ERFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Thüringer Unternehmen setzen immer stärker auf ausländische Arbeitskräfte: Der Anteil internationaler Beschäftigter erreicht inzwischen fast 23 Prozent der Firmen mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Besonders große Betriebe bauen internationale Teams systematisch aus, während viele kleinere Unternehmen noch zurückhaltend bleiben. Das liegt laut Branchenbeobachtern häufig an fehlenden Erfahrungen, Sprachbarrieren und organisatorischen Hürden. Für Unternehmen wird damit neben dem Recruiting auch die Compliance-Datenführung und langfristige Workforce-Planung entscheidend.

In Thüringen spüren Arbeitgeber den demografischen Druck zunehmend unmittelbar: Inzwischen beschäftigt fast jedes vierte Unternehmen mindestens eine ausländische Arbeitskraft. Wie aus den Angaben der Regionaldirektionen hervorgeht, gab es im vergangenen Juni in 11.725 Betrieben mindestens einen ausländischen Arbeitnehmer – das entspricht 22,8 Prozent der Firmen mit sozialversicherungspflichtigen Mitarbeitenden. Vor zehn Jahren lag der Wert noch bei 5.339 Betrieben. Für die Praxis bedeutet das: Internationale Rekrutierung ist längst kein Randthema mehr, sondern ein Bestandteil der mittelfristigen Personalstrategie, weil nachrückende Kohorten in vielen Branchen nicht ausreichend nachkommen.
Technisch betrachtet entscheidet nicht nur die Frage „Wie finde ich Mitarbeitende?“, sondern auch „Wie steuere ich den Prozess sicher und messbar?“ In vielen Unternehmen läuft das heute über HR-Workflows, die Dokumente, Freigaben und Statusdaten zentralisieren – von Bewerbungswegen über Onboarding bis zur Vertrags- und Meldekommunikation. Gerade bei internationalen Beschäftigten müssen Systeme häufig mehrere Datenquellen verbinden: Recruiting-Tools, Zeiterfassung, Payroll und rechtliche Prüflogiken. Wenn dabei etwa Beschäftigtendaten oder Qualifikationsnachweise personenbezogen verarbeitet werden, rücken Datenschutzkonzepte nach DSGVO in den Fokus, einschließlich Zweckbindung, Zugriffsrechten und Auditierbarkeit.
Der Markttrend zeigt sich zudem in der Entwicklung der vergangenen Jahre: Die Zahl der Unternehmen mit internationalen Beschäftigten hat sich seit 2015 mehr als verdoppelt. Für den Zeitraum 2020 bis 2025 wird in Thüringen ein Anstieg von 33 Prozent genannt – allerdings mit dem Hinweis, dass es im ostdeutschen Vergleich prozentual eher moderat war. Bundesweit betrug der Anstieg rund 16 Prozent. Auch die Beschäftigtenzahlen spiegeln die Richtung: Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 stieg die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ausländerinnen und Ausländer in Thüringen um knapp 5.000 auf 78.540, während die Zahl deutscher Beschäftigter um 13.810 auf 704.590 sank. Das macht deutlich, dass Arbeitskräftegewinnung zugleich Kompensation von rückläufiger Binnenverfügbarkeit ist.
Besonders groß ist der Hebel in großen Organisationen: Während bei Betrieben mit bis zu vier Beschäftigten nur etwa jeder zehnte Betrieb ausländische Arbeitskräfte einsetzt, liegt der Anteil bei Unternehmen ab mindestens 500 Mitarbeitenden bei mehr als 99 Prozent. Dennoch beschäftigen weiterhin fast drei Viertel der Unternehmen in Thüringen keine internationalen Arbeitskräfte. Arbeitsmarktexperten führen dafür typischerweise fehlende Erfahrungen, Sprachbarrieren sowie Unsicherheiten bei rechtlichen und organisatorischen Fragen an. Hier entstehen Wettbewerbsvorteile für HR-Softwareanbieter, die nicht nur „Bewerbungen verwalten“, sondern Prozesssicherheit liefern, etwa über Compliance-Templates, Rollenmodelle und konsistente Stammdatenlogik. Als Vergleich werden in der HR-IT-Landschaft häufig Systeme wie SAP SuccessFactors oder Workday genannt, weil sie die Orchestrierung über viele Rollen und Standorte hinweg unterstützen.
Ein weiterer technischer Blickpunkt ist die Skalierbarkeit in der Praxis. Internationale Teams funktionieren dann stabil, wenn sich die Organisation auf wiederholbare Muster stützt: standardisierte Onboarding-Schritte, strukturierte Sprach- und Qualifizierungsangebote, sowie klare Zuständigkeiten in der Personaladministration. Unternehmen müssen dabei auch die „Human Layer“ modellieren: Wissensübergabe, Dokumentationsqualität und Kommunikationsstandards lassen sich zwar nicht vollständig automatisieren, aber sie lassen sich über Rollen, Freigaben und Tracking in den HR-Prozessen besser steuern. Im Gegensatz zu kleinen Betrieben fehlt größeren Firmen meist die Notwendigkeit, alles bei Null aufzubauen, weil sie Datenmodelle, Rollen und Betriebsabläufe bereits etabliert haben.
Regulatorisch und datenschutzrechtlich ist die Gemengelage besonders sensibel. Sobald HR-Systeme Migrantenstatus, Qualifikationen oder Aufenthaltspapiere in irgendeiner Form verarbeiten oder verknüpfen, steigt die Verantwortung für rechtmäßige Verarbeitung, Datenminimierung und sichere Aufbewahrung. Dazu kommt, dass internationale Beschäftigung je nach Herkunftsland in unterschiedlich komplexen Rechtsrahmen eingebettet ist – mit Pflichten in Verwaltung, Meldewesen und Vertragsgestaltung. Für IT-Teams bedeutet das: weniger „nice to have“ bei Zugriffskontrollen, sondern harte Anforderungen an Berechtigungsmanagement, Löschkonzepte, Protokollierung und die Trennung von personenbezogenen Daten nach Zweck. In vielen Organisationen wird dafür die Zusammenarbeit zwischen HR, Legal und Security als fester Prozess etabliert.
Mit Blick auf die nächsten Jahre wirkt der demografische Wandel als struktureller Treiber. Wenn deutlich mehr Menschen in den Ruhestand gehen als nachrücken, wird Zuwanderung zur Notwendigkeit – nicht nur kurzfristig, sondern als planbarer Faktor der Workforce-Strategie. Gleichzeitig „sehen viele Verantwortliche noch Luft nach oben“, wie es in den Aussagen der Regionaldirektion anklingt. Für Unternehmen heißt das: Sie müssen Recruiting und Bindung als zusammenhängenden Kreislauf betrachten, inklusive Arbeitgeberkommunikation, Qualifizierungspfade und klaren Perspektiven. In der IT bedeutet das: Workforce-Planung wird zunehmend zu einem kontinuierlichen Prozess, bei dem Kennzahlen aus Recruiting und Fluktuation in ein Zielbild für Kapazitäten übersetzt werden.
Die wahrscheinlichste Entwicklung ist eine stärkere Professionalisierung entlang der gesamten Kette – von der Suche über die Anstellung bis zur nachhaltigen Integration. Für Entwickler und Anbieter von Enterprise-Software entsteht dadurch ein wachsender Bedarf an Integrationen: HR-Daten müssen mit rechtlichen Workflows, Schulungsanbietern und internen Kommunikationstools konsistent verzahnt werden. Technisch wird sich der Schwerpunkt weiter in Richtung „prozessfähige“ Daten verlagern, also in sauber modellierte Stammdaten, überprüfbare Statusübergänge und nachvollziehbare Berechtigungsketten. Marktseitig dürfte das dazu führen, dass sich kleinere Betriebe enger an HR-Services oder Standardprozesse binden, statt Insellösungen zu bauen. Damit steigt langfristig die Chance, dass internationale Teams nicht nur kurzfristig Lücken füllen, sondern als stabiler Kompetenzkern im Unternehmen ankommen.
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