JENA / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor einer neuen Phishing-Variante, die nicht auf gefälschte Webseiten setzt. Stattdessen starten Angreifer Sitzungen in offiziellen Microsoft-Prozessen und bringen Betroffene dazu, Codes einzugeben oder Anmeldungen zu bestätigen. Dadurch erhalten die Täter gültige Zugriffstoken, ohne Passwörter zu kennen. Der Angriff macht deutlich, dass Multi-Faktor-Authentifizierung zwar blockiert, aber Mensch-in-der-Schleife-Autorisierung gezielt ausnutzt.

Phishing wirkt auf Unternehmen häufig wie ein klassisches Muster: Link anklicken, Passwort eingeben, fertig. Dass dieses Bild inzwischen zu kurz greift, zeigen die aktuellen Warnungen von ESET zur Kampagne „EvilTokens“. Die Angreifer umgehen dabei den gewohnten Hebel „gestohlene Zugangsdaten“ und verlagern den Fokus auf den Moment, in dem legitime Authentifizierungsvorgänge im Arbeitsalltag als verlässlich gelten. Kritisch ist, dass die Opfer dabei echte Anmeldeabläufe großer Plattformen durchlaufen, statt auf eine offensichtlich gefälschte Login-Seite zu geraten. Für Security-Teams bedeutet das: Die Abwehr darf sich nicht nur auf URL-Checks und Passwortschutz verlassen.
Technisch liegt die Wirksamkeit dieser Methode weniger in einer neuen Schwachstelle, sondern in der präzisen Ausnutzung von Trust-Ketten. Wenn Nutzer eine Bestätigungsanfrage eingeben oder einen Code autorisieren, bewertet das Authentifizierungssystem den Vorgang als von der berechtigten Person initiiert. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Phishing-„Formularen“ besteht darin, dass der Code nicht eine Aktion innerhalb einer vom Angreifer gesteuerten Betrugsseite auslöst, sondern eine Sitzung, die zuvor vom Angreifer vorbereitet wurde. Damit entstehen gültige Zugriffstoken, mit denen Angreifer anschließend auf E-Mails, Dateien oder weitere Cloud-Dienste zugreifen können—ohne das Passwort zu kennen.
Historisch betrachtet entwickelte sich Phishing über Jahre hinweg weiter: Von Passwortdiebstahl über das Umleiten auf gefälschte Webseiten hin zu Angriffen, die vermehrt auf Benutzerverhalten und Social Engineering setzen. Moderne Sicherheitsmechanismen und Nutzer-Schulungen machten „sichtbares“ Phishing weniger erfolgreich. Die aktuelle Welle zeigt jedoch, dass Angreifer nicht verschwinden, sondern ihre Betriebslogik ändern. Aus der Perspektive der Täter ersetzt die Interaktion mit dem Opfer den technischen Angriff: Der Nutzer wird zum Werkzeug, weil die Sicherheitsprüfung den legitimen Schritt „Autorisierung durch die Kontoinhaberschaft“ nicht als Täuschung erkennt. Genau diese Evolution beschreibt ESETs Sicherheitsexperte Philipp Plum als Wandel vom Passwortdiebstahl hin zur vom Opfer freigegebenen Autorisierung.
Im Markt taucht die Methode nicht isoliert auf. Sicherheitsforscher und Dienstanbieter wie Sekoia, Microsoft und Huntress berichten laut Branchenbeobachtungen über eine wachsende Zahl entsprechender Kampagnen. Dabei sollen bereits mehrere hundert Organisationen betroffen gewesen sein; Beobachtungen wurden unter anderem in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Deutschland gemacht. Diese Breite ist ein starkes Signal dafür, dass es sich nicht um eine lokale „Ausprobier“-Variante handelt, sondern um ein skalierbares Angriffsverfahren. Für Unternehmen stellt sich damit die Frage nach der Vergleichbarkeit mit anderen Abwehrstrategien: Während „URL-basiertes“ Filtern früher oft genügte, verschiebt sich der Wettbewerb jetzt deutlich in Richtung Identitäts- und Prozesssicherheit rund um MFA, Token und Sitzungsautorisierung.
Ein zentraler Expertenpunkt ist, warum selbst Zwei-Faktor-Authentifizierung nicht automatisch die letzte Bastion darstellt. Multi-Faktor-Authentifizierung blockiert vor allem automatisierte Angriffsversuche auf Benutzerkonten—laut Microsoft werden dadurch mehr als 99 Prozent solcher automatisierten Versuche gestoppt. EvilTokens zeigt jedoch eine andere Klasse von Angriff: keine klassische MFA-Umgehung durch Brute Force, sondern Manipulation des Menschen im richtigen Moment. Wenn die Freigabe durch den legitimen Nutzer erfolgt, behandelt das System den Vorgang als autorisiert und stellt damit die notwendigen Berechtigungen bereit. In der Folge reichen technische Regeln allein nicht aus; notwendig wird ein Kontrollrahmen, der „Warum“ und „Wofür“ einer Autorisierung prüfbar macht.
Für die Abwehr ergeben sich konkrete organisatorische und technische Implikationen. ESET empfiehlt, unerwartete Aufforderungen zur Eingabe von Anmelde- oder Gerätecoden grundsätzlich kritisch zu prüfen: Warum wird Authentifizierung verlangt, und welche Anwendung fordert Zugriff an? Besonders riskant sind Nachrichten mit Zeitdruck oder mit dem Wunsch nach sofortiger Bestätigung, weil sie die kognitive Prüfroutine der Mitarbeitenden unter Zeitstress setzen. Unternehmen sollten außerdem ihre Security-Awareness-Programme aktualisieren: Die alte Daumenregel „Echte Microsoft-Seite bedeutet echte Anfrage“ muss durch eine differenziertere Haltung ersetzt werden. Zusätzlich sollten Prozesse für das Abbrechen von Anfragen und das Erreichen des vermeintlichen Absenders über bekannte Kommunikationswege geübt werden.
Auf der Regulierungsebene ist die Lage ebenfalls relevant, weil Identitätsdaten und daraus abgeleitete Zugriffe typischerweise als schützenswerte Unternehmens- und Personendaten gelten. Selbst wenn Angreifer keine Passwörter stehlen, kann der Zugriff auf E-Mails oder Cloud-Dateien Datenschutzvorfälle auslösen. Daraus folgt, dass Unternehmen die Risiken von Identitätsmissbrauch in ihren Sicherheitskonzepten und Risikoanalysen stärker gewichten sollten. Auch Logging- und Monitoring-Strategien entlang der Identitätskette werden damit wichtiger: Auffälligkeiten bei Token-Ausgaben, ungewöhnlichen Autorisierungsfrequenzen oder Zugriffen nach Authentifizierungsereignissen sollten priorisiert ausgewertet werden. So wird aus einer reaktiven „Phishing-Erkennung“ eine präventive „Missbrauchserkennung“ im Identitätsworkflow.
Der Blick in die Zukunft zeigt, wie sich der Kampf um Identitäten weiter verschiebt. Angreifer werden voraussichtlich stärker versuchen, legitime Prozesse zu imitieren, weil nur so die Sicherheitsprüfung „formal korrekt“ wirkt. Für Entwickler und Administratoren ergeben sich zugleich Chancen: Je besser sich Zugriffstoken, Sitzungen und Autorisierungsgründe technisch kontextualisieren lassen, desto eher lassen sich Mensch-in-der-Schleife-Angriffe bremsen. Wahrscheinlich wird deshalb die Kombination aus restriktiveren Session-Policies, risikobasierten Authentifizierungsentscheidungen und feineren Berechtigungskonzepten weiter zunehmen. Wer jetzt Trainings, Incident-Playbooks und Identitätsmonitoring modernisiert, verbessert nicht nur die Abwehr gegen EvilTokens, sondern schafft auch eine robustere Grundlage für die nächste Generation identitätsgetriebener Angriffe.
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