GATERSLEBEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Rund um den Erbsenanbau in Sachsen-Anhalt rückt ein regionaler Protein-Cluster in den Fokus: Forschung, Züchtung und digitale Erfassung sollen aus dem „Nischenprodukt“ eine belastbare Wertschöpfungskette machen. Hintergrund ist der wachsende Markt für pflanzliche Eiweißquellen, der Flexitarier, vegetarische und vegane Produkte massiv antreibt. Entscheidend sind dabei neue robuste Erbsenlinien gegen Trockenheit und Krankheiten sowie standardisierte Verarbeitungsprozesse. Damit entsteht auch die Hoffnung, dass aus einem agrarischen Strukturwandel reale Jobs und neue Unternehmen in der Region entstehen.

Erbsen aus Gatersleben: Digitale Züchtung für neue Protein-Wertschöpfung
Erbsen aus Gatersleben: Digitale Züchtung für neue Protein-Wertschöpfung (Foto: IT BOLTWISE)
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In Gatersleben und der Region Sachsen-Anhalt verschiebt sich der Blick vom Feld hin zur Wertschöpfungskette: Die Erbse soll als regionaler Baustein für pflanzliche Proteine dienen und dabei gleich mehrere Engpässe der bisherigen Lieferwege adressieren. Während pflanzliche Schnitzel, Drinks und Proteinriegel längst im Handel angekommen sind, bleibt die Frage, wie zuverlässig und wirtschaftlich sich passende Rohstoffe vor Ort anbauen und verarbeiten lassen. Genau hier setzen Forschende und Unternehmen an, indem sie Erbsenanbau gezielt ausbauen und neue industrielle Schritte entwickeln, die Qualität messbar machen und Produktionsrisiken reduzieren.

Der Markt liefert dafür den wirtschaftlichen Taktgeber. Erbsenprotein konkurriert zwar weiterhin mit anderen pflanzlichen Quellen, doch die Nachfrage nach Eiweißalternativen steigt: Immer mehr Konsumenten verzichten zumindest teilweise auf Fleisch, und der Anteil flexibler Ernährungsstile wächst. In Sachsen-Anhalt zeigt sich das auch in den Anbaudaten: 2025 wurden auf rund 24.900 Hektar Futtererbsen angebaut, etwa 20 % mehr als im Vorjahr. Die Erntemenge stieg auf etwa 76.100 Tonnen und erreichte damit den höchsten Stand seit vielen Jahren. Diese Dynamik ist relevant, weil sie nicht nur den Rohstofffluss erhöht, sondern auch Verarbeitern Planungssicherheit gibt.

Die strategische Motivation dahinter ist klar: Erbsen gelten als vielversprechende Alternative zu importiertem Soja und lassen sich bereits heute in verschiedenen Produktkategorien einsetzen, von Fleisch- und Milchalternativen bis hin zu proteinangereicherten Lebensmitteln. Ein wichtiger Industrieknoten ist dabei die Entwicklung von Rezepturen und Zutaten, die die Funktionalität des Proteins im Endprodukt optimieren. Wie Branchenakteure berichten, hängt der Erfolg solcher Anwendungen häufig an der Proteinqualität, an konsistenten Inhaltsstoffprofilen sowie an verlässlichen Lieferchargen. Unternehmen wie Planteneers arbeiten daher an Zutaten und Rezepturen für pflanzliche Lebensmittel und sind in Forschungsverbünden eingebunden, um aus Anbauwerten nutzbare Industriewerte zu machen.

Im Projektverbund „Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten“ (DiP) soll aus dieser Kette ein echter regionaler Wettbewerbsvorteil werden. Der Hintergrund ist nicht nur landwirtschaftliche Modernisierung, sondern auch ein Strukturwandel im Rahmen des Kohleausstiegs, mit dem im Süden Sachsen-Anhalts eine Modellregion für nachhaltige Bioökonomie entstehen soll. Ein Teilprojekt, das sich speziell der Erbse widmet, verfolgt das Ziel, Anbau, Züchtung und Verarbeitung so weiterzuentwickeln, dass in der Region deutlich mehr Wertschöpfung bleibt. Gefördert wird das Vorhaben mit rund 105 Millionen Euro, wobei ein Schwerpunkt auf der Erhöhung der Wertschöpfung pro Hektar liegt, nicht allein auf Produktionsmengen.

Dass Erbsenprotein im Teller bereits beeindruckend funktionieren kann, zeigt eine frühe Praxis-Erfahrung aus dem Forschungsumfeld: Bei einer Projektveranstaltung wurde ein Erbsenschnitzel serviert, das geschmacklich und vom Eindruck her nur schwer von einem Fleischschnitzel zu unterscheiden war. Solche Ergebnisse sind mehr als ein PR-Moment, denn sie liefern Hinweise auf die verarbeitete Proteinmatrix, auf Textur- und Bindungseigenschaften sowie auf die Frage, wie stabil diese Merkmale zwischen Chargen bleiben. Genau daran setzt die nächste technische Hürde an: Der Anbau muss nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich und reproduzierbar sein, selbst wenn Wetterbedingungen und Krankheitsdruck variieren.

Die Herausforderungen liegen dabei an der Schnittstelle von Agronomie und Risikomanagement. Forschende nennen als zentrale Punkte Wirtschaftlichkeit und Anbausicherheit, denn Erträge schwanken teils stark, Krankheiten können den Anbau ausbremsen und die Vermarktung verläuft nicht immer nahtlos. Hinzu kommt ein Problem, das außerhalb der Landwirtschaft wenig bekannt ist: die sogenannte Bodenmüdigkeit. Nach dem Anbau von Erbsen müssen häufig mehrere Jahre vergehen, bevor wieder Erbsen auf derselben Fläche wachsen können, weil Krankheitserreger und andere Belastungen im Boden das System destabilisieren. Diese Phase ist entscheidend für die Skalierung, da sie Fruchtfolgekosten und Flächenplanung direkt beeinflusst.

Um diese Engpässe zu entschärfen, suchen Wissenschaftler nach Erbsenlinien, die robuster und ertragssicherer sind. Das Vorgehen ist im Kern eine Züchtungsarbeit, die Qualitäts- und Resistenzparameter gezielt testet, um seltene genetische Varianten zu identifizieren und neue Kombinationen zu schaffen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Anpassung an Trockenheit, die in Sachsen-Anhalt schon im Frühsommer auftreten kann. Wie Projektbeteiligte erläutern, könnte die Forschung zukünftig auch von einer Lockerung EU-rechtlicher Vorgaben für bestimmte gentechnische Verfahren profitieren. Befürworter erhoffen sich dadurch schnellere Entwicklungszyklen hin zu klimaresilienten Sorten, während Kritiker vor allem Sicherheits- und Governance-Fragen betonen würden.

Digitale Technologien sollen diese Entwicklungszyklen spürbar beschleunigen. Statt allein auf klassische Feldbeobachtung zu setzen, erfassen Drohnen auf Versuchsfeldern Daten zum Wachstum und zu Krankheitsbefall. Für die Züchtung ist das relevant, weil Stressresistenzen und andere wichtige Merkmale so besser vorhergesagt und gezielter ausgewählt werden können. Das ist im Vergleich zu rein manueller Erfassung nicht nur schneller, sondern potenziell auch konsistenter, weil Daten über mehrere Zeitpunkte und räumliche Bereiche hinweg standardisiert werden. Auch in der Verarbeitung sind digitale Verfahren vorgesehen: Ziel ist eine stärkere Standardisierung von Rohstoffen und Prozessen, damit Qualität und Funktionalität zwischen Lieferchargen weniger schwanken.

Von der Technik bis zum Arbeitsmarkt ist es zwar ein weiter Weg, doch die Projektlogik zielt explizit auf reale Wertschöpfung. Langfristig könnten neue Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen, etwa wenn pflanzliche Lebensmittel stärker in der Region hergestellt werden und nicht nur Rohstoffe exportiert werden. Gerade in einer Region mit großen Agrarbetrieben und einer dichten Forschungslandschaft entsteht dadurch ein Ökosystemeffekt: Praxis, Forschung und Innovationsdruck greifen ineinander und machen es leichter, Prototypen in marktfähige Produkte zu überführen. In ähnlichen Märkten zeigen Wettbewerber, dass die größten Skaleneffekte häufig dann entstehen, wenn Züchtungsdaten, Rezepturentwicklung und industrielle Verarbeitung enger gekoppelt werden als zuvor.

Ob die Erbse tatsächlich zum tragenden Baustein des Strukturwandels wird, bleibt offen. Entscheidend ist, ob es gelingt, Anbaurisiken dauerhaft zu senken und gleichzeitig die industrielle Verarbeitbarkeit so zu stabilisieren, dass Investitionen in Produktionsanlagen planbar sind. Die Nachfrage nach pflanzlichen Proteinen dürfte jedoch weiter wachsen, was die Chancen für eine Kulturpflanze erhöht, die lange im Schatten anderer Ackerkulturen stand. Für Unternehmen und Entwickler liegt die konkrete Zukunft in verlässlichen Datenketten: vom Feldsensor bis zur Chargenqualität, vom Züchtungs-Experiment bis zum standardisierten Zutatenprofil. Wenn diese Kette gelingt, könnte aus einer regionalen Spezialität eine skalierbare, digitale Industriekompetenz werden.


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