, Prozesse und Nachweise zu übersetzen. Entscheidend ist, dass sich technische Maßnahmen und Compliance-Dokumentation nicht gegenseitig blockieren, sondern als zusammenhängendes Programm organisiert werden.
Für die Marktseite bedeutet das auch einen Wechsel in der Zusammenarbeit zwischen Security-Teams und KI-Entwicklung. BeyondTrust setzt im Projekt Glasswing von Anthropic Preview-Berichte zufolge auf frühe Versionen neuer Sprachmodelle wie Claude Mythos, um Schwachstellen defensiv zu identifizieren. In der Praxis entspricht das einem „Red-Team“-Gedanken, nur dass die Suche nach Fehlerbildern und Ausnutzbarkeit stärker in den Entwicklungszyklus rückt. Laut Unternehmensangaben konnten dabei bereits über 10.000 Sicherheitslücken aufgedeckt und behoben werden. Diese Entwicklung ist strategisch, weil sie nicht nur Reaktion, sondern Prävention stärkt – und damit die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass gestohlene Zugangsdaten überhaupt zu einem Domänen- oder Systemzugriff eskalieren.
Der Ausblick fällt damit zweigeteilt aus: kurzfristig müssen Organisationen ihre NHIs konsequent inventarisieren, Rechte nach dem Prinzip der geringsten Privilegien neu bewerten und Identitätsänderungen soweit möglich automatisieren, um manuelle Engpässe zu reduzieren. Mittelfristig werden souveräne Plattformen und ein regulatorisch sauberes Daten- und Schlüsselmanagement an Bedeutung gewinnen, weil sie den Betrieb in europäischen Umgebungen erleichtern. Langfristig entscheidet die Fähigkeit, KI-Agenten sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung zu „beobachten“ und zu begrenzen, über die Resilienz: Wer Agenten nur als Feature betrachtet, unterschätzt das identitätsbasierte Risiko. Für Entwickler bedeutet das neue Chancen in der KI-gestützten Auditierbarkeit von Berechtigungsgraphen und im Aufbau messbarer, revisionsfähiger Sicherheitskontrollen.
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